SWR2 Wort zum Tag

14MRZ2023
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mein Mann unterrichtet Religion an einer beruflichen Schule. Und er hat momentan viele, teilweise heftige Diskussionen zum Thema männlich/weiblich/divers. In einer Gruppe hat ein Schüler irgendwann gesagt: „Das nervt mich so, dieser ganze Gender-Quatsch. Was soll das überhaupt? Mann ist Mann und Frau ist Frau. Fertig.“ „Ja, genau, find ich auch“, kommt von vier, fünf anderen.
Mein Mann war total geplättet und erzählt, dass dieses Thema gerade in der Schule ganz präsent ist. Und meistens genau in dieser Art: „Was soll der Quatsch?“

Im Netz, in Social Media geht’s ab. Mich wundert das. Ich versteh nicht, warum das gerade jetzt aufkommt. Dass Menschen sich nicht mit ihrem ursprünglich zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, ist nichts Neues. Dass offensichtlich männliche Personen Frauen sind und äußerlich dann auch Frauen werden und umgekehrt, das passiert schon lange. Oder dass Menschen sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen.
Für die meisten ist das kein Problem. Die Frage ist eher, warum das überhaupt thematisiert werden muss. Warum ist es nicht egal, welches Geschlecht eine Person hat, oder ob sie eines hat? Es geht doch um mehr. Um den Menschen. Aber wir sind aufgewachsen mit `männlich und weiblich´. Selbst in der Bibel steht: als Mann und Frau hat Gott die Menschen erschaffen. Die Bibel ist von Menschen geschrieben und zeigt dementsprechend menschliche Denke. Das hat sicher auch zu einem Weltbild beigetragen, in dem es nur zwei Geschlechter gibt.
Sich davon gedanklich freizumachen, muss bewusst passieren. Sonst läuft es so, wie mein Mann erzählt hat: Menschen, die anders sind, werden nicht ernst genommen, im schlimmsten Fall abgewertet.
Warum sind diese Leute, die das nicht verstehen, so laut? Psychologen sagen, dass sich viele nach Vorgaben sehnen. Nach klaren Regeln, Kategorien, nach Ja oder Nein, oder eben: nach Frau oder Mann. Einige finden wohl auch unsere politischen Strukturen zu lasch. Das ganze freiheitlich-demokratische Getue. Die wollen auch da klare Kante.
Ich steh auch auf Klarheit im Leben. Aber an dieser Stelle ist für mich Schluss. Klarer als frei in einem demokratischen Land zu leben, kann es nicht sein. Ich kann mitentscheiden und tun und lassen, was ich möchte und was mir entspricht. Natürlich läuft nicht alles rund bei uns, das ist auch klar. Aber über die Freiheit und die Würde der einzelnen Person geht nichts! Und dabei ist es völlig egal, ob ich Frau, Mann, trans- oder agender bin. Ich bin Mensch und das zählt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=37126
weiterlesen...