SWR2 Wort zum Tag

12SEP2023
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Der erste Kuss mit 41. So war es bei Zoe Cross. Heute ist sie 46 und küsst öfter. Sie hat jemanden an ihrer Seite, mit dem sie sehr glücklich ist.
Das sah für sie lange nicht so aus, denn Zoe Cross sieht anders aus. Sie ist mit einer Gesichtslähmung auf die Welt gekommen. Ihr Gesicht wirkt verschoben und sie kann die Lippen zum Beispiel nicht schließen. Dass sie so aussieht, prägt ihr ganzes Leben. Schon als Kind haben andere blöde, verletzende Sprüche über sie gemacht, sie ausgeschlossen. Manche hatten sogar Angst vor ihr.

Das hat sie natürlich eingeschüchtert, und bis heute muss sie sich immer wieder drastische Bemerkungen gefallen lassen. Wobei die Formulierung nicht ganz richtig ist, denn sie lässt es sich eben nicht mehr gefallen. Zoe ist eine starke Frau, eine Kämpferin. Sie hat aus ihrem Leben mit der Gesichtslähmung Konsequenzen gezogen und arbeitet jetzt als Persönlichkeitstrainerin. Schwerpunktmäßig mit Menschen, die ihr Aussehen schwierig finden, deshalb nicht gut mit sich selbst im Kontakt sind und so auch nicht mit anderen in Kontakt kommen können. Und deswegen häufig niemanden an ihrer Seite haben. Um Liebesbeziehungen geht es nicht nur, aber es ist eben auch ein großes Thema in ihren Begleitungen. Sie arbeitet dabei ganz unterschiedlich. Vom „klassischen Ansatz“, die eigenen Stärken herauszuarbeiten bis zur praktischen Übung mitten im Leben. Da geht sie in ein Café mit Menschen, die sich schon ewig nicht mehr getraut haben, unter Leute zu gehen. Es geht dann darum, mit den Blicken und vielleicht sogar mit Kommentaren so umzugehen, dass die Menschen nicht zusammenbrechen. Zoe möchte erreichen, dass Menschen sich ihrer selbst bewusst sind und deshalb genauso durchs Leben und auf andere zugehen können: selbstbewusst. 

Zoe Cross macht Menschen stark. Und das finde ich stark. Die Thematik ist mir nicht ganz fremd. Ich trage Kleider in großen Größen, und ich musste erst älter werden, um mich wirklich körperlich frei zu fühlen. Bis ich zum Beispiel genau so offen zurückstarren konnte, wie mich die Leute im Schwimmbad manchmal anstarren.

Deshalb finde ich es gut, was Zoe macht. Sie sagt: „Ich will Menschen das Gefühl geben, dass sie in Ordnung sind, so wie sie sind, dass sie wertvoll sind. Jede Person ist es wert, geliebt zu werden.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=38289
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