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SWR3 Gedanken

25JAN2023
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In Mannheim in der Vesperkirche ist das Fernsehen zu Gast. Wir brauchen das: Die Vesperkirche finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Wir werden dieses Jahr mehr Geld brauchen als je, denn es kommen mehr Menschen als je, das Essen kostet mehr und die Heizung. Also: brauchen wir die Bilder, damit Menschen spenden. Damit sie erfahren, dass es die Vesperkirche gibt. Und damit es die Vesperkirche weiterhin geben kann. Etwa 200.000 € werden wir brauchen. Aber die meisten unserer Gäste wollen nicht fotografiert und schon gar nicht im Fernsehen gezeigt werden. ‚Frau Pfarrerin, so geht das nicht!‘ beschwert sich einer,

‚Ich habe genau gesehen, dass der mich gefilmt hat. Ich will doch nicht ins Fernsehen. Ich will nicht, dass die Leute sehen, dass ich hier esse!‘ Menschen, die in Armut leben, schämen sich ihrer Not. Sie ziehen sich so sauber und ordentlich an wie irgend möglich. Die meisten von denen, die auf der Straße leben, sind nicht als Wohnungslose zu erkennen.

Warum ist das so, dass Menschen sich schämen, wenn sie arm sind? Nach den vergangenen zwei Jahren sind mehr Menschen arm als je. Viele die ein Leben lang gearbeitet haben. Viele die auch jetzt arbeiten. Das Geld reicht einfach nicht. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist arm.

Mich macht das wütend. Die Ungerechtigkeit macht mich wütend. Es macht mich wütend, wenn in Politik und Gesellschaft immer noch viele so tun, als wären die Leute selbst schuld.

Wenn die in Not beschämt werden. Es macht mich auch wütend, dass wir unsere Gäste beschämen, weil wir Bilder brauchen, damit wir Spenden bekommen.

Aber ich kann es nicht ändern. Und ich will es auch nicht. Ich will, dass sich das Bild der Armut ändert. Also rede ich mit dem Gast. Ich verspreche ihm, dass er nicht zu sehen sein wird, wenn er das nicht will. Aber ich mache ihm auch Mut: Zeigen Sie Ihre Armut! Nur so werden immer mehr Menschen diese Ungerechtigkeit überhaupt wahrnehmen und lassen sich vielleicht bewegen daran etwas zu ändern.

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