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11APR2026
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„All‘ Morgen ist ganz frisch und neu. Des Herren große Gnad du Treu, sie hat kein End‘ den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“ Das sind Zeilen eines alten Kirchenliedes. Jetzt im Frühling, da fallen mir die alten Zeiten immer wieder mal ein: unterwegs mit meinem Hund quer über die Felder. Zum Glück manchmal auch, wenn es kein guter Morgen ist, und irgendwas anstrengendes und stressiges hat an meiner Seele nagt. Trotzdem fällt mir manchmal ein: „All Morgen ist ganz frisch und neu.“ Wenn ich, draußen, mit dem Hund, bergauf etwas aus der Puste komme und die frische Luft in den Lungen spüre. Oder weil der Himmel immer heller wird und der Tag allmählich zu leuchten anfängt. Ein neuer, frischer Morgen. Zeit – mir von Gott geschenkt, und die unberührt vor mir liegt wie mein Weg durch die Felder auf meinem Spaziergang.

Ich bin tatsächlich eher der schwermütige Typ. Auch vor ein paar Tagen hat mir das wieder zu schaffen gemacht - und da hat der Gedanke gutgetan: Des Herren große Gnad‘ und Treu, sie hat kein End‘ den langen Tag. Das hat mich ein Stück aufgerichtet. Den Kopf gehoben. Kopf hoch, und den Blick frei nach vorn richten. Und dann Schritt für Schritt.

Ich weiß nie genau, wie lange diese Ermutigung dann anhalten wird. Und wenn ich wieder eher schwermütig werde, dann erinnere ich mich kaum, wie sich das eigentlich angefühlt hat. Aber sehr wohl daran, dass sie da gewesen ist – und deshalb auch wiederkommen kann! Ganz besonders morgens, wenn es langsam hell wird und ein neuer Tag zu strahlen anfängt. Ein neuer, frischer Morgen. Zeit, die Gott mir schenkt und die noch ganz unberührt vor mir liegt. Und Gott ist treu, ist dabei, jedesmal, wenn ein neuer Tag anbricht. Und den ganzen langen Tag hat seine Gnade kein Ende. Seine Begleitung, seine Zugewandtheit zu mir und allem, was vielleicht gerade an der Seele nagt.

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10APR2026
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Ostern liegt jetzt fast eine Woche zurück. Aber einen Gedanken daraus nehme ich mit: Immer wenn ich mich gesehen fühle, mich und alles, was mich ausmacht, dann ist Ostern präsent: Wie in der Erzählung der Bibel, in der Maria von Magdala frühmorgens auf den Friedhof kommt.

Maria ist an diesem Morgen am Tiefpunkt. Jesus, der Mann, bei dem sie sich geborgen gefühlt hatte, der sie gesehen hatte - und was sie als Mensch ausmacht - der war gestorben. Ja, er war ermordet worden, völlig sinnlos. Geblieben ist ihr nichts - außer ihrer Trauer.

Aber sogar die wird ihr jetzt, an diesem Morgen auf dem Friedhof genommen. Denn sie findet das Felsengrab geöffnet und leer. Nicht einmal ein Grab, an dem sie sich ihrem Freund und Herren noch ein wenig verbunden fühlen kann, ist ihr geblieben. Ihr bleibt nicht einmal ein Ort für ihre Tränen.

Da begegnet ihr ein Mann - aber er kann ihr nicht helfen. Seine Worte erreichen sie nicht. Ein weiterer Mann spricht sie an - anscheinend der Gärtner des Friedhofs. In der biblischen Erzählung ist dieser Mann Jesus selbst. Aber - Maria erkennt ihn nicht. Sie will von dem vermeintlichen Gärtner nur wissen, wo sie den Leichnam ihres Freundes finden kann. Und obwohl genau der vor ihr steht, ist von Ostern nichts zu spüren. Ob Jesus nun begraben oder schon auferstanden ist - für Maria ist er gestorben.

Doch dann kommt der Moment, an dem es Ostern wird. Ganz ohne Spektakel, Blitz, Donner oder Special Effects. Es ist der Moment, an dem Jesus seine Jüngerin mit ihrem Namen anspricht: Maria.

Maria hört ihren Namen. Spürt, dass da einer ist, der sie meint, der sie kennt: sie, Maria, mit allem, was sie ausmacht. Mit einem Mal ist sie nicht mehr allein. Denn Jesus kennt sie und sie weiß: Bei Gott habe ich einen Platz.

Den eigenen Namen hören, eine Heimat haben, die nichts zerstören kann. Dann ist es Ostern, meine ich. Denn in dem Moment, an dem Gott selbst meinen Namen ausspricht weiß ich: Ich bin niemals allein.

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09APR2026
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„Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? lautete die Frage bei einer Straßenumfrage zu Ostern. Und ein Mann hat geantwortet, dass das für ihn schon eine faszinierende Vorstellung ist: wenn es nach dem Tod für ihn irgendwie weitergehen würde… Also offen sein für die Idee – wieso nicht?

Klar: Wieso nicht? Allerdings ist Ostern jetzt vorbei. Da haben sich solche bloßen Gedankenspiele doch erst mal erledigt – bis nächstes Jahr. Und die Aufmerksamkeit wandert allmählich wieder in Richtung Alltag und die Krisen und Probleme unserer Zeit.

Oder aber: Ostern ist vorbei – und wirkt nach - gerade dann, wenn mir die Meldungen aus den Kriegsgebieten wieder stärker auf die Pelle rücken. Überhaupt die Nachrichten über Gewalt und Unrecht. Wenn die Bibel erzählt, wie Jesus an Karfreitag unschuldig hingerichtet wird, dann ist das gleichzeitig auch die Geschichte von den Menschen heute, die im Leben unter die Räder kommen, zu früh sterben müssen, krank werden oder durch einen Unfall ihr Leben verlieren. Wenn die Bibel erzählt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, dann geht es genau um sie, und dass es auch für sie nach dem Tod noch Gerechtigkeit geben kann und sie geborgen und in Sicherheit sind - wie auch immer das dann aussehen mag.

Gibt es ein ewiges Leben? Als Hoffnung, dass kein Mensch umsonst gelebt hat sondern geborgen ist und es auch bleibt – in Ewigkeit? Ich möchte das glauben – auch wenn mir andere sagen, dass das nach billigem Trost klingt. Und mir auch kein Stück weiterhilft bei der Frage, warum Gott das Schreckliche überhaupt zulässt.

Gott lässt es zu und ich habe das Gefühl, dass ich auch nicht viel dagegen tun kann – manchmal sogar Teil des Problems bin.

Und das macht mir schon auch Angst, dass ich nichts ausrichten kann. Und ich manchmal nur an der Seite von jemand bleiben kann, dem es schlecht geht - auch wenn ich nicht helfen oder heilen kann. Ich will’s aber versuchen – und dafür brauche ich die Hoffnung, dass Gott am Ende für Gerechtigkeit sorgen wird, und sogar den Tod überwindet.

Wie es sein wird, nach meinem Tod: ob und wie es weitergehen wird -  das werde ich wohl sehen, wenn es soweit ist. Und vertraue bis dahin auf das Versprechen von Jesus, das er mir gibt, wenn er sagt: „Hier, in dieser Welt, da hast du Angst. Aber sei getrost – ich habe diese Welt überwunden.“  

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08APR2026
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Im Moment versuche ich, meinen Haushalt etwas auszumisten. Im Sommer werde ich nämlich umziehen, und das geht natürlich einfacher mit „leichtem Gepäck“. Allerdings - das Geschirr, zum Beispiel, das ich von meiner Patentante geerbt habe: das wollte ich eigentlich schon bei meinem letzten Umzug weggeben, und bin nicht sicher, ob ich‘s dieses Mal über mich bringe. Es ist nämlich wirklich schön und auch hochwertig. Aber weil ich ja auch noch mein eigenes habe – UND dann noch ein knallbunt fröhliches, das ich von irgendeiner Reise mitgebracht habe… habe ich das von meiner Tante eigentlich nie benutzt.

Es macht eben auch mal Spaß, sich was Neues und Modernes zu kaufen. Aber was wird dann mit den alten Sachen? Das Problem gibt es noch gar nicht so lange. Denn früher haben die meisten Leute ihre Sachen so lange wie möglich benutzt. Oder sie mussten sich nach dem Krieg etwas Neues aufbauen. Das sollte dann aber auch bleiben und Bestand haben.

Wie bei meiner Tante mit ihrem Geschirr. Das hat sie sich ja nicht einfach mal eben gekauft. Sie hat es sich regelrecht erobert. Hat sich immer wieder ein paar Teller oder Gläser dazugekauft wenn sie das Geld hatte - wahrscheinlich über Jahre hinweg.  Und sie wollte etwas wirklich Schönes, Beständiges nach den Kriegsjahren. Was ich – die Nichte – vielleicht einmal übernehmen würde. 

Eigentlich hätte ich mich mit ihr darüber mal unterhalten sollen, denke ich jetzt: was ihr ihre kleinen Schätze wirklich bedeutet haben, die sie sich da zusammengesammelt hat. Und was sie wohl gesagt hätte zu dem Spruch aus der Bibel: dass wir im Leben keine irdischen Schätze sammeln sollen, weil die irgendwann ja doch von Rost und Motten gefressen werden. Jesus macht hier die klare Ansage: Was wir hier so ansammeln, das hat keinen Bestand. Deshalb: sich lieber auf den Himmel konzentrieren und Schätze sammeln, die wirklich zählen: Verbundenheit untereinander, gerechte Verteilung, damit alle genug haben. Liebe und Nächstenliebe.

Tja, und wie ich in Gedanken mit meiner verstorbenen Patentante darüber diskutiere, da brauche ich plötzlich keinen Ratgeber mehr fürs Ausmisten. Und mir ist klar, dass ich ihr Geschirr behalten werde: nicht, weil es irgendwie wertvoll ist und ich drauf aufpassen sollte. Sondern weil ich es benutzen sollte und dabei an sie denken sollte.

Ausmisten und weggeben werde ich das bunte Geschirr, das von der Reise. Da blättert auch schon die Lasur ein wenig. Das von meiner Tante, das bleibt.

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07APR2026
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Das Osterfest ist jetzt zwar vorbei – aber: Wenn man eine Kirche betritt, dann ist Ostern trotzdem noch da – eigentlich immer! Und das liegt tatsächlich einfach – am Gebäude selbst. Die allermeisten Kirchen sind  nämlich nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Und fast immer zeigt der Chorraum, also der Bereich, in dem innen der Altar steht, nach Osten – und das ist kein Zufall: Imim Osten geht die Sonne auf. Von da kommt das Licht und beginnt jeder neue Tag.

Ich bin ja eher keine Frühaufsteherin. Aber wenn es sich ergibt, und ich den Tag in einer Kirche mit großen und bunten Fenstern beginne, dann sehe ich, wie sie regelrecht anfangen, zu predigen: wenn ein neuer Morgen die Fenster zum Leuchten bringt, und die ihre Farben über die Mauern und Wände tanzen lassen, dann erzählen sie von Ostern. Von dem Morgen, an dem Jesus auferstanden ist, dem Tod seine Macht einfach weggenommen hat. Und das Leben ganz neu beginnt.

Die bunten Fenster erzählen von Hoffnung. Genau wie eine Pfarrerin im Gottesdienst, oder wie der Organist mit seiner Musik an der Orgel. Und das Licht vertreibt ja nicht einfach nur die Nacht. Es vertreibt auch die trüben Gedanken, die mich abends und nachts manchmal plagen – bis hinein in meine Träume. Viele Menschen kennen dieses Gefühl. Wie schön ist es dann, wenn es endlich hell wird, und wenn der neue Tag einen herausreißt aus der Gedankenmühle. Den Kopf heben nach der langen Nacht, durchatmen und in einen neuen, frischen Tag starten – in eine neue Zeit.

Wenn ein neuer Tag anbricht, dann ist das manchmal wie eine Erlösung – natürlich auch, wenn man morgens zu Hause ganz normal aufsteht und nicht gerade in einer Kirche ist. Aber jede Kirche erzählt davon. Wie es ist, wenn das Licht aus dem Osten Erlösung bringt von den Schrecken einer langen, dunklen Nacht.

In einer Kirche ist Ostern deshalb eigentlich nie vorbei. Denn sogar mit ihren Steinen ihrem Fensterglas will sie Mut machen. Und Hoffnung verbreiten: Hoffnung, dass jede Nacht einmal endet – und sei sie noch so finster – und ein neuer Tag anbricht und eine neue Zeit.

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04APR2026
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Morgen – in aller Herrgottsfrühe – feiern wir in unserer Gemeinde die Auferstehung Jesu. Eine der biblischen Lesungen in dieser Liturgie erzählt, wie das Volk Israel auf seiner Flucht aus Ägypten am Roten Meer mit knapper Not der Streitmacht des Pharaos entkam (Buch Exodus 14,15 – 15,1). Als Mose seinen Stab erhob, spaltete sich das Meer. Trockenen Fußes erreichten die Israeliten das rettende Ufer. Aber dann geschah es: Über den nachrückenden Ägyptern schlugen die Fluten wieder zusammen, Ross und Reiter versanken samt ihren Streitwagen im Meer.

Mir und vielen Besuchern jagt diese entsetzliche Mär am Ostermorgen einen kalten Schauer über den Rücken. Gott errettet sein Volk aus Knechtschaft und Sklaverei und führt es hinüber in ein neues Leben, soll damit wohl gesagt sein. Aber warum müssen dann die Ägypter ersaufen? Ging‘s nicht auch eine Nummer kleiner? Gewiss weinten damals ägyptische Kinder um ihre Väter und Frauen um ihren Mann.

Ich mache mir darauf folgenden Reim: Wer hier absäuft, sind die Soldaten, keine Frage! Gemeint aber ist das Heer, das Gewaltsystem, die Streitmacht der Verfolger. Die soll auf Kommando das fliehende Volk mit militärischer Gewalt wieder einfangen, um es im „Lande der Knechtschaft“ weiter auszubeuten und zu unterdrücken. Der Gott aber, den wir im Juden- und im Christentum gemeinsam bekennen, duldet keine Sklaverei. Er steht auf der Seite der Verfolgten und vernichtet daher das perverse tödliche Gewaltsystem.

Es ist also die Kriegsmaschinerie, über der in dieser Erzählung die Fluten zusammenschlagen. Krieg bringt Tod, aber nicht das Leben. Und daher fährt der Krieg zur Hölle. Von dort kommt er und dort gehört er hin. Zum Teufel mit ihm! Er hat verspielt – für immer und ewig! So interpretiere ich diese Geschichte.

In unseren Kirchen bringen wir sie mit der Auferstehung Jesu in Verbindung. Wenn morgen früh am Ende unserer Feier das Morgenrot aufsteigt und die Nacht versinkt, bekennen wir als christliche Gemeinde: Christus lebt. Und uns allen ist Leben zugesagt: Hier in dieser begrenzten irdischen Wirklichkeit und dann einmal im ewigen Licht bei Gott.

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02APR2026
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Der heutige Gründonnerstag hat nichts mit der Farbe Grün zu tun. In der ersten Silbe steckt das Wort greinen, ein Synonym für weinen: Dem Gründonnerstag folgt die Nacht im Tal der Tränen.

Die Bibel berichtet: Jesus feiert mit seinen Jüngern ein letztes gemeinsames Abendmahl. Danach brechen sie auf zum Garten Gethsemane, wo sie die Nacht verbringen, bevor Jesus schließlich verraten und verhaftet wird.

Jedes Jahr aufs Neue berührt mich der Schmerz Jesu, der Schmerz dieser Nacht, wie ihn die biblischen Texte überliefern: Einsam und buchstäblich todtraurig ist Jesus. Mehrfach zieht er sich zum Gebet zurück. Nicht nur äußerlich umgibt ihn schwärzeste Nacht. Von Angst und Schweißausbrüchen ist da die Rede. Er leidet und ist der Verzweiflung nahe, sieht er doch die Stunde seiner Hinrichtung auf sich zukommen.

In dieser Situation täte die wachsame Nähe seiner Jünger und Freunde gut, aber die schlafen vor Erschöpfung immer wieder ein.

Wer je „die kummervollen Nächte" kennengelernt hat, wo man – wie es in einem Goethe-Gedicht heißt – „auf seinem Bette weinend saß", der weiß, wovon die Rede ist, wenn Jesus sagt: „Meine Seele ist zu Tode bekümmert …" (Markus 14,34)

Und doch ist es gerade dieser Satz Jesu, der mich so tröstet. Denn nun weiß ich, dass Jesus mehr als nur eine Ahnung hat vom menschlichen Leben, von den Stunden der Verzweiflung, wo man keinen Horizont mehr sieht und nicht weiß, wie es weitergehen soll.

Jesus hat das selbst durchlitten, und nur eines hilft in diesem Moment: wenn es jemand gibt, der solches Nachtdunkel der Seele zu sehen und mitzuempfinden imstande ist. Die Jünger um Jesus herum verschlafen den nötigen Beistand.

Gott aber, vor dem er sich betend niederwirft, hört ihn. – Jesus taucht nicht als geretteter Held aus diesem Nachtdunkel auf, sondern als Mensch voller Sehnsucht nach Nähe und Hilfe. Und gerade als solcher kommt er mir nahe, und ich fühle mich gesehen, gekannt und verstanden.

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01APR2026
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Carolas Schmerz ist 15 Jahre alt – und er ist immer noch da. Er lässt sich nicht auflösen mittels guter Ratschläge wohlmeinender Mitmenschen, die selbst nicht davon betroffen sind. Ratschläge sind auch Schläge, sagt der Volksmund. Und tatsächlich schwingt in ihnen oft ein unterschwelliger Ton mit, der wie ein Vorwurf klingen kann: Du hast es nicht richtig gemacht.

Ich denke an Carolas Leid, durch das sie hindurchmuss.

Sie, die Sie jetzt zuhören und vielleicht auch schon die Erfahrung eines fortwährenden Schmerzes machen mussten, wissen: Nicht jede Passion, nicht jedes Leid lässt sich auflösen, kann man loslassen, ablegen wie ein Kleidungsstück, das nicht mehr zu einem passt.

Was kann helfen bei dauerhaftem Seelenschmerz?

Vielleicht eine Beichte. Will sagen: sich einem anderen Menschen anvertrauen,  einmal alles erzählen. Die Stellen im eigenen Seelenhause benennen, an denen es noch immer weh tut, den Gründen nachspüren, warum es noch immer brennt und drückt.

Beichten meint: Last abgeben, sich von der Schuldfrage nicht erdrücken lassen.  Spüren, dass ein anderer mitleidet und mitträgt. Dass er aushält, was allein kaum auszuhalten ist. Und dann erleben, dass die Last leichter werden kann, wenn ein anderer Zeuge des eigenen Schmerzes geworden ist.

Man braucht nicht unbedingt einen Pfarrer zum Beichten. Es genügt ein Mensch, der zuhört und still mitträgt, ein Mensch, dem man vertrauen kann.

Das können Sie heute sein: Beichtmutter oder Beichtvater für jemand, der gerade jetzt Ihr offenes Ohr braucht.

Wo man auf Augenhöhe füreinander offen ist, kann es geschehen, dass man einander nahe kommt: Gut für den, der redet und – gut für den, der behutsam zuhört.

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31MRZ2026
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Immer, wenn ich mit der Bahn fahre, treibt mich die Frage um: Was würde ich tun, wenn die Zugbegleiterin verbal attackiert oder gar körperlich angegriffen würde? Gut die Hälfte von denen hat sowas schon am eigenen Leib erfahren. Erst vor kurzem kam sogar ein Kontrolleur dabei ums Leben. Seitdem sitzt vielen ständig die Angst im Genick. Manche suchen sich sogar einen anderen Job.

Eines ist klar: Sich einfach wegzuducken und wegzugucken, wenn ein Mensch in Gefahr gerät, wär die falsche Entscheidung. Nur in sein Handy zu glotzen, geht auch nicht. Wenn, dann allenfalls, um einen Notruf abzusetzen oder die Szene zu filmen. Ich aber frage mich: Hätte ich wirklich den Mut, mich einzumischen, den Angreifer anzusprechen? Traue ich mir zu, die Lage zu beruhigen, zu deeskalieren? Ehrlich – ich weiß es nicht, ob ich den Mumm dazu hätte.

Vielleicht würde ich Mitreisende direkt ansprechen und auffordern, aufzustehen, die bedrohte Person in die Mitte zu nehmen und den Täter zu umringen. Aufstehen statt wegsehen! Klar – auch das kann schon gefährlich sein. Erst recht, wenn man sich dazwischenwirft. Aber irgendwie muss man doch dem Angreifer signalisieren, dass seine Untat wahrgenommen wird und er nicht einfach ungeschoren davonkommt.   

Was ich mir heute auf jeden Fall vornehme: Wenn ich nachher den Fahrausweis zeigen muss, werde ich mich bei der Zugbegleiterin bedanken, sie freundlich ansprechen und fragen, wie es ihr in der Arbeit geht. Viele von ihnen sind dankbar für ein kleines Gespräch. Ein paar Worte nur und sie spüren, dass sie wertgeschätzt sind. Wertschätzung ist wichtiger als alle weiteren Schutzmaßnahmen fürs Begleitpersonal, die man gegenwärtig diskutiert.

Ein „Schaffner“, wie man sie früher nannte, überraschte vor kurzem alle Reisenden über den Bordlautsprecher mit einem Zitat, das dem mittelalterlichen Theologen und Philosophen „Meister Eckart“ zugeschrieben wird:

„Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch der, der dir gerade gegenübersteht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe".

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30MRZ2026
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Meint Gott wirklich mich? Die Frage beschäftigt Marie seit einiger Zeit. Sie geht an ihr Bücherregal, wo sich neben anderen Büchern und mancher Ratgeberliteratur auch die Bibel befindet, die sie von ihrem Patenonkel bekommen hat. Ein wenig ziellos blättert sie darin herum und sieht mich fragend an.

„Ja“, sage ich spontan: „Gott wollte dich in diesem Leben haben, und von seiner Liebe zu dir darfst du ausgehen“. - In der Stille, die nun folgte, kamen wir beide ins Grübeln.

Wie fühlt sich das an, geliebt zu werden, also: geliebt von Gott?

Wir brauchen in diesem Gespräch jetzt beide erst mal einen zeitlichen Raum zum Nachdenken, nicht nur so mit dem Kopf, nicht nur als theologisch-intellektuelle Übung, sondern tiefer und spürbarer.

Meint Gott wirklich mich und diese kleine Existenz, die wir im Allgemeinen so haben?  Und was bedeutet das für meinen Alltag?

„Wenn es so ist und Gott jeden Menschen individuell meint, dann wärmt mich diese Vorstellung", sagt Marie. „Es ist schön, so verstanden und geliebt zu werden. Es gibt mir ein Gefühl des Friedens und der Bestätigung."

„Und", ergänze ich, „es kann dich freier machen von den Erwartungen anderer und dem Zwang, es ihnen recht machen zu müssen. Alter und Aussehen sind für Gott sicher nicht so relevant, und er mag uns mit anderen Augen bewerten als unsere Mitmenschen. Das schafft Freiräume und macht gelassener. Was wir sind, unsere Identität, unsere Person bekommt einen Eigenwert, der nicht mit dem Maßstab der Leistung gemessen wird."

An diese Nähe Gottes muss man sich manchmal erst gewöhnen oder sie sich von Zeit zu Zeit vor Augen halten. Gottes Aufmerksamkeit im Hinblick auf unser ganz eigenes Leben ist ja kein einmaliger Akt, sondern bedarf auch meiner Aufmerksamkeit, was heißen kann: 

Du, Gott, gibst acht auf mich und ich will achtgeben auf dich.

Oder, mit den Worten eines Psalms formuliert:

„Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!" (Psalm 31,15)

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