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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23JAN2023
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Ich bin immer noch fasziniert von dem, was ich in den Niederlanden erlebt habe. Ich stehe in einem Café an der Theke und will meine Bestellung aufgeben. Der Haken: Der Barista spricht nicht meine Sprache. Gut, in den Niederlanden kann man sich in der Regel auf Englisch verständigen, doch das ist nicht der Knackpunkt. Auch die vielen Zubereitungsarten, wie Flat White, Café Latte, Latte Macchiato, Lungo oder Moccachino – auch die sind nicht mein Problem. Sondern: Der Barista ist gehörlos, er verständigt sich lediglich in Gebärden und ich kann seine Sprache nicht.

Normalerweise ist das eher umgekehrt: Alle sprechen eine Sprache und ein Gehörloser kann nicht mitreden, weil er nicht sprechen kann. In diesem Café ist es aber anders: Alle sprechen die Sprache des gehörlosen Baristas.

Ich bin also an der Reihe. Der Barista lächelt mir freundlich zu, merkt wie hilflos ich bin und zeigt dann auf ein Tablet. Ich atme auf. Auf dem Tablet werden die verschiedenen Kaffeezubereitungsarten namentlich angezeigt. Prima, hier kann ich also meine Bestellung aufgeben, denke ich. Als ich dann aber auf Latte Macchiato tippe, erscheint ein Video, das mich verblüfft. Das Video zeigt die Gebärde zu Latte Macchiato, dreimal. Damit hab ich nicht gerechnet. Ich wiederhole die Gebärde und versuche sie mir zu merken. Dann schaue ich den Barista wieder an und präsentiere ihm mein Gelerntes. Er lächelt, nickt und bereitet mir meinen Kaffee zu.

Wie genial ist das bitte schön? In diesem Café wird darauf geachtet, dass sich alle verständigen können. Sprechende werden charmant angeleitet sich in die Welt der Sprachlosen zu begeben und Gebärden zu sprechen. Dank des Tablets und der Videos hat jeder Zugang und es ist wirklich einfach die Gebärden zu wiederholen. Der gehörlose Barista kann so normal arbeiten. Er muss sich nicht Gedanken machen, wie er mit den Gästen kommuniziert. Die Gäste sind selbst gefordert zu Gebärden. Und das ist nicht zu viel verlangt, schließlich wollen sie ja auch etwas von ihm. Auf ihn einzugehen und ihn so anzusprechen, wie er es versteht, ist da das Mindeste, was sie tun können.

In diesem Café in den Niederlanden wird Inklusion selbstverständlich gelebt, für mich sogar auf eine sehr menschenwürdige Weise. Hier wird niemand aufgrund einer fehlenden Fähigkeit ausgegrenzt, sondern es wird danach geschaut, wie der Rest, also die Gesellschaft, damit umgehen kann. Es wird einfach umgekehrt gedacht.

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