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SWR Kultur Wort zum Tag
Manchmal reizt es mich geradezu. Dann setze ich mich spät abends auf mein Sofa. Und auf meinem Tablet rufe ich die Zeitung für den morgigen Tag auf. Es sind nicht die neuesten Meldungen, die mich dazu verlocken. Die können in der Zeitung, die ja schon einige Stunden vorher Redaktionsschluss hat, gar nicht drinstehen. Es ist etwas anderes, was mich schon heute zum Blick in die Zeitung von morgen verlockt. Es ist das Gefühl, der Zeit um ein paar Stunden voraus zu sein. Schon jetzt zu sehen und zu lesen, was sich andere Menschen erst am kommenden Morgen zu Gemüte führen.
Ob ich das mit Blick auf dieses noch ganz junge Jahr auch möchte, habe ich mich gefragt. Schon jetzt wissen, was es am Ende bringen wird. Eigentlich ein verlockender Gedanke. Oder eben auch nicht. Zu vieles gibt es, bei dem es gut ist, dass ich nicht schon im Voraus weiß, was sich daraus entwickelt. Wenn ein Prozess, eine Entwicklung, eine Krise noch offen ist, kann sich am Ende ja alles auch noch in eine bessere Richtung entwickeln. Ich kann mich selbst mit einbringen, um dieses bessere Ende zu erreichen. Die Hoffnung wachhalten, dass es so kommt. Auf Menschen setzen, die sich mit mir engagieren. Die mit mir glauben, dass am Ende alles gut wird. All diese Energien gehen verloren, wenn ich heute schon weiß, dass mein Einsatz vergeblich ist.
In einem Brief im Neuen Testament schreibt ein uns unbekannter Christ aus den Anfängen der Kirche: „Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft –
ein Überzeugt-Sein von Dingen, die noch nicht sichtbar sind.“ (Hebräer 11.1) Das bringt meine eigenen Überlegungen auf den Punkt. Ich möchte nicht zu früh zu wissen, was aus meinen Hoffnungen wird. Damit sie am Leben bleiben. Gerade am Anfang eines neuen Jahres. Und mit der Energie, die in ihnen verborgen ist, mithelfen, die Welt ein klein wenig zum Guten zu verändern. Nein, ich allein kann keine Kriege beenden. Aber ich kann andere Menschen mit meinem Glauben infizieren, dass der Friede möglich bleibt. Und um den Frieden im Kleinen, in der Welt um mich herum, kann ich mich tatsächlich auch selbst kümmern und die Welt von morgen ein klein wenig heller machen. Aber wissen, was aus meinen Hoffnungen für morgen wird, das möchte ich nicht. Die Zeitung meiner Hoffnungen möchte ich nicht im Voraus lesen. Aber ich freue mich, wenn sie dann vor allem gute Nachrichten enthält.
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Gestern Abend habe ich die Heiligen drei Könige noch einmal direkt zur Krippe gestellt. Jedes Jahr nehme ich mir eigentlich vor, sie schon einige Zeit vor Weihnachten aus der Kiste mit den Krippenfiguren herauszuholen, damit sie von Anfang an einen würdigen Platz haben. Schließlich liegt ja vor ihnen der weiteste Weg. Aber immer, wenn wir unsere Krippe mit all den Figuren an Weihnachten dann aufbauen, ist der Platz durch Briefe, Bücher und Kerzen so knapp geworden, dass für die drei Könige kaum mehr ein angemessener Ort zu finden ist.
Im weltlichen Kalender des noch jungen Jahres ist das nicht anders. Da ist am Anfang eines neuen Jahres für Weihnachten auch kaum mehr Platz. Die Christbäume sind schon vom Schmuck befreit oder liegen am Straßengraben. In den Schaufenstern der Geschäfte hat unübersehbar die Faschingssaison begonnen. Dabei haben die drei Könige doch erst heute ihren glanzvollen Auftritt. Heute ist noch einmal richtig Weihnachten! Und zwar mit großem Bahnhof! Heute kommen nämlich nicht nur die Hirten aus der nächsten Nachbarschaft zur Krippe. Heute sind es auch die Vertreter der weit entfernt liegenden Gegenden. Aus dem Orient kommen sie. In der Tradition sind sie zu Vertretern der damals bekannten Kontinente geworden. Sie repräsentieren die ganze Welt! Anstelle der Engel weist ihnen der Himmel in Gestalt eines mitziehenden Sternes den Weg. So wertvoll sind die Geschenke dieser drei, dass der biblische Bericht sie einzeln aufzählt: Gold! Weihrauch! Und Myrrhe! Geschenke, die sich eigentlich nur Könige leisten können.
Erst am 6. Januar wird wirklich klar, um wen es sich bei dem Kind in der Krippe handelt. Um ein Kind, dem selbst diejenigen ehrfurchtsvoll begegnen, die ansonsten die Ehrenbekundungen anderer entgegennehmen. Um ein Kind, dessen Wirkung nicht auf die allernächste Umgebung begrenzt ist, sondern das auch Menschen weltweit in Bewegung bringt. Ganz am Anfang dieses neuen Jahres erhellt also noch einmal der Schein der Weihnacht die Tage.
Meine Könige werde ich deshalb fürs Erste noch bei der Krippe stehen lassen. Sie müssen unbedingt auch noch zu ihrem Recht kommen und mir noch etwas von ihrem weihnachtlichen Glanz dalassen.
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Inzwischen warte ich schon auf sie, wenn ich am späten Vormittag aus dem Küchenfenster schaue: Ein Mann und eine Frau. Hochbetagt. Beide mit dem Rollator unterwegs. Vor unserem Gartenzaun richten sie ihren Rollator in Richtung Wald aus. Setzen sich hin und verharren so eine ganze Weile. Schauen gemeinsam in die Ferne. Manchmal reden sie ein paar Worte miteinander. Dann gehen sie weiter. Am Tag darauf sind sie wieder da. Ein festes Ritual. Wenn sie ab und an ein paar Tage wegbleiben, werde ich unruhig. Und ich bin erleichtert, wenn sie dann doch wiederkommen.
Für mich sind die beiden wie ein lebendiges Gleichnis. Sie gehen ihre Wege. Sie halten inne. Richten den Blick in die Weite. Dann gehen sie weiter. Wie von einer inneren Uhr getaktet. Mit einem für mich undurchschaubaren Taktgeber.
Am Anfang dieses noch jungen Jahres fühle ich mich ihnen besonders nahe. Wenn ich noch ganz gemächlich meine ersten Entscheidungen treffe. Meine Schritte setze. Ich halte inne. Schaue nach vorne. Suchend und zuversichtlich. Sorgenvoll manchmal auch. Wer meine Wege von außen betrachtet – so wie ich die beiden Alten - mag sich fragen, wie ich zu meiner Route komme. Und zu meinem Innehalten immer wieder. Planlos, wie es scheint. Manchmal zufällig. Aber immer zielgerichtet. Zumindest für mich. Das Ziel, das mir auch in diesem Jahr 2026 vor Augen steht, ist nicht ein bestimmter Punkt. Oder ein Datum. Ich lebe nicht auf einen runden Geburtstag hin. Oder ein großes Fest. Auch nicht einfach auf den nächsten Silvesterabend. Mein Ziel ist es, in Gott geborgen zu bleiben. Gegründet in der Gewissheit, dass ich nicht alles verstehen muss, was mit mir und in der Welt passiert. Aber meine Schritte will ich vertrauensvoll setzen. Gerade, wenn ich den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe.
Die beiden Alten, so meine ich es inzwischen verstanden zu haben - sie sind nur da, wenn ihnen an ihrem Platz vor unserem Zaun die Sonne ins Gesicht scheint. So wie ich meine Wege sicherer gehe, wenn mir mein Glauben an Gott die Seele wärmt. In diesem neuen Jahr drehe ich eine weitere Runde in meinem Leben. Und strecke mein Gesicht dem entgegen, der mir, wie es in einem Psalm heißt „Sonne und Schild“ sein will. Ich bin gespannt, was ich auf meinen Wegen in die Weite des vor mir liegenden Jahres so alles entdecke.
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Als Kind habe ich diesen Tag immer herbeigesehnt. Jedes Jahr habe ich an diesem Tag meine kleine Spardose zur Bank gebracht. Viel war es nie, was ich da im Laufe eines Jahres zusammengespart hatte. Aber mir ging‘s ja vor allem um das Geschenk von der Frau am Schalter. Den kleinen Kalender mit den Landkarten wollte ich jedes Mal unbedingt haben. Auch das Spiel oder das Mäppchen mit den Buntstiften. Meist war ich sehr zufrieden mit dem, was ich als kleines Geschenk mitnehmen konnte. Am 31. Oktober, dem Weltspartag.
Ein Geschenk als kleiner Dank für meine Sparanstrengungen. Das ist wie ein kleines Spiegelbild einer ganz anderen Sparanstrengung, die auch mit dem 31. Oktober zu tun hat, dem Gedenktag der Reformation. An diesem Tag hat Martin Luther vor mittlerweile fünfhundertacht Jahren seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Auch da ging’s um das Thema Sparen, wenn auch in ganz anderer Hinsicht. Sparen meint ja ursprünglich etwas bewahren oder verschonen. Im Zusammenhang mit Geld wird dieses also davor verschont, gleich ausgegeben zu werden. Wenn Gott spart, bewahrt er den Menschen davor, sich zu überfordern, ein fehlerloses, makelloses Leben zu führen. Ich bekomme mein Leben und seinen Wert einfach wie ein Geschenk zugesprochen. Wie das Kind, das seine Ersparnisse zur Bank bringt.
Der Gedenktag der Reformation, den wir heute begehen, ist also auch so etwas wie ein Weltspartag. Wenn der Mensch sein Vertrauen in Gott setzt, dann spart er sich den Versuch, es Gott allein mit seinem Verhalten recht machen zu wollen. Und mein Geschenk darf ich am Ende trotzdem mitnehmen, auch wenn ich nichts auf das Konto meiner guten Taten eingezahlt habe. Mitnehmen darf ich die Zusage, dass ich Zukunft habe. Dass ich mich einfach so meines Lebens freuen kann. Weil ich verschont bin. Ausgespart. In einem Lied heißt es im Blick auf Gott: „Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen!“ Anders gesagt: Weil Gott gespart und uns beschenkt hat, können wir großzügig mit uns und unseren Mitmenschen umgehen. Können wir großzügig unsere Gaben und Möglichkeiten einsetzen.
Ich feiere den 31. Oktober heute deshalb als doppelten Weltspartag.
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Meine dreijährige Enkeltochter hat mir zum ersten Mal ein Bild geschenkt. Sie war richtig stolz. Ich übrigens auch. „Was hast du denn da gemalt?“, habe ich gefragt. „Kreise“, hat sie gesagt. Und tatsächlich waren auf dem Blatt Papier mit verschiedenen Farben eine Reihe von Kreisen übereinander gemalt. Das Bild hängt jetzt erst einmal an der Wand neben meinem Schreibtisch.
Für mich ist dieses Bild richtig wertvoll. Und beim Betrachten habe ich über die Frage nachgedacht: „Was macht denn eigentlich den Wert eines Bildes aus?“ Ist es die Kunstfertigkeit? Ist es der prominente Name des Malers oder der Malerin? Oder ist es am Ende die Beziehung zwischen Künstlerin und Betrachter – wie im Fall meiner Enkeltochter? Wahrscheinlich fließt in den Wert eines Bildes immer von allem etwas ein. Und je nachdem, was überwiegt, wird das Bild mit Stecknadeln an die Wand gepinnt. Oder es landet gut gesichert in einem Museum und lockt zahlreiche Menschen an.
Gleich das erste der Zehn Gebote verhält sich gegenüber Bildern sehr kritisch. Zumindest gegenüber all den Versuchen, Gott bildhaft oder figürlich darzustellen. „Du sollst dir kein Bildnis machen!“, heißt es da. Die irrige Vorstellung, dass hier Bilder im Allgemeinen gemeint sind, hat dazu geführt, dass Menschen im 16. Jahrhundert viele Kunstwerke in Kirchen kurz und klein geschlagen haben. Gemeint ist mit dem Satz aber etwas anderes. „Du sollst keinen Vorstellungen oder Darstellungen von Gott Raum geben, die du dann an seiner Stelle verehrst!“ Natürlich gibt es heute keine Götterstatuen mehr, die wir anbeten. Aber es gibt schon etliche Platzhalter für etwas, dem Menschen göttliche Verehrung zukommen lassen.
Es geht dabei um Abhängigkeiten, die nicht guttun, die gewissermaßen den Platz Gottes einnehmen. Deshalb kann ein Künstler sehr wohl seine inneren Bilder von Gott bildhaft darstellen. Im Bibelzyklus von Salvador Dalí ist mir das vor kurzem sehr eindrücklich vor Augen gestellt worden. Da tauchen in Andeutungen immer wieder seine Gottesvorstellungen auf – dunkle Schatten, aber auch ganz leuchtende Anteile. Und wer weiß: Vielleicht taucht Gott bald auch in einem Bild meiner Enkeltochter auf, wenn sie im Kindergarten eine Geschichte aus der Bibel erzählt bekommt. Ihre bunten Kreisformen, die ans Unendliche erinnern, könnten ja schon ein Anfang sein.
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Sieben Weltwunder gab es in der Antike. Eines davon habe ich jetzt mit eigenen Augen gesehen. Ich meine den Tempel der Göttin Artemis in Ephesus. Zu sehen gibt es vor allem noch Teile von Fundamenten, Grundmauern und jede Menge Säulen. Aber ich habe auch eine Ahnung davon bekommen, was das einmal für eine prächtige Tempelanlage gewesen sein muss.
Artemis wurde in Ephesus vor allem als Göttin der Fruchtbarkeit und der Natur verehrt. Aber nicht die Verbindung mit dieser Göttin hat den Tempel so berühmt gemacht, sondern seine Größe und seine beeindruckende Architektur.125 Meter war der Tempel lang, 65 Meter breit. Die 127 Säulen waren jeweils 18 Meter hoch. Schlicht übermenschliche Ausmaße! Zumindest aus damaliger Perspektive.
Ich habe mich gefragt: Was wären denn heute unsere architektonischen Weltwunder? Das Empire State Building in New York? Der Taj Mahal in Indien? Das Ulmer Münster mit seinem höchsten Kirchturm der Welt? Die bauliche Größe allein kann es ja nicht sein! Eher ist es der imposante Gesamteindruck, der dazu führt, ein Bauwerk als Weltwunder zu apostrophieren. Vielleicht auch die Verbindung mit dem Himmel und der Welt der Götter, die über unseren eigenen Horizont hinausweist?
Ich finde, das eigentliche Weltwunder ist der Mensch selbst. Das hat der Apostel Paulus wohl auch so gesehen. „Ihr alle seid der Tempel Gottes!“, schreibt Paulus in Ephesus in einem Brief an die Christinnen und Christen in Korinth. Paulus hat fast drei Jahre lang in Ephesus gelebt. Er kannte den Tempel der Artemis. Aber am Ende muss er Ephesus verlassen, weil die Silberschmiede, die dort mit kleinen Artemis-Figuren ihr Geld verdienen, in ihm einen Konkurrenten sehen. Einen, der ihnen das Geschäft kaputt machen will, weil er für einen anderen Gott wirbt. Einen, von dem es keine Figuren gibt und dessen größter Tempel der Mensch selbst ist. Ein völlig anderes Geschäftsmodell! Dazu braucht es eher eine Haltung, ein Verhalten, das diesem Anspruch entspricht. Es braucht den Glauben an den einen Gott, dem ich recht bin.Wertvoll, weil Gott die Menschen zu seinem Ebenbild gemacht hat. Zu einem Tempel aus Fleisch und Blut. Auch mich. Das ist für mich das größte Weltwunder.
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Der letzte Morgen im Hotel verlief nicht ohne Überraschung. Die Wärmebehälter am Frühstücksbuffet waren im Gegensatz zum Vortag leer! Das Buffet selber: deutlich abgespeckt. Fast schien es mir, dass sich auch die gewohnte Freundlichkeit des Servicepersonals etwas verbraucht hatte.
Kein Wunder! Die Badesaison war zu Ende! Und es war klar: Das Hotel geht in den Ruhemodus über und spiegelt so den Rhythmus des Lebens wider, das vom Wechsel und vom Übergang der Jahreszeiten geprägt ist.
Zu leben ohne diesen jahreszeitlich bestimmten Rhythmus, das geht nicht. Mein Leben ist immer auch saisonal geprägt. Gestaltet sich zwischen dem Wechsel von Temperaturen, von den Früchten und vom Gemüse auf meinem Teller. Seit fast einem Monat leben wir im astronomischen Herbst. Zwischen bunten Blättern und wärmender Mittagssonne - beide immer wieder bedrängt von Niesel, und am Morgen zusehends eingehüllt in Nebelschwaden. Ich gebe zu: Mir gefällt diese Abfolge. Die beiden Übergangsjahreszeiten sind für mich unverzichtbar. Deshalb gehören dem Frühling und dem Herbst meine besonderen Sympathien. Schon die Jahrtausende alte Zusage Gottes an Noah beschreibt diese Abfolge der Jahreszeiten: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Durch menschliche Eingriffe kommen heute allerdings sogar die Jahreszeiten aus ihrem Rhythmus. Die Traubenernte ist weitgehend abgeschlossen, deutlich früher als mir das aus meiner Kindheit in Erinnerung ist. Aber ganz aus der Welt hat der Mensch den Wechsel der Jahreszeiten noch nicht schaffen können. Gottseidank! Denn die Abfolge der Jahreszeiten ist ein Segen. Im Herbst wird der Garten winterfertig gemacht. Aber schon in wenigen Monaten geht der Kreislauf der Natur wieder von vorne los.
In diesem Wechsel keimt in mir ein Gespür für die Schöpfung auf. Und für den, der mir als Schöpfer so wichtig ist. Deshalb ist es am Ende gar nicht so schlimm, dass mich der Herbstmodus eines Hotels nicht einfach nur ärgert, sondern mich an den jahreszeitlichen Wechsel der Schöpfung erinnert. Aber der Blick aus dem Fenster oder ein kleiner Herbstspaziergang reichen dafür auch schon völlig aus.
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Das hat mich dann doch ganz schön kalt erwischt! Mit einer15-köpfigen Reisegruppe habe ich die Ausgrabungsstätten in Pergamon besichtigt. Der einheimische Reiseführer sagt: „An der Stelle, an der Sie jetzt stehen, stand der antike Zeus-Altar.“ Und dann plötzlich in meine Richtung: „Ich denke, jetzt müssen Sie etwas sagen. Sie sind doch der Pfarrer!“ Gänzlich unvorbereitet, an einer Stelle, an der einst einem antiken Gott gehuldigt wurde, den ich auch nur aus den Sagen des klassischen Altertums kenne. Und von dem ich bisher nur vom Pergamonfries in Berlin zumindest eine Ahnung hatte. Und jetzt plötzlich die Erwartung einer Spontanpredigt an diesem Ort.
Was mir noch eingefallen ist: An einem Zeus-Altar wurde überhaupt nicht gepredigt. Da wurden Opferfeiern abgehalten, um den höchsten griechischen Gott milde zu stimmen. Ich habe kurz nachgedacht und habe dann über die Vielfalt der Religionen gesprochen. Über die Buntheit der Formen, mit Gott in Verbindung zu kommen. Und natürlich auch darüber, dass wir heute zum Glück versuchen, mit Menschen anderer Religionen ins Gespräch zu kommen. Damit Religionen Konflikte entschärfen. Und sie nicht zur Quelle von neuerlichen Auseinandersetzungen werden.
Im Nachhinein habe ich mir gewünscht, ich hätte mehr Zeit zum Überlegen gehabt. Gerne hätte ich nämlich auch davon gesprochen, wie froh ich bin, dass es in meiner religiösen Prägung keinen Himmel gibt, der nur ein Spiegelbild der vielfachen Beziehungsmuster auf der Erde ist. Neben Zeus und seiner Hera gibt es in der griechischen Götterwelt so viele Götter und Halbgötter, dass einem schwindlig werden kann. Dazu jede Menge Konflikte und Intrigen. Mir genügt der eine Gott, der „andere Götter neben sich“ nicht nötig hat und dessen Ebenbild der Mensch ist. Einen Gott, den es nicht in fernen himmlischen Sphären hält, weil es ihn zu den Menschen hinzieht. Wie gut, dass es auch in anderen Religionen Menschen gibt, denen ihre Mitmenschen, die Natur und der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit wichtig sind. Auch wenn sie sich in vielem von meinem Glauben unterscheiden. Den Austausch mit ihnen halte ich für wichtig. Um sich gegenseitig besser zu verstehen - in einer Haltung des Respekts, aber auch getragen von meinem eigenen Glauben. Aber vor einem Zeus-Altar muss ich hoffentlich so schnell nicht mehr reden!
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„Nächste Station: Himmelreich!“ Dieses Mal hat mich die Ansage im Zug noch einmal ganz anders erreicht als sonst. Ich hab sie ja schon öfter gehört auf der Fahrt mit der Höllentalbahn in den Schwarzwald. Aber bei dieser Fahrt vor wenigen Wochen hat die Ansage bei mir noch einmal eine ganz andere Wirkung ausgelöst. Wie eine Zusage, dass sich alles in Luft auflöst, was mich in den Tagen zuvor beschäftigt hat. „Nächste Station: Himmelreich!“ Was für eine schöne Ankündigung, dachte ich. Wie einfach doch alles sein könnte!
Auf dieser Fahrt sind mir diese drei Worte also nicht nur als Ortsangabe für den nächsten Halt erschienen. Mir kamen sie plötzlich vor wie ein tröstender Satz für die Gegenwart, nicht als eine Vertröstung auf das Ende der Zeit.
Vieles, was mir da durch den Kopf gegangen ist. Nicht nur die belastenden Nachrichten, die mich jedes Mal aufgewühlt zurücklassen. Auch Unerledigtes, das sich auf meinem Schreibtisch angesammelt hat. Gespräche, die längst dran sind und mir Druck machen. Aber keine Sorge! „Nächste Station: Himmelreich!“ Wie eine kleine Predigt hat das für mich geklungen. Eine Zusage, die es gut mit mir meint. Mit der Botschaft: Der erste Tag in eine bessere Zukunft ist nicht irgendwann. Sondern womöglich schon heute, bei der nächsten Station. Wenn ich anfange wegzuräumen, was da alles im Weg liegt. Wenn ich beherzt anpacke, was getan werden muss. Wenn ich anfange, mit meinen bescheidenen Mitteln, das Gesicht der Welt im Kleinen zu verändern.
Ich muss mich also mit meinen Hoffnungen nicht vertrösten lassen auf einen fernen St. Nimmerleinstag. Nein! „Nächste Station: Himmelreich!“ Ich bin dann ganz vergnügt weitergefahren und wusste: Nicht nur die erste Station, die den Namen „Himmelreich“ trägt, könnte mir den Weg dahin eröffnen, sondern jede nächste Station. Im Zug und auch auf meinem ganz persönlichen Weg durch den Tag und durch mein Leben.
Ein Satz, den Jesus gesagt hat, setzt meine Gedanken auf der Zugfahrt ins rechte Licht. „Das Himmelreich“, sagt Jesus da, „kommt nicht so, dass ihr sagen könnt: Hier ist es. Oder da. Es ist einfach schon mitten unter euch.“ (Lukas 17,20+21) An jeder Station. Ich muss nur aussteigen und mich auf die Suche machen. Da kann ich die Spuren entdecken, die mir helfen, den Weg ins Himmelreich zu finden. Und Menschen, die mich auf diesem Weg unterstützen und begleiten.
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Auch in diesem Sommer haben wir wieder in einer Kirche gewohnt. Zwei Wochen lang. Meine Frau und ich machen das jeden Sommer, schon über viele Jahre. Auf der Insel Hiddensee, westlich von Rügen. Es ist nur ein kleines Kirchlein. Aber es ist jedes Mal von Neuem etwas Besonderes, unter seinem reetgedeckten Kirchendach zu wohnen. Unten, im Erdgeschoss, ist der Kirchenraum. Und wenn man die kleine steile Treppe hochgeht, steht man in einem Zimmer mit Tisch und Stühlen, Bett und Küchenzeile.
Kaum haben wir morgens die Eingangstür der Kirche geöffnet, kommen auch schon die ersten Besucher. Sie kaufen Ansichtskarten im Vorraum oder setzen sich einfach auf einen der Stühle im Kirchenraum, genießen die Stille oder beten. Andere singen aber auch. Ganz Mutige setzen sich an die Orgel und spielen ein paar Akkorde oder sogar eine Choralmelodie. Meist ahnen sie nicht, dass ihnen oben jemand zuhört. Manche bringen ein Instrument mit und üben: Flöte, Geige, Gitarre. Als es draußen einmal richtig geschüttet und gestürmt hat, haben wir ein paar Jugendliche in der Kirche übernachten lassen. Und wenn jemand das Bedürfnis nach einem Menschen hat, der einfach nur einmal zuhört, dann ist das meine Aufgabe als Kirchenbewohner auf Zeit.
Dieses Kirchlein ist viel mehr als nur ein Ort für Gottesdienste. Es ist ein Lebensort. Ein geschützter Ort, an dem die Menschen, die kommen, für sich sein können und mit Gott. Kein Wunder, dass dieses Kirchlein auch einen entsprechenden Namen hat: Auf Plattdeutsch: Uns Tauflucht – unsere Zuflucht. Unsere Zuflucht auch für mich und meine Frau, die wir unter dem schützenden Dach wohnen und leben dürfen.
„Herr, du bist unsere Zuflucht für und für“, lese ich in einem alten Lied, einem Psalm der Bibel. Ein Haus, ein Kirchlein, das so viele Lebensmöglichkeiten bietet, ist also wahrhaftig mehr als irgendein Haus. Es ist ein Gotteshaus. Weil es sich als Ort erweist, an dem es mir leichter fällt als anderswo, Gott zu spüren, seine Menschenfreundlichkeit zu erleben, einen Schutzraum für die Seele zu finden. Und wenn man Glück hat, auch für den Leib. Fürs Kochen, Essen, Schlafen, Lesen. So wie uns das in diesem Sommer wieder vergönnt war. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrem Leben auch immer wieder einen Raum der Zuflucht finden. Einen Ort, an dem es Ihnen leichtfällt, Gott zu spüren.
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