SWR1 Begegnungen

15OKT2023
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Gerd Humbert Foto: privat

Peter Annweiler trifft Gerd Humbert, Referent für Männerarbeit

Teil 1: was die da machen

Der Mann brennt für seine Arbeit. Das spüre ich sofort, als ich Gerd Humbert besuche. Der Referent für Männerarbeit zeigt mir gleich ein Foto mit lachenden und begeisterten Männern aus seiner letzten Gruppe. 

Das ist für sie ein Ort,.. ein Schutzraum, in dem sie sich zeigen können wie sie sind. In der Gesellschaft gibt’s eher so ein traditionelles Männerbild: wie Karriere, schnell, net zum Arzt, keine Schmerzen und auf keinen Fall Gefühle zeigen – und in diesem Schutzraum konnten die Männer auch grad ihre Gefühle zeigen, sie konnten ihre Verletzungen, ihre Schwächen, ihre Niederlagen zeigen – sie konnten aber auch ihre Erfolge zeigen.

Ich gebe zu: Zuerst denke ich an Klischées der 90er Jahre: Männer lernen Gefühle zeigen. Der bewegte Mann. Schwitzhütte und Lagerfeuer. Männergruppen als Antwort auf die Frauenbewegung. Und irgendwie dachte ich, in der Kirche gäbe es so was gar nicht mehr. Doch Gerd Humbert beweist mir das Gegenteil. Seit 15 Jahren macht der 62jährige Pfälzer Männerarbeit in der evangelischen Kirche. Und sein Feld „brummt“.  Vielleicht gerade durch die Krisen der vergangenen Jahre:  Vier Männergruppen leitet er in Baden und der Pfalz und dazu noch drei Onlinegruppen. Mittlerweile hat er 60 Männer zu Leitern von Männergruppen ausgebildet.

Ich merke, dass die Krisen auch Fragen, Irritationen auslöst und die Männer auch so Schutzräume suchen wo sie auch mal ihre Fragen und Ängste besprechen können ohne gleich immer den Starken spielen zu müssen. Und je mehr Krisen es gibt, desto größer ist das Bedürfnis nach kleinen Gemeinschaften, die sich gegenseitig unterstützen.

Gesellschaftlich nimmt die Sehnsucht nach „starken Männern“ wohl eher wieder zu: Dass da einer mal draufhaut und dann alles wieder gut wäre. Wie wichtig, wenn Männer da anders mit Krisen umgehen lernen

Manche Männer kommen auch vor oder nach einer Krise. So die Hauptthemen sind … gesundheitliche Problematiken, die man als Mann ja hat, so mit Herzinfarkt oder Übergewicht…. das zweite Thema ist so der Druck aus der Arbeit… Und das dritte Thema ist so das ganze Beziehungsthema, mit Partnerin oder Kindern und Alleinleben – alles, was damit zusammenhängt.

Wir Männer reden zu wenig. Über Gesundheit, Schwächen und Beziehungen. Das kenne ich ja auch von mir – und gerade aus der Seelsorge weiß ich, wie wichtig es ist, nicht nur den Gesunden und Starken zu mimen, wenn es innen drin ganz anders aussieht.
Deswegen führt kirchliche Männerarbeit auch zu dem Punkt, wo Schwachheit keine Schande ist. Das ist für mich durch und durch ein biblisches Motiv: Im Durchleben von Schwachheit reifer und stärker zu werden. Gerd Humbert formuliert das so:

In den Männergruppe stärken wir unsere Persönlichkeit und gehen dann raus und übernehmen Verantwortung. Im Nahbereich ist das die Familie, aber auch im politischen Bereich. Wir sorgen net nur für uns selbst, dass es uns noch besser geht als uns eh schon geht. Wir gehen gestärkt raus, um Verantwortung zu übernehmen …im Nah- und Fernbereich – das ist mir ganz wichtig.

Teil 2: wie sich das auswirkt

Gerd Humbert macht Männerarbeit in der evangelischen Kirche. Für den Religionspädagogen und Soziotherapeuten erreichen die traditionellen kirchlichen Formen zu wenige Männer. Deshalb bietet der Pfälzer Männergruppen an – und er scheint der richtige Typ dafür zu sein. Seine sanfte und zugleich kraftvolle Art – irgendwie Kumpel zugleich Leiter – zieht viele Männer an. In seinen Gruppen geht es um eine tragende Gemeinschaft – und weniger um den Einzelkämpfer. Ganz gegen den Trend macht Gerd Humbert überraschende Entdeckungen.

Die Gruppe ist so intensiv, dass man denkt: Was ist denn eben passiert? … Da gibt es so ne Verbundenheit auch bei schweren Themen, wo wir uns … tragen und unterstützen. Das ist für die Männer oft ne spirituelle Erfahrung, wo sie sich fragen: Das war jetzt aber … eine größere Energie … So ne Gruppe ist wie ne kleine Lebensgemeinschaft oder wie ne Gemeinde in der Kirche, die sich über ihr Leben austauscht.

Der echte Austausch und die gegenseitige Unterstützung. Scheint unter Männern so selten, dass es ein spirituelles Erlebnis sein kann. Vielleicht gerade bei denen, die sich selbst als kirchenfern einschätzen. Gar nicht so selten erlebt Gerd Humbert, dass gerade die sagen:

Gerd, sprich doch mal n Gebet. … dass ich dann am Schluss noch ein freies Gebet formuliere und merke dann: Es ist eine große Sehnsucht nach Spiritualität, die ich aber nie missionarisch einbringe, sondern es kommt immer aus der Gruppe.

Der Protestant trägt eher einen „klassischen“ Lebenshintergrund in seine Gruppen: Seit 30 Jahren verheiratet, zwei erwachsene Töchter, keine Trennung. Dennoch kommen ganz unterschiedliche Männer in seine Gruppen: Väter und Kinderlose, Gläubige und Zweifler, Sportler und Unbewegliche. Da geht es um viel mehr als um „Vater, Mutter, Kind.“ Es ist Gerd Humbert wichtig, mir zu versichern:

Wir sind offen auch für … neue Geschlechterthemen. Es sind ein paar schwule Männer dabei. Und wir sind auch offen für Männer, die ne neue Orientierung suchen und finden. Wir stellen uns auch diesen Fragen.

Und so kann ich ihm abschließend die Frage stellen, ohne die keine Sendung keine über Männer enden kann – und die auch zum heutigen „Männersonntag“ in der evangelischen Kirche passt: Wann ist ein Mann ein Mann? - Gerd Humbert:

Ein Mann ist ein Mann, wenn er auf dem Weg ist, wenn er sich weiter entwickelt, wenn er wächst. In der Natur haben wir Wachstum. Da gibt’s manchmal trockene Phasen und feuchte Phasen, wo wir uns weiter entwickeln. Und für mich ist ein Mann ein Mann, wenn er auf den Weg geht und sich weiter entwickelt.

Mehr Infos zu Gerd Humberts Gruppen:
www.maennernetzpfalz.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=38587
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