SWR3 Gedanken

14SEP2023
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Mit ordentlich Wut im Bauch betrete ich die Reinigung. Ich will mich beschweren, denn die Hose, die ich heute morgen abgeholt habe, ist an einer Stelle völlig hinüber. Und ich bin mir sicher, dass die Frau in der Reinigung das genau weiß und gehofft hat, dass ich es erst zu spät bemerke. Vermutlich wird sie sich herausreden, denke ich. Sagen, dass der Schaden erst später entstanden ist. Vorsorglich habe ich schon mal verschiedene Internetanwälte befragt und mir genau ausgemalt, wie es ablaufen wird. Aber dann werde ich überrascht: Die Besitzerin der Reinigung hört mir aufmerksam zu und entschuldigt sich sofort. Den Schaden hat sie übersehen, weil im Moment so viel zu tun ist. Aber natürlich wird sie versuchen, ihn zu beheben und wenn das nicht klappt, den Kaufpreis der Hose erstatten. Ich bin baff. Damit habe ich nicht gerechnet.

Tatsächlich passiert mir das aber nicht zum ersten Mal. Dass ich mit dem Schlimmsten rechne und dann überrascht werde. Ich habe schon viele Stunden meines Lebens damit verbracht, mich auf Konfrontationen vorzubereiten, zu denen es nie gekommen ist. So viel verschwendete Zeit. Und so viele schlechte Gefühle – für nichts. Das will ich ändern. Auch weil mir nicht gefällt, wie ich in solchen Situationen über andere denke. Wenn ich das nächste Mal innerlich schon tobe, versuche ich, an die Reinigungsbesitzerin zu denken. Und eben auch damit rechnen, vom Guten im Menschen überrascht zu werden.

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