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SWR Kultur Wort zum Tag
Beim Schreiben vertippe ich mich oft. Denn wie viele andere benutze ich nur zwei Finger, mit denen ich zwar fix, aber nicht besonders treffsicher unterwegs bin. Diesmal hat es das Wort Hoffnung erwischt. Knapp daneben habe ich zwei Mal d statt zwei Mal f angeschlagen; nun steht da Hoddnung. Plus ein Verbesserungsvorschlag meines Rechtschreibprogramms. Der möchte die Hoddnung allerdings nicht in Hoffnung, sondern in Ordnung verwandeln. Das gibt mir zu denken. Denn Hoffnung und Ordnung, das sind schließlich zwei völlig gegensätzliche Prinzipien. Wie gerade wieder deutlich geworden ist, als es um die Konsequenzen ging, die man aus dem Anschlag in Berlin ziehen sollte. Am 26. Juli war dort ein Mann mit seinem Kleinwagen in die Menschenmenge gefahren, die sich zum Christopher Street Day versammelt hatte. Eine Tote und viele Schwerverletzte hat es gegeben und sehr viel Angst und Verunsicherung. Und wieder einmal wurde die Frage diskutiert, wie sich derartige Anschläge in Zukunft verhindern lassen. Die einen haben mehr Präventionsmaßnahmen gefordert: Das Prinzip Hoffnung: Der Mensch ist lernfähig, einsichtig und grundsätzlich fähig zum Guten. Die anderen wollten mehr Sicherheitsmaßnahmen und eine strengere Auslegung juristischer Spielräume. Das Prinzip Ordnung: Der Mensch muss vor dem Menschen auch beschützt werden. Die traurige Wahrheit ist wohl, dass nicht einmal alle Maßnahmen zusammen künftige Terroranschläge zu hundert Prozent verhindern können. Deshalb muss nun trotzdem alles Menschenmögliche getan werden, um vorzubeugen. Die Prävention gestärkt werden und die Sicherheitsvorkehrungen. Das eine tun und das andere nicht lassen. Nur eins ist mir klargeworden: Ich möchte nicht, dass Hoffnung grundsätzlich in Ordnung verwandelt wird wie in meinem Rechtschreibprogramm. Ich möchte nicht, dass die Hoffnung stirbt und am Ende nur noch Ordnung übrigbleibt. Das ist nämlich auch eine tödliche Gefahr, die von solchen Anschlägen ausgeht: Sie wollen das Prinzip Hoffnung killen. Und haben damit leider durchaus Erfolg. In der Bibel wird der Hoffnung allerdings das Überleben garantiert. Paulus schreibt: Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Und nur für heute ändere ich seinen Satz einmal ab: Aber die Hoffnung ist die größte unter ihnen.
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Zum neunten Mal in Folge hat Finnland das Rennen gemacht. Im internationalen Ländervergleich belegt es auch in diesem Jahr den ersten Platz im „World Happiness Report“, auf Deutsch „Glücksatlas“. Seit 2012 untersucht dieser von den Vereinten Nationen angeregte Forschungsbericht jährlich die Lebenszufriedenheit von Menschen weltweit. Nun kann man von solchen Statistiken halten, was man will; auffällig finde ich aber schon, dass alle skandinavischen Länder dort unter den ersten zehn auftauchen: Island und Dänemark auf Platz zwei und drei, Schweden und Norwegen auf den Plätzen fünf und sechs. Und nur zum Vergleich: Deutschland kommt erst an siebzehnter Stelle.
Skandinavien-Reisende aus meinem Freundeskreis erzählen mir schon lange, dass Land und Leute eine total entspannende, entschleunigende, ja beglückende Wirkung auf sie haben. Ob diese spürbare Zufriedenheit etwas mit dem sogenannten Jante-Gesetz zu tun hat? Das habe ich gerade erst entdeckt. Jante ist der Name einer fiktiven Kleinstadt aus einem dänischen Roman, für die sein Autor Aksel Sandemose 1933 das Gesetz von Jante geschrieben hat. Den biblischen zehn Geboten nachempfunden, formuliert es in zehn Punkten den Verhaltenskodex, der dort gelten soll. Zusammengefasst etwa so: „Du sollst dich nicht für etwas Besseres halten!“ Ein Aufruf zu persönlicher Bescheidenheit auf der einen und einem starken sozialen Engagement auf der anderen Seite. Beides, erzählt mir mein Sohn, der seit ein paar Jahren in Schweden lebt, prägt dort das Zusammenleben: Angeberei, vor sich her getragenes Expertentum, allzu großer Ehrgeiz sind verpönt. Der Gemeinschaftsgedanke ist dagegen ausgeprägt und führt zu vielen sozialstaatlichen Leistungen. Das erinnert mich an weitere biblische Bezüge. Paulus zum Beispiel vergleicht die christliche Gesellschaft mit einem lebendigen Organismus. Er schreibt: „Es ist wie beim menschlichen Körper: Er bildet eine Einheit und besteht doch aus vielen Körperteilen. Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Oder der Kopf zu den Füssen: Ich brauche euch nicht!“ Es ist vielmehr so: Jeder einzelne trägt sein Teil dazu bei, dass das Ganze funktioniert. Und anscheinend macht das nicht nur Sinn, sondern auch ausgesprochen glücklich.
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Ich liebe Motto-Parties. Deshalb freue ich mich im Juli immer auf die Geburtstagseinladung meiner Freundin Miriam. Verlässlich stellt sie ihren Geburtstag unter ein bestimmtes Motto und hat daran genauso viel Spaß wie ich. Einmal sollten wir zum Beispiel alle in Orange kommen, ein anderes Mal waren ausladende Hüte angesagt, weil sie eine englische Teeparty veranstaltet hat. Diesmal steht in ihrer Einladung: „Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, könnt ihr mir Euer aktuelles Lebensmotto auf einer Karte mitbringen.“ Mein aktuelles Lebensmotto ... Im ersten Moment überfordert mich dieser Wunsch. Außerdem hätte ich mich lieber verkleidet als nackig gemacht. Aber diesmal ist wohl das Umgekehrte gefragt: Zeig Dich! Wer bist Du? Wie lebst Du? Wem folgst Du? Wenn ich so drüber nachdenke, kenne ich eigentlich nur einen einzigen Menschen mit einem Lebensmotto. Das ist mein Vater. Er zitiert es oft: „Gelassenheit, Humor und Güte.“ Drei Wörter für ein ganzes Leben! Erst allmählich beginnt mir die Aufgabe auch Spaß zu machen. Eine Weile liebäugle ich mit dem Dreiklang: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ Dann fällt mir auf, dass der Satz eigentlich genau das Lebensmotto meines Vaters wiedergibt, nur mit anderen Worten. Das weckt meinen Ehrgeiz. Ich suche nach dem Lebensmotto einer starken Frau. Gerade habe ich eine dicke Biographie über Anne Boleyn gelesen, eine der sechs Ehefrauen des englischen Königs Heinrich des Achten. Mit ihrem Lebensmotto „The most happy – die Glücklichste von allen“ hat sie sich allerdings ziemlich verzockt. Denn zuerst hat sie die Gunst ihres königlichen Gemahls verloren und dann sogar ihren Kopf. Er hat mit ihr kurzen Prozess gemacht und sie töten lassen. Also doch lieber was Biblisches? Mein Konfirmationsspruch fällt mir ein. Ich habe ihn mir damals selber ausgesucht. Ein Satz aus dem Römerbrief: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Er gefällt mir immer noch. Es ist ein selbstbewusster Satz. Und steckt doch gleichzeitig voller Gottvertrauen. So will ich tatsächlich gerne im Leben unterwegs sein. Aber noch habe ich nichts auf meine Karte geschrieben. Ich habe Feuer gefangen für die Idee eines Mottos und will gerne auch andere fragen, was ihnen dazu so einfällt. Und bin schon ganz gespannt auf Miriams Lebensmotto-Party.
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Martina Steinbrecher trifft den Heidelberger Citykirchenpfarrer Vincenzo Petracca
Nach der Diskussion um das Eintrittsgeld von 12 Euro, das für einen Besuch des Kölner Doms seit diesem Monat fällig ist, bin ich neugierig, wie andere große Kirchen mit dieser Frage umgehen. Auch die Heiliggeistkirche in Heidelberg ist ein Touristenmagnet. Vincenzo Petracca preist ihre verkehrsgünstige Lage genau auf halber Strecke zwischen zwei Heidelberger Hotspots: der Alten Brücke und dem alten Schloss.
… und Heidelberg Marketing meint, dass so im Jahr so rund eine Million Leute die Kirche besuchen. Die kommen aber nicht schön verteilt übers Jahr, sondern vor allem in den Touristenmonaten. Das ist hier zwischen Ostern bis Ende Oktober.
Ich kann es selbst beobachten, als ich mich an einem Freitagvormittag im Juli für eine Stunde in die Kirche setze. Bestuhlt ist nur der runde Chorraum; das Langschiff ist leer. So wirkt der Innenraum noch viel größer. Menschen mit Rucksäcken und Reiseführern in der Hand kommen herein; viele sind als Touristen aus Fernost gut zu erkennen.
Die kommen in den Kirchenraum ohne eine genaue Erwartung, und viele von ihnen zünden dann doch, ohne dass sie es vorhatten, eine Kerze an. Die Zahl können wir genau sagen, im Jahr werden bei uns 70 000 Kerzen angezündet. Die Zahl kennen wir so genau, weil wir sie kaufen müssen.
Eine Kerze anzünden. An jemand denken, hoffen oder auch dankbar sein: Eine Geste, die nicht erst erklärt werden muss und auch über Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus funktioniert. Es geht aber auch konkreter:
Wir haben eine Fürbittwand. An bunten Zetteln kann man Bitten, Dank, irgendwelche Anliegen anbringen. Und da sind oft Bitten in Sprachen, die ich gar nicht entziffern kann. Also, das wird international stark wahrgenommen.
Die Heiliggeistkirche hat eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie war Gründungsort der ersten Universität auf deutschem Boden, Grablege von Kurfürsten, Universitätskirche; immer Kirche am Markt. Über zehn Mal hat sie in sechshundert Jahren ihre Zugehörigkeit gewechselt; war schon lutherisch, reformiert, römisch-katholisches und altkatholisches Gotteshaus. Allerdings: Zu sehen gibt es in der gotischen Kirche nicht so viel. Die Kirchenfenster, durch die das Licht einfällt, und die Säulen, die den Blik nach oben ziehen, sind für Vincenzo Petracca aber spektakulär genug:
Ich liebe Gotik, Gotik lebt von Weite, Gotik lebt von Licht. Die Sonne geht morgens im Chorraum auf und geht abends im Westfenster unter. Und wenn man genau schaut, werden die Augen durch das Licht entweder nach vorne in den Altarraum gezogen oder nach oben. Und genau das will Gotik machen, den unsichtbaren Gott erlebbar machen.
Steine und Architektur – erdacht und erbaut, um den unsichtbaren Gott erlebbar zu machen. Und ich verstehe noch besser, warum so viele Menschen spontan eine Kerze anzünden – egal, welche Vorstellung von Gott sie vielleicht haben.
Der Kölner Dom, so war es überall zu lesen, verursacht Kosten von rund 44.000 €. Am Tag! Der Betrieb der Heiliggeistkirche kostet rund 100.000 Euro im Jahr. Ein wichtiger Unterschied zu Köln: Den teuren Bauunterhalt trägt in Heidelberg eine Stiftung; die Stiftung Schönau. Und das schon seit gut 500 Jahren. Damals hatten die Kurfürsten die Reformation eingeführt. Und damit floss alles Geld, das Kirchen und Klöster erwirtschaftet haben, in die Kassen der Kürfürsten. Nicht so in Heidelberg – hier hatten die Regenten die geniale Idee …
… das Geld, das sie bekommen haben, die Einnahmen durch die Verstaatlichung der Klöster, nicht einfach ihrer Kasse zuzuschlagen, sondern eine Stiftung einzurichten mit dem Auftrag, Kirchen zu unterhalten. Und davon lebt heute noch die Heiliggeistkirche.
… und viele andere Kirchen und Pfarrhäuser in ganz Baden. Nachhaltigkeit aus dem 16. Jahrhundert, die sich bis heute auszahlt! Und einer der Gründe, warum es an Heiliggeist auch keine Pläne gibt, in nächster Zeit Eintrittsgelder für Besucher einzuführen. Für das, was in der Kirche passieren soll, werden aber trotzdem jede Menge Spenden gebraucht, und Vincenzo Petracca hat in den letzten zehn Jahren dafür schon viele Partner gewonnen. Und ein ehrgeiziges Projekt angekurbelt:
Wir hatten hier im Raum eine der wichtigen Renaissance-Bibliotheken des Abendlandes; die wurde 1623 nach Rom verschleppt. Wir wollen das hier mit einer Dauerausstellung zurückholen, die Bibliotheca Palatina an ihrem Ursprungsort, zumindest virtuell und digital.
Ein Ort für Kultur, für Gottesdienste – offen und zugänglich für alle. Schön, dass diese Kirche so lebendig ist. Und täglich besucht wird. Von Touristen aus aller Welt, von Leuten aus der Stadt, von Kunst- und Geschichtsliebhaberinnen, von Menschen auf der Suche nach Begegnung mit Gott und mit Menschen – und das alles weiterhin ganz umsonst!
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Auf die Tage in Erfurt habe ich mich riesig gefreut. Einmal im Jahr bin ich dort auf einer Fortbildung. Ich treffe Kolleginnen und Kollegen, wir tauschen uns aus und diskutieren, worauf es in unserem Beruf wirklich ankommt. Jedes Jahr genieße ich das sehr. Außerdem ist es schön in Erfurt. Wir wohnen dann mitten in der Stadt im ehemaligen Augustinerkloster. Genau dort, wo vor 500 Jahren Martin Luther gelebt hat.
Damals ist er noch ein einfacher Mönch gewesen. Und auch er hat sich mit seinen Mitbrüdern ausgetauscht. Hat gefragt und diskutiert, wie er es Gott recht machen könnte: Worauf es wirklich ankommt, um gut und gerecht zu leben. Martin Luther hat aber auch viel allein vor sich hingebrütet. In der Bibel gelesen und nachgedacht. Und schließlich hat er festgestellt: Ich kann es Gott nicht recht machen. Deshalb macht Gott es recht – für mich. Und mit einem Mal ist er frei gewesen von jedem Leistungsdruck und hat damit eine riesige Erneuerungsbewegung in der Kirche ausgelöst.
Apropos brüten: Als ich dieses Jahr in Erfurt bin, herrscht in meiner Zelle im vierten Stock eine Affenhitze. Kein Ventilator, keine Klimaanlage, nur zwei winzig kleine Fensterchen, die keinen Durchzug reinlassen. In den Tagungsräumen dasselbe; deshalb machen wir es wie bei der Fußball-WM: alle zwanzig Minuten eine Trinkpause. Am zweiten Abend allerdings beschließe ich mit meiner Zimmernachbarin Steffi, dass wir uns diesmal zum Schlafen in die Kirche legen werden.
Zuerst ist das als Scherz gedacht, aber dann stehen wir doch wie zwei Teenagerinnen, die nachts ins Freibad einsteigen wollen, um kurz vor Mitternacht an der Kirchentür. Leider ist sie zu, und wir müssen die Nacht doch in unseren Zellen verbringen. Aber wenigstens tagsüber ist sie offen. Und auch hier bei uns haben viele Kirchen ihre Pforten geöffnet: Für alle, die vor der Sommerhitze nirgends hinfliehen können. Manche Gemeinden geben kostenlos Wasser aus oder stellen sogar Tische und Bänke auf, damit Leute im Kirchenschiff ihre Mittagspause verbringen und ihr Vesper essen können. Bestimmt sind auch Leute dabei, die schon lange nicht mehr in einem Kirchengebäude gewesen sind. Ich wünsche mir, dass sie dort auf freundliche Menschen stoßen. Und ganz ohne zu brüten vielleicht auch auf den Gott, den der junge Martin Luther damals für sich entdeckt hat. Von dem es heißt: „Er führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er ist die Quelle des Lebens.“
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In meiner alten Heimat ist die Leiterin des Kindergartens in den Ruhestand verabschiedet worden: Nach 46 Dienstjahren in derselben Einrichtung! Auch meine drei Jungs sind bei ihr in der Gruppe gewesen. Der Elternbeirat hatte Kinder und Eltern aus allen Generationen ausfindig gemacht und sie zum Abschiedsgottesdienst eingeladen.
Gerne bin ich hingefahren. Die Kirche ist brechend voll. Ich bin spät dran und bekomme gerade noch einen Sitzplatz in der letzten Bank. Vom Singspiel zur biblischen Geschichte von Noahs Arche bekomme ich deshalb nicht allzu viel mit. Aber so schlimm ist das nicht. Denn vieles ist noch genauso wie vor einem Viertel Jahrhundert, als meine Jungs hier mitgemacht haben. Das Kind, das den Noah spielt, hämmert laut, damit sein Schiff, die Arche, bald fertig wird, denn es droht eine große Flutkatastrophe. Die meisten Kinder sind als Tiere verkleidet, und auch das Lied, das sie singen, kenne ich noch: „Kommt geschwind, kommt geschwind, eh die große Flut beginnt. Kommt herein, kommt herein, steigt in Noahs Arche ein.“ Elefanten und Frösche, Schafe und Hamster, Bären und Tiger tummeln sich auf den Stufen. „Und Noah lädt sie alle ein; kommt in das Schiff herein!“
Zwischen den Liedern habe ich viel Zeit, um meine Gedanken schweifen zu lassen. Was mir im Rückblick neben all den schönen Erinnerungen wohl am wichtigsten war: Die Erziehungspartnerschaft mit den Erzieherinnen. Sie sind damals die ersten gewesen, die außerhalb der eigenen Familie einen Blick für meine Kinder hatten. Einen zugewandten und professionellen Blick. Und ich habe als Mutter im Austausch mit ihnen unglaublich viel gelernt: Zum Beispiel, dass es nicht gut ist, wenn mein fünfjähriger Sohn täglich die Nachrichten schaut, auch wenn ich ihn zu einem weltoffenen und verantwortungsvollen Menschen erziehen möchte. Aber die für Erwachsene gemachten Nachrichten konnte er noch gar nicht wirklich verkraften. Heute diskutieren Eltern mit Lehrern über eine angemessene Nutzung von Social-Media. Und wissen die Expertise der Pädagogen hoffentlich genauso zu schätzen wie ich damals. Beim Abschiedsgottesdienst In der Kirche schweben inzwischen viele bunte Ballons und bilden zusammen einen großen Regenbogen. In der Bibel steht er für Gottes Zusage, die Welt, in der wir leben, für uns und unsere Kinder zu erhalten. Und die ganze Kirche singt jetzt für die scheidende Erzieherin: „Applaus, Applaus für deine Art, uns zu begleiten. Hör niemals damit auf …“ Ich singe dankbar und aus vollem Herzen mit.
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„Wer schön sein will, muss leiden!“ Das hat schon meine Oma immer gesagt; und in ihrem Gefolge meine Mutter, wenn ich früher in viel zu engen Hosen, viel zu hohen Schuhen oder in einem für die herrschenden Temperaturen viel zu warmen oder viel zu kühlen Outfit das Haus verlassen habe. Ich war da ziemlich hart im Nehmen, und ja, manches Mal habe ich gelitten, gefroren, geblutet und die Zähne zusammengebissen. Weil ich gut aussehen wollte – und zwar ganz nach meinen eigenen Vorstellungen!
Mein Bruder hat den Spruch selbstverständlich nie zu hören gekriegt; damals war klar, dass Jungs nicht so viel auf ihr Äußeres geben. Das scheint sich inzwischen radikal geändert zu haben. Looksmaxxing heißt ein neuer Trend, der gerade vor allem junge Männer erfasst. Auf TikTok, Youtube und anderen Kanälen: Haufenweise Tipps für männerspezifische Pflegeprodukte und jede Menge Foren, in denen sich die User austauschen über das effektivste Bauch Beine Po-Training.
Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Aber manch einer geht dabei noch viel weiter. Und zwar mit der Faust oder mit dem Hammer ins Gesicht, um sich die Wangenknochen oder die Kieferpartie zu zertrümmern. Am Ende sollen die radikalen Maßnahmen zu markanteren Gesichtszügen verhelfen. Und den Mann attraktiver machen. Wer schön sein will, muss leiden?
Ich habe mir etliche dieser Videos bewusst angesehen. Und da hat einer in vollem Ernst diesen alten Oma-Spruch zitiert. Ich bin richtig erschrocken. Leiden bis hin zur Selbstzerstörung, um schön zu sein. Aber warum? Um die Liebe und Zuneigung von anderen zu gewinnen? Das ist doch verrückt! Ich bin im Gegenteil davon überzeugt: Wer schön sein will, egal ob Mann oder Frau, muss nicht leiden, sondern lieben. Und zwar zunächst einmal sich selbst. Leicht gesagt, ich weiß. Aber mit sich selbst liebevoll und gnädig umzugehen, ist eine absolut lohnenswerte Übung. Mir hilft dabei ein kleines Gebet. Täglich morgens, mittags und abends zu sprechen: „Lass mich dankbar sein, Gott, dass Du mich so gemacht hast wie ich bin. Und dass Du mir die Fähigkeit gegeben hast, freundlich mit mir umzugehen.“ Also, Männer, legt den Hammer aus der Hand! Und Frauen, lasst die Sprüche von Schönheit, die aus Leiden kommt. Übt es ein, Euch mit Gottes Augen anzusehen. Und Ihr werdet sehen: Ihr werdet schöner von Tag zu Tag!
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Eine Frau fährt nachts über eine rote Ampel. Wie sich später herausstellt, ist dabei auch Alkohol im Spiel. Ein Unfall ereignet sich zum Glück nicht; niemand kommt zu Schaden. Sie wird aber kurz darauf von einer Streife angehalten. Der Rotlichtverstoß unter Alkoholeinfluss bringt ihr ein Bußgeld, Punkte in Flensburg und ein zeitlich begrenztes Fahrverbot ein. Und in diesem speziellen Fall das Ende einer Karriere als Bischöfin der evangelischen Kirche in Deutschland.
So war das im Jahr 2010. Die auf frischer Tat ertappte Margot Käßmann hat alle Verstöße zugegeben, die strafen akzeptiert, sich entschuldigt und Reue gezeigt und ist doch drei Tage später von allen ihren Ämtern zurückgetreten. Jetzt steht gerade wieder ein Mann der Öffentlichkeit, diesmal ein Politiker, wegen eines Verkehrsdelikts in der Kritik. Er ist beliebt und wird über Parteigrenzen hinaus geschätzt. Trotzdem ist er nun wegen „Nötigung in Tateinheit mit Beleidigung“ angeklagt worden. Mit seinem Auto soll er sich auf die Überholspur gedrängt, ein anderes Auto ausgebremst und der Fahrerin eine obszöne Geste gezeigt haben. Soll er nun auch zurücktreten? Ist er als Vorbild nicht mehr geeignet? Hat er seine Glaubwürdigkeit eingebüßt?
Solche Fragen sind vor sechzehn Jahren im Fall Käßmann erörtert worden, und nun werden sie wieder gestellt. Ganz ehrlich: Mich ärgert das. Denn von einem vorbildlichen Menschen erwarte ich überhaupt nicht, dass er oder sie keine Fehler macht. Zu behaupten, dass irgendjemand sich immer nur korrekt verhält, finde ich nämlich äußerst unglaubwürdig. Jeder Mensch macht Fehler. Von einem vorbildlichen Menschen könnte ich aber lernen, wie ich mit Fehlern umgehen kann. Dass ich sie zum Beispiel nicht vertusche, nicht abstreite, sondern zugebe. Ich könnte lernen, wie ich mich bei anderen entschuldige. Das ist nämlich oft gar nicht so einfach, aber befreiend, wenn es gelingt. Ich könnte sogar lernen, dass ich nicht untergehe, wenn ich mal den Kürzeren ziehe und auf mein gutes Recht verzichte. Und dass ein offener Umgang mit dem, was ich falsch mache, mir und anderen zum Leben hilft. Deshalb fordere ich keine Rücktritte, sondern starke Auftritte von Menschen, die zu ihren Fehlern stehen und mir zeigen, wie das Leben trotzdem weitergehen kann. Fehlerfreundlich. Oder in biblischer Sprache: Barmherzig und gnädig. Geduldig und von großer Güte.
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Jonathan Tah ist mein Held des Monats. Schließlich hat er auch das Tor des Monats geschossen. Im Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft beim Spiel der Deutschen gegen Paraguay. Beim Elfmeterschießen stand es nach sechs Schüssen von jeder Mannschaft drei zu drei. Unentschieden. Ab jetzt gilt die Regel des sudden death: Schütze gegen Schütze; wer nicht trifft, ist raus.
Die Besten waren schon dran; es gibt keine Freiwilligen. Alle schauen betreten auf den Boden und hoffen, dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Dann schnappt sich Jonathan Tah den Ball. Später wird man erfahren, dass er noch nie zuvor in einem Spiel einen Elfmeter geschossen hat. Was treibt ihn an in diesem Augenblick? Vielleicht denkt er an das Tor, das er in der Verlängerung geschossen hat. Es hat leider nicht gezählt; wurde wegen eines Fouls wieder aberkannt. Vielleicht denkt er; das mach ich jetzt wieder wett; ich hab ja noch eins gut. Vielleicht denkt er auch nichts dergleichen. Legt sich den Ball zurecht, läuft an und schießt; der Ball fliegt weit übers Tor in den Himmel über Foxborough. Kurz darauf verwandelt Julio Enciso für Paraguay; Deutschland ist raus.
Und nein, ich habe mich über diese Niederlage nicht gefreut; gerne hätte ich ein Achtelfinale und ein Viertelfinale mit deutscher Beteiligung gesehen, mehr habe auch ich freilich im Vorfeld nicht zu hoffen gewagt. Warum Jonathan Tah dann mein Held ist? Weil er in einem schwierigen, aber entscheidenden Moment die Verantwortung übernommen hat: Ich mach das jetzt. Ich gehe das Risiko ein. Und ich bin bereit, mit den Folgen zu leben, ob nun lauter Jubel oder lauter Vorwürfe dabei herauskommen.
Das finde ich stark. Der biblische Petrus hat einmal geschrieben: „Seid jederzeit bereit, Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, von der ihr erfüllt seid. Denn immer wieder wird man euch auffordern, dafür Rede und Antwort zu stehen.“ Daran muss ich denken, als ich Jonathan Tah später im Interview sehe. Wieder steht er da, steht Rede und Antwort, kneift nicht, regt sich nicht auf, redet sich nicht raus. „Es tut extrem weh“, sagt er, und ja, auch das nehme ich ihm ab. Es tut weh zu verlieren. Und es ist schmerzhaft, seinen eigenen Anteil daran zu tragen. Das Schönste sagt Jonathan Tah zum Schluss: „Ich würde es wieder tun. Ich würde wieder antreten!“ Mach das, Jonathan Tah. Dein Name – Jonathan – bedeutet Gottesgeschenk.
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Meine Freundin Anne sitzt neben mir im Gottesdienst. Sogar in der Kirche ist es drückend heiß. Inzwischen sind wir aber auf die Hitze vorbereitet und ziehen beide fast gleichzeitig einen Fächer aus unseren Handtaschen heraus. Wir prusten los: Zwei Freundinnen, ein Gedanke… Wir lachen so oft miteinander. Was für ein Geschenk!
Aber was ist das? In Annes Augenwinkeln sehe ich es glitzern. Das sind doch Tränen und keine Schweißperlen? Verstohlen blicke ich mehrfach zu ihr hinüber. Kein Zweifel: Jetzt laufen ihr Tränen über die Wangen. Und beim anschließenden Kirchenkaffee erzählt sie mir, was los ist: Am Abend davor war sie mit dem Fahrrad von einer sommerlichen Veranstaltung nach Hause gefahren; ganz beglückt, weil das Theaterstück unter freiem Himmel so schön gewesen ist. An einer Ampel musste sie anhalten, ist dann bei Grün rechts abgebogen – und wäre um Haaresbreite von einem Auto über den Haufen gefahren worden.
Vollbremsung, quietschende Reifen, Schockstarre; der Fahrer steigt aus und entschuldigt sich tausendmal; beide sind grün im Gesicht. Und in Annes Kopf hämmert es: „Mein Gott, ich hätte tot sein können! Einfach so; von jetzt auf gleich. Da hast du alles richtig gemacht, jede Verkehrsregel beachtet, einen Helm auf, Reflektoren am Fahrrad und trotzdem!“
Sie denkt an ihre Kinder, an ihre Tochter, die übermorgen Geburtstag hat. Nachts findet Anne dann kaum Schlaf. Trotzdem kommt sie am nächsten Morgen zum Gottesdienst; wir hatten uns da verabredet. Und langsam fängt der Schock vom Abend zuvor an, sich zu lösen. Aus Annes Lachen werden Tränen. Die Lieder, die wir schon so oft gemeinsam gesungen haben, hören sich plötzlich ganz anders an: „Du hast uns deine Welt geschenkt, du gabst uns das Leben, du hast uns deine Welt geschenkt, Gott wir danken dir!“ Was für ein kostbares Geschenk doch das Leben ist! Und wie zerbrechlich in jedem einzelnen Augenblick. Ich kann es ihr so gut nachfühlen, und als sie mir alles erzählt hat, nehme ich sie fest in den Arm.
Eine große Dankbarkeit für mein Leben durchströmt mich, und auf dem Heimweg summe ich das Lied aus dem Gottesdienst vor mich hin: „Guter Gott, ich bitte dich: Schütze und bewahre mich. Lass mich unter deinem Segen leben und ihn weitergeben. Bleibe bei uns allezeit, segne uns, segne uns, denn der Weg ist weit.“
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