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SWR4 Abendgedanken

23APR2026
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Heute ist der internationale Tag des Buches. Ich mag Bücher. Richtige, gebundene Bücher. In der Hinsicht bin ich ein wenig altmodisch.

Zum einen natürlich, weil ich sehr gerne lese. Aber zum anderen, weil Bücher mehr sind als nur die Geschichten, die sich zwischen zwei Buchdeckeln verbergen. Für mich sind Bücher auch eine Verbindungen zu anderen Menschen.

Zum Beispiel findet sich in meinem Bücherregal eine abgegriffene Ausgabe von Hermen Hesses „Narziss und Goldmund“. Vor knapp zwanzig Jahren habe ich sie von einer alten Freundin bekommen. Ich lese das Buch alle paar Jahre und denke dabei nicht nur, wie schön die Geschichte immer wieder ist, sondern ich denke dabei auch an diejenige, die mir das Buch geschenkt hat. Oder wenn ich meine dicke, rote „Herr der Ringe“-Ausgabe dastehen sehe, dann denke ich immer an meinen Bruder, weil ich mich mit ihm stundenlang über Fantasyromane und -filme unterhalten kann. Oder wenn ich die gesammelten Gedichte von Rainer Maria Rilke zur Hand nehme, denke ich an meinen geistlichen Begleiter im Theologiestudium, der mir mal gesagt hat, dass die Gedichte von Rilke alles Gebete sind.

Bücher verbinden uns. Die Geschichten, die sie erzählen, ebenso, wie die Bücher selbst.

Und so ist es auch mit der Bibel und allen Geschichten, die darin erzählt werden.

Wenn ich zum Beispiel an die Texte rund um die Ostertage oder Weihnachten denke, dann erinnere ich mich immer daran, wie wir die großen Feste in der Familie gefeiert haben. Ich denke an die Aufregung vor der Bescherung an Heiligabend und habe den Weihrauchduft vom Gottesdienst in der Nase. Oder, wenn ich zum Beispiel die Zeilen „nichts kann uns trennen von der Liebe Christi“ aus der Bibel höre, dann denke ich an die ein oder andere Beerdigung, die ich als Priester gefeiert habe. An die Menschen, die damals vor mir saßen. Traurig. Wie angespannt ich selbst manchmal in dieser Feier war und wie schön es war, diese Worte zu hören oder sagen zu dürfen. „Nichts kann uns trennen von der Liebe Christi.“

Als Bücherfan weiß ich: Die Bibel ist nicht irgendein Buch, das Menschen für sich lesen. Sie macht uns zu einer Erzählgemeinschaft. Wir sind verbunden durch die Erfahrungen, die wir mit diesen Geschichten haben und auch mit den Menschen, die diese Geschichten vor uns gelesen haben und ihre Erfahrungen damit gemacht haben. Manchmal tieftraurig, manchmal aufgeregt, oft hoffnungsvoll. Die Bibel erzählt immer wieder, dass wir nicht alleine sind. Und genau das erfahren wir durch sie. 

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SWR4 Abendgedanken

22APR2026
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Der Apostel Thomas war ein toller Typ. Ich bin ein bisschen Fan von ihm. Ich weiß schon: Er wird von Vielen „ungläubig“ genannt. Aber ich finde zu Unrecht. Nur, weil er  nicht alles geglaubt hat, was andere ihm erzählt haben.

Thomas, das war einer der zwölf engsten Freunde von Jesus. Nachdem Jesus gekreuzigt worden war, wird in der Bibel erzählt, dass er drei Tage später unterschiedlichen Menschen erschienen ist, u.a. eben auch diesen Freunden. Nur: Thomas ist da nicht dabei gewesen. Warum? Davon wird in der Bibel nichts erzählt. Ich hab keine Ahnung, wo Thomas abgeblieben war. Vielleicht war er ja noch in Trauer, weil sein bester Freund umgebracht wurde. Vielleicht wollte er einfach alleine sein, war spazieren oder hat jemanden besucht, mit dem er reden konnte. So oder so, … er war nicht da. Und als er zurückkam, waren die anderen ganz aufgeregt und sagten: „Jesus war da. Er ist nicht tot. Er lebt.“

Jetzt mal ganz ehrlich. Wenn Sie dieser Thomas wären, würden Sie das glauben? Ich auf keinen Fall. Man kann doch nicht jeden Quatsch glauben, den andere einem erzählen. Das ist damals nicht anders gewesen als heute. Nur, dass Thomas das heute wahrscheinlich Fake-News nennen würde.

Und darum hat Thomas, für mich völlig verständlich, zu den anderen elf gesagt: „Das glaub ich nicht. Ich glaub das erst, wenn Jesus vor mir steht und ich ihn anfassen kann. Wenn ich ihn nicht nur sehe, sondern auch spüre. Denn, das könnte ja auch nur eine Halluzination sein, die da vor mir steht.“

Eine Woche später waren die Freunde wieder zusammen. Dieses Mal alle zwölf. Vielleicht haben sie Thomas gesagt, er muss dieses Mal dableiben. Und dann kam Jesus. Wirklich. Und er sagte zu Thomas: „Hier. Ich bin kein Geist. Wenn du willst, fass mich an. Hier ist meine Hand“.

Ob er ihn dann berührt hat, dass wissen es nicht. Das wird in der Bibel nicht erzählt. Aber es heißt, dass Thomas dann selbst so angerührt und berührt war, dass er nur noch sagen konnte: „Mein Herr und mein Gott.“

Für mich ist Thomas ein Beispiel, dass man nicht einfach alles nur glauben muss. Dass man auch Fragen stellen darf und manches hinterfragen. Und, dass man manche Erfahrungen einfach erst selber machen muss und dann sagen kann: „Ok, das stimmt. Ich glaub das.“

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SWR4 Abendgedanken

21APR2026
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753 – Rom schlüpft aus dem Ei. Das habe ich im Lateinunterricht gelernt. 753 vor Christus soll Rom von Romulus gegründet wurden sein. Und der Legende nach war es am 21. April. Deshalb feiert Rom heute Geburtstag. Happy Birthday.

Ich liebe diese Stadt. Sie ist vielleicht ein wenig chaotisch. Aber ich mag gerade das. Dass dort an jeder Ecke gleichzeitig Spuren der Antike, des kirchliches Lebens und der Moderne zu finden sind. Dass ich auf den 200 Metern zwischen Kolosseum und der nächsten Kirche faktisch überall einen Espresso trinken und ein Eis essen kann.

Ich versuche jeden Jahr mindestes einmal dort zu sein.

Neulich hat ein Student mich gefragt: Ist das nicht stressig? In Rom Urlaub zu machen? In so ner großen Stadt, mit so vielen Menschen. Ich habe gesagt: „Für mich eben nicht. Weil mich Rom total entschleunigt“ 

Ich hab dort eine zeitlang studiert und war da schon wirklich oft. Ich habe noch nicht alles gesehen, aber doch schon vieles. Und gerade deswegen ist es für mich total entspannend dort zu sein. Erstens kenne ich mich einigermaßen aus und muss nicht lange nachschauen, wie ich von a nach b komme. Und zweitens hab ich das Gefühl, in Rom muss ich nichts tun. Das ist ganz anders, wenn ich zum Beispiel in Paris bin, das ich nicht so gut kenne, dann denke ich die ganze Zeit: „Ich muss heute unbedingt noch in den Louvre und auch noch Notre Dame anschauen.“ Und genau diesen Gedanken habe ich in Rom nicht. Sondern es ist egal, wenn ich einen Morgen lang nur spazieren gehe oder auch mal für zwei Stunden einfach in einem Café sitze und ein Buch lese. Und ich weiß auch: Selbst, wenn ich mir was vorgenommen habe und es nicht schaffe, dann ist es egal, denn ich bin ja sicher bald wieder mal dort. Und das alles zusammen ist so entschleunigend.

Ich denke, es ist wichtig, solche Orte zu kennen. Solche Orte zu haben. Es muss gar nicht immer Rom sein. Der Geburtstag von Rom heute erinnert mich nicht nur an meine Sehnsucht nach dieser Stadt, sondern auch daran, dass ich mir das auch im Kleinen, in den kommenden Tagen, mal wieder gönnen sollte: Mir nicht zu viel vornehme. Nicht alles durchplane. Einfach mal ne Stunde ziellos herumspaziere oder mich irgendwo hinsetze, um zu lesen oder nen Kaffee trinke. Einfach einen Moment Ruhe zu habe, ohne darüber nachzudenken, was ich heute noch tun sollte.

Nicht nur alle Wege führen nach Rom. Ein bisschen Rom kann mir auch auf allen anderen Wegen begegnen.

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SWR4 Abendgedanken

20APR2026
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Ich denke manchmal an Frau Keinath. Frau Keinath war eine ältere Dame aus der Gemeinde, in der ich früher Pfarrer war. Leider ist sie inzwischen schon verstorben. Sie hatte einen unglaublich charmanten, französischem Akzent, immer ein Lächeln auf den Lippen und sie saß im Gottesdienst meist vorne in der zweiten Reihe.

Sonntag für Sonntag, zusammen mit ihrem Mann. Ich war immer beeindruckt davon, wie innig sie mitgefeiert hat, wie aufmerksam sie gewesen ist. Manchmal hat sie mich nach dem Gottesdienst angesprochen, hat mir gesagt, wie gut ihr ein Gedanke aus der Predigt gefallen hat oder eine Formulierung in einem Gebet.

Für mich war damals völlig klar: Sie und ihr Mann sitzen immer vorne, weil sie erstens so fromm sind und nah dabei sein wollen und zweitens vielleicht auch, damit sie alles gut hören und verstehen können, da beide schon ältere Semester sind.

Doch dem war nicht so. Frau Keinath hat mir nämlich irgendwann erzählt, dass es einen ganz anderen Grund gibt. Sie sagte (ich wünschte, ich könnte ihren französischen Akzent nachmachen, aber ich versuche es erst gar nicht): „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich weiß ganz genau, wenn ich weiter hinten sitze, dann habe ich viele Menschen vor mir. Und ich kenne mich. Dann überlege ich die ganze Zeit: Mein Gott, was hat die heute denn für einen Hut auf oder was hat der für eine Jacke an. Zum einen will ich nicht so über andere Menschen denken, und zum anderen lenkt mich das einfach zu sehr ab. Ich kann mich dann nicht mehr auf den Gottesdienst konzentrieren.“

Ich war ehrlich gesagt ein wenig geschockt über ihre Aussage. Selbst sie, die so freundlich und fromm ist, kann nicht anders, als Menschen nach ihrem Äußeren zu bewerten. Aber dann dachte ich: „Wie schön, ..., dass sie sich selbst so gut kennt. Dass sie einen Weg gefunden hat, ihren Vorurteilen nicht mehr Raum zu geben.“

Manchmal, wenn ich mich nun dabei erwische, Menschen aufgrund ihres Äußeren in irgendwelche Schubladen zu stecken. Egal, ob ich dabei gerade im Zug unterwegs oder in der Kirche bin. Dann denke ich an Frau Keinath. Dann konzentriere ich mich auf mein Buch, das ich gerade lese oder einfach auf den Gottesdienst. Und dann lächle ich innerlich und denke: „Danke, Frau Keinath! Mögen Sie in Frieden ruhen.“

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13FEB2026
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Am Sonntag soll man ausruhen und nichts arbeiten.

Die Idee stammt aus der Bibel. Gott soll die Welt in sechs Tagen erschaffen und am siebten Tag ausgeruht haben. Im Judentum ist dieser Tag der Samstag, der sogenannte Sabbat. Im Prinzip meint dieser Tag: Mach‘s wie Gott. Arbeite die Woche über, aber ruh dich dann auch aus.

Ist dieser Tag nun aber ein Geschenk oder eine Vorgabe?

Also: Darf ich mich daran halten oder muss ich mich daran halten?

Diese Frage ist so alt, wie die Bibel selbst. 

Jesus hat manchmal am Sabbat Menschen geheilt. Aber ist einen Menschen zu heilen eine Art Arbeit? Für einige der damaligen Gesetzeslehrer schon. Sie sagten gleich: Wie kann er nur. Das darf er nicht. Und Jesus sagt ihnen dann: „Für wen gibt es diesen Tag denn? Ist der Sabbat für den Menschen da oder der Mensch für den Sabbat?“ Er hat sie also aufgefordert über diese Regel nachzudenken: Wann ist sie sinnvoll und wann nicht? Denn sich blind an Regeln zu halten, ohne den Menschen, für den sie da ist, im Blick zu haben, bringt nichts. Ganz im Gegenteil.

 

Regeln sind ja etwas total Wichtiges. Sie geben uns Sicherheit. Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn wir keine gemeinsamen Straßenverkehrsregeln hätten? Das würde Chaos bedeuten und wäre darüber hinaus auch noch gefährlich für alle Beteiligten.

Trotzdem kann es auch ein Zuviel der Regelkonformität geben. Wenn ich zum Beispiel nachts an einer Fußgängerampel stehe. Nirgends ist ein Auto zu sehen und auch kein Kind in der Nähe, dem ich ein schlechtes Beispiel sein könnte. Dann frage ich mich schon: Ist die Ampel für mich da oder bin ich für die Ampel da? Warum gehe ich nicht einfach drüber? Ich möchte auf keinen Fall, dass sie jetzt bei Rot über die Straße gehen. Aber ich finde, wir müssen uns nicht nur an Regeln halten, sondern wir dürfen auch darüber nachdenken, wofür es sie gibt.

 

Karl Rahner, ein bekannter Theologe aus dem letzten Jahrhundert, hat das einmal sehr schön auf dem Punkt gebracht. Er wurde einmal gefragt, ob er kurz erklären kann, was ein Dogma ist. Ein Dogma, das ist eine der verbindlichsten kirchlichen Aussagen. Man könnte sagen: Eine sehr eindeutige Regel. Karl Rahner sagt aber dazu: „Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest“.

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SWR4 Abendgedanken

12FEB2026
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Ich erinnere mich noch an eine schlimme Nacht. Die Nacht in der ich das erste Mal einen Menschen reanimieren musste. Erfolglos.

Ich habe die Wohnung noch vor Augen. Die Frau des Mannes, den wir reanimierten, wie sie fassungslos und weinend neben uns stand. Wie sie verzweifelt ihre Kinder anrief und diese dann nacheinander kamen. Ich erinnere mich an den Arzt, der irgendwann zu der Frau sagen musste: „Es tut mir leid…“. Und dann, wie mein Kollege und ich schweigend zur Rettungswache zurückgefahren sind. Wie er in der Garage den Motor ausgemacht und mich gefragt hat: „War das Deine erste Reanimation?“ und ich schweigend genickt habe.

Damals war ich Zivi im Rettungsdienst. Diese Nacht ist jetzt sechsundzwanzig Jahre her. Und trotzdem habe ich das Gefühl, als ob es erst gestern gewesen wäre.

Und an noch etwas erinnere ich mich. Genauso gut. An einen anderen Kollegen, der uns Zivis ein wenig unter seine Fittiche genommen hatte und gleich zu Beginn unserer Ausbildungszeit gesagt hat: „Wenn irgendwas ist, wenn euch etwas beschäftigt, nach einem Unfall, einer Reanimation oder sonst was Blödes passiert ist, sagt es mir. Wenn ihr wollt, sprecht mit mir darüber. Ich bin für Euch da.“

Ich weiß noch, wie leer und hilflos ich mich nach dieser ersten Reanimation gefühlt habe. Ich weiß aber noch genauso, wie dankbar ich war, dass es da jemanden gab, mit dem ich darüber reden konnte. Interessanterweise erinnere ich mich nicht mehr daran, worüber wir gesprochen haben. Aber sehr wohl an das Gefühl, dass da jemand war, der mich mit all dem nicht allein gelassen hat. Dieses Gefühl begleitet mich bis heute.

Vielleicht ist es eine der Erfahrungen, warum ich Seelsorger geworden bin. Ich liebe meinen Beruf und gleichzeitig sag ich ganz ehrlich: Das ist nicht immer einfach. Mit Eltern zu sprechen, die ihr Kind verloren haben. Oder mit Menschen, die so unter ihrer Postcovid-Erkrankung leiden, dass ihre ganze Lebensplanung über den Haufen geworfen worden ist. Oder mit denen, die einfach schrecklich einsam sind. Aber gerade, weil es nicht einfach ist, ist es wichtig, dass Menschen nicht allein gelassen werden.

Und Seelsorger in diesem Sinne kann jeder sein. Menschen brauchen oft nicht viele Worte, sondern einfach jemanden mit einem offenen Ohr. Jemand, der sagt: „Wenn irgendwas ist, ich bin für Dich da“.

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11FEB2026
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Die Närrischen Tage stehen an.

Sie sind ja zum einen dafür da, um vor der Fastenzeit nochmal ausgelassen zu feiern. Und zum anderen, um die herrschenden Verhältnisse für wenige Tage umzukehren. Rathäuser werden gestürmt. Nicht mehr der Bürgermeister regiert, sondern die Narren. Es ist eine Revolution. 

Morgen zum Beispiel haben es Krawattenträger besonders schwer.

An Weiberfasching oder, wie man bei mir daheim sagt, Weiberfasnet, da führen die Frauen das Regiment und dürfen den Männern die Krawatten abschneiden. Eigentlich traurig, dass es so einen Tag immer noch gibt. Nicht wegen den Krawatten, aber wegen der mangelnden Gleichberechtigung.

Für mich hat Weiberfasnet nämlich auch damit zu tun.

Es gab schon im Mittelalter während Karneval und Fasching einen Tag an dem die Frauen das taten, was sie sonst nicht durften. Dabei ging es um Dinge, wie zum Beispiel Kartenspielen. Auf die Spitze haben es im Jahr 1824 die Wäscherinnen im Bonner Stadtteil Beuel getrieben. Sie haben dort kurzerhand einen Verein gegründet und am Donnerstag vor Karneval die Arbeit niedergelegt. Um sich eine Teilnahme am Karneval zu erstreiten, denn der war bis dahin den Männern vorbehalten. Die abgeschnittenen Krawatten sind, über hundert Jahre später, ein schwaches Relikt dieser damaligen Revolution.

Deshalb ist es traurig, dass es diesen Tag immer noch gibt. Denn, wenn diese närrischen Tage nicht nur dafür da sind, um zu feiern, sondern immer noch, um gesellschaftliche Hierarchien zu kritisieren und auf den Kopf zu stellen, dann braucht es die Weiberfasnet weiterhin. Denn: in so vielen Berufen verdienen Frauen bis heute für die gleiche Arbeit weniger? Und wie viel Arbeit in Krankenhäuser, Kindergärten und Pflegeeinrichtungen wird hauptsächlich von Frauen geleistet?

Von meiner eigenen Kirche gar nicht zu sprechen ...

Ich hätte da mal einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn morgen, nur für einen Tag, Frauen all das in der katholischen Kirche täten, was sonst Männern vorbehalten ist? Etwa, dass sie Messe feiern und Beichte hören. Weil, es doch Fasnet ist. Die Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Wahrscheinlich würde das nicht alles auf einmal ändern, aber vielleicht würde es helfen, dass Frauen in der katholischen Kirche irgendwann auch da vorne am Altar stehen. Und zwar nicht nur für einen Tag. Sondern dass es so normal ist, wie Kartenspielen.

In diesem Sinne ihnen allen eine glückselige Weiberfasnet.

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SWR4 Abendgedanken

10FEB2026
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Ich stehe an der Kasse eines Museums. Vor mir liegen knallpinke Postkarten

mit einem goldenen Bilderahmen. Über dem Bilderrahmen steht in giftgrüner Schrift: „Wo siehst Du Gemeinschaft?“ und dort, wo in dem Bilderrahmen eigentlich ein Bild sein sollte, ist ein Loch ausgestanzt. Man kann durschauen. Ich stehe ein wenig ratlos vor den Karten.

 „Die dürfen sie gerne mitnehmen“, sagt die Dame hinter der Kasse. Ich bin mir nicht sicher, was ich damit soll, aber ich lächle, bedanke mich und nehme eine Karte. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass da noch mehr Karten derselben Art liegen, nur mit anderen Fragen: Auf einer steht: „Wo siehst Du Schönheit?“ und auf einer dritten: „Wo siehst Du Hoffnung?“

Die Dame lächelt mich noch einmal an: „Nehmen sie von jeder eine mit. Dürfen sie behalten.“ Gesagt getan.

Ich betrete das Museum[1] und vor mir steht auf einem Sockel eine hölzerne Skulptur mit drei Personen. Und plötzlich kapiere ich, wofür die Karten gut sind. Sie sind zum Durchschauen. So, wie man früher durch den Sucher beim Fotoapparat durchgeschaut hat. Ich halte die Karte hoch und sehe eingerahmt nur noch die drei Gesichter der Skulptur. Im Hinterkopf die Frage der ersten Karte: „Wo siehst Du Gemeinschaft?“ Und dann denke ich: „Was für eine schöne Idee.“ Die Karten sollen mir helfen, mich im Museum zu fokussieren. Um mich bei jedem Bild und jeder Figur zu fragen: Wo sehe ich Gemeinschaft oder Schönheit oder Hoffnung? Auf meinem Weg durchs Museum nehme ich sie immer wieder zur Hand, schaue durch und denke über die Fragen nach.

Die Karten kommen erst einmal nur wie eine nette Spielerei daher. Ich finde aber, es ist mehr. Sie helfen mir, meinen Blick zu schärfen und mich darauf zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

Ich habe die Karten mit nachhause genommen. Und ab und zu kommen sie nun zum Einsatz, wenn ich abends bete. Wenn wieder sehr viel los war am Tag, ich gefühlt mit tausend Leuten gesprochen habe und mir der Kopf schwirrt. Dann schließe ich vor dem Zubettgehen die Augen und schaue mit den Fragen auf den Postkarten auf meinen Tag. Wo habe ich heute Gemeinschaft erlebt? Was hat mir Hoffnung gegeben? Und was war einfach nur schön? Ich gebe zu, es ist nicht immer einfach. Aber ich finde immer etwas, um anschließend „Danke“ zu sagen.

 

[1] Das neu gestaltete Diözesanmuseum in Rottenburg am Neckar: https://dioezesanmuseum-rottenburg.de/

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SWR4 Abendgedanken

09FEB2026
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Ohne Musik könnte ich nicht leben. Sie begleitet mich schon mein Leben lang.

Meine Nachbarin hat früher immer lachend erzählt, dass sie gewusst hat, wann bei mir die Schule aus war. Weil ich dann auf dem Fahrrad laut singend das Dorf hinunter gefahren bin.

Später habe ich im Kirchenchor gesungen und dann auch einige Zeit in einer Rockband. Gemeinsam Musik zu machen ist etwas so Wunderbares. Wer in einem Chor singt oder in einer Musikapelle spielt, weiß wovon ich rede.

Auch einen Gottesdienst kann ich mir ohne Musik kaum vorstellen. Weihnachten, ohne das gemeinsame „Oh, du fröhliche“. Was für eine traurige Veranstaltung wäre das denn bitte?

Musik kann Menschen verbinden. Nicht nur gemeinsam singen, auch zusammen Musikhören. So wie hier im Radio. Und, nicht zu vergessen, Musik hat eine sehr heilsame Seite.

In der Bibel wird erzählt, dass König Saul schwermütig war und David dann für ihn auf der Harfe gespielt hat. Und, dass es ihm dann besser ging!

Das erlebe ich auch. Wie Musik meine Stimmung verändert. Mich irgendwie tiefer und anders berührt als das Worte alleine könnten.

Genau das beobachte ich grad auch bei meinem Vater. Er hat sein Leben lang in einer Musikkapelle gespielt und auch immer gerne Blasmusik gehört.

Jetzt ist er Mitte achtzig und dement. Wenn er mit mir vor dem Fernseher sitzt, weiß ich nicht immer, was er davon noch mitbekommt. Aber wenn dort dann Blasmusik läuft, verändert er sich. Ich merke sofort, wie er aufmerksam wird, sein Knie mitwippt und auch seine Finger bewegen sich schnell. Als wolle er mitspielen. Er ist für einen Moment hellwach und fängt an zu strahlen.

Ich glaube, Musik hilft uns im Augenblick zu sein. Für einen Moment nicht der Vergangenheit nachzuhängen oder mit Sorge auf die Zukunft zu schauen, sondern einfach zuzuhören. Genau jetzt. Vielleicht liegt das daran, dass die Musik selbst so flüchtig ist. Sie nur von Note zu Note existiert.

Während ich so rede, merke ich, dass ich in den letzten Monaten eindeutig zu wenig Musik gemacht habe. Das muss ich ändern. Gleich nachher rufe ich einen Freund an, ob wir uns endlich mal wieder zum Musikmachen treffen. Einfach so, weil es so wunderbar und heilsam ist.

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21NOV2025
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Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag. Der November ist der Monat, an dem viele Menschen an ihre Toten denken. Viele besuchen auch die Gräber der Verstorbenen. Sie denken dabei an das, was sie mit diesen Menschen verbunden hat und vielleicht bis heute verbindet. Einerseits für manche schmerzhaft, weil sie an einem Grab so unmittelbar erinnert werden, dass dieser Menschen ihnen fehlt. Andererseits auch schön. Ich weiß aus meiner Familie, wie so ein Totengedenken die noch Lebenden an einem Grab zusammenbringt. Wie ein Grab ein Ort des Verlustes sein kann, aber auch der Begegnung. Wenn es denn ein Grab gibt.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Beerdigung als Gemeindepfarrer. Vor mir saß eine Familie, die unglaublich traurig war, dass Ihr Vater und Opa verstorben war. Aber neben der Trauer und dem Tod gab es etwas, mit dem die Familie gar nicht zurechtkam. Der Verstorbene hatte verfügt, anonym bestattet zu werden, das heißt es würde kein Grab geben. Keinen Namen, der auf einem Grabstein steht. Sie würden nicht mal wissen, wo genau die Urne ihres Vaters bzw. Opas beerdigt worden ist. Das war für sie unvorstellbar.

Ich konnte mir schon vorstellen, weshalb der Verstorbene sich so entschieden hatte. Vielleicht wollte er nicht, dass es ein Grab gibt, das gepflegt werden muss. Vielleicht wollte er auch nicht, dass Menschen zu seinem Grab kommen und die Trauer dadurch immer wieder neu hochkommt. Das kann ich alles verstehen. Trotzdem saß da vor mir eine Familie, für die es undenkbar war, nach der Trauerfeier keinen Ort zu haben, wo sie hingehen können. Ich tue mir auch schwer mit anonymen Gräbern, weil mir persönlich Orte und Namen helfen, mich an konkrete Menschen zu erinnern.

Wir haben lange darüber geredet und schließlich eine Lösung gefunden, die dem Wunsch des Verstorbenen respektiert und trotzdem dem Anliegen der Familie gerecht wird. Auf dem dortigen Friedhof gibt es nämlich Bäume, an denen Urnen bestattet werden können. Ohne Namen. Wir haben mit der Friedhofs-Verwaltung geklärt, dass die Urne nach der Trauerfeier an einem solchen Baum bestattet wird. Noch in Anwesenheit der Familie. So wurde allen genüge getan. Es war ein anonymes Grab, wie es der Verstorbene wollte und trotzdem wussten die Kinder und Enkel, wo es war. Sie hatten einen Ort, den sie auch in Zukunft besuchen konnten. Vielleicht haben sie es auch in diesen Tagen getan.

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