SWR4 Abendgedanken

27JUL2023
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Vor Kurzem haben meine Kolleginnen und ich Sonntag nachmittags zu einer Tasse Kaffee eingeladen – und zwar an einem ungewöhnlichen Ort: Mitten auf dem Friedhof unserer Stadt. Die Tische waren schnell gerichtet und wir waren gespannt, was passieren würde. Kaffee-Tische und -Plausch auf dem Friedhof – normalerweise haben wir Pfarrerinnen hier eine andere Rolle: Wir leiten die Trauerfeiern, begleiten die Familien im Moment des Loslassens am offenen Grab  und versuchen, Halt und Trost zu schenken.

Kein Wunder, dass manch einer irritiert geschaut hat, als wir da am Sonntagnachmittag auf einmal gestanden haben. „Wie wird jetzt auch schon sonntags beerdigt?“ „Nein, zum Glück noch nicht, wir möchten Sie einfach auf eine Tasse Kaffee einladen.“ „Das ist ja eine schöne Idee.“ Wir waren erstaunt, wie viel Leben da auf dem Friedhof ist. Erwachsene Kinder sind an das Grab ihrer Eltern gegangen, haben ein paar Blumen abgelegt und erzählten später liebevoll von der Mutter, die immer für die beiden dagewesen sei.

An einer anderen Stelle flossen Tränen. Das Grab war noch frisch, der Tod des Mannes so unerwartet gekommen. Manchmal würde sie jetzt hier mit ihrem Mann schimpfen, hat sie uns erzählt, dass er so einfach gegangen sei. Das würde zwar nichts ändern, aber ihr ginge es dann besser. Und jetzt habe sie das zum ersten Mal auch vor jemanden ausgesprochen.

Erstaunt waren wir, dass manche Frauen sich sogar auf dem Friedhof verabredet hatten „Ja, wir treffen uns hier ab und zu. Wir haben uns hier kennengelernt, unsere Gräber liegen benachbart. Der Friedhof ist mit seinen alten Bäumen einfach ein schöner Ort“ Die Einladung zur Tasse Kaffee hat die Menschen auf dem Friedhof ins Erzählen gebracht, es fanden sich Worte für die eigenen Gefühle. Und irgendwann wurde an diesem Sonntagnachmittag auch gelacht. Ein älterer Mann hat erzählt, dass er jeden Tag käme, um das Grab seiner Frau zu gießen. Schon so manches Mal hätte er überlegt, auf dem Grab Gemüse anzubauen, dann könnte er immerhin hier und da etwas ernten. Aber seine Frau hätte eben Blumen geliebt.  Vielleicht sollten wir das öfters wagen: Über unseren Schmerz und die Trauer ins Gespräch zu kommen. Tränen und vielleicht auch Wut zuzulassen. Ich glaube, dass es allen miteinander guttut, diese Seite des Lebens in den Blick zu nehmen.

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