SWR1 3vor8

05NOV2023
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Kann man beten lernen?

Ich denke schon. Meine Eltern haben mir und meinen jüngeren Geschwistern gezeigt, wie das auch mitten im Alltag gehen kann. Abends vor dem Schlafengehen zum Beispiel. Da durfte das kleine Kreuzzeichen auf die Stirn nicht fehlen. Oder mittags vor dem Essen, wenn wir uns alle an den Händen gehalten und miteinander gebetet haben. Das waren kurze Momente – keine großen, spektakulären Dinge. Es hat ganz selbstverständlich dazugehört. Und Worte waren dabei gar nicht so wichtig. Sondern vor allem das Gefühl, geborgen und aufgehoben zu sein. Aufgehoben bei meinen Eltern und auch bei Gott.                                     

Wenn ich den biblischen Text höre, der heute in katholischen Gottesdiensten gelesen wird, dann vermute ich, dass es den Menschen in Thessaloniki ähnlich gegangen ist. Paulus und seine Freunde waren dort einige Zeit zu Besuch und haben sich als Gäste aber nicht nur verwöhnen lassen und den Menschen von Jesus erzählt, sondern sie waren mitten im Leben dabei. Haben angepackt und mitgearbeitet. In einem Brief schreiben sie später: „Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem Leben.“ (1Thess2,7b f.).

Ich stelle mir vor, dass die Menschen in Thessaloniki sich dabei von Paulus und seinem Team auch abgeschaut haben, wie es ganz praktisch geht, als Christ zu leben. Wie man mitten im Alltag zusammenarbeiten, miteinander umgehen und beten kann.

Bei mir waren es meine Eltern, die mir das gezeigt haben. Mittlerweile habe ich noch andere alltägliche Situationen entdeckt, in denen ich mich mit Gott verbinde und mir bewusst mache, dass ich in einen größeren Zusammenhang eingebettet bin.
Morgens beim Blick in den Spiegel zum Beispiel. Wenn ich mir vorstelle, dass auch Gott mich jetzt anschaut und hinter dem Vordergründigen das Schöne und Liebenswerte sieht.

Oder wenn ich in den Kalender schaue, dann bete ich: Gott, meine Zeit, steht in deinen Händen. Lass mich bewusst und dankbar mit meiner Zeit umgehen.

Wenn ich ein Martinshorn höre oder ein Blaulicht sehe, dann denke ich an die Person, die jetzt wohl gerade in Not ist und schicke ein Stoßgebet in den Himmel.

Und heute Nachmittag schalte ich das Handy eine Weile in den Flugmodus und bete: Gott, nimm du alles, was unnötig ist und mich bedrängt, von mir und lass mich Ruhe finden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=38720
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