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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02DEZ2022
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Ist Kyrill I., der Patriarch von Moskau, Christ? Die Frage klingt absurd, schließlich ist er der oberste Vertreter der orthodoxen Kirche in Russland. Aber seit Kyrill den Angriffskrieg seines Landes auf die Ukraine für rechtmäßig erklärt hat, zweifle ich daran.

Um zu verstehen, weshalb das russische Kirchenoberhaupt so denkt, ist es hilfreich, seine theologische Argumentation zu kennen. Er verspricht zum Beispiel den russischen Soldaten, dass ihnen alle Sünden vergeben sind, wenn sie im Kampf fallen. Und er vergleicht dabei ihren Tod damit, wie sich Jesus am Kreuz für die Welt geopfert hat. Was für ein Hohn! Jesus hat das Leid der Welt mit ans Kreuz genommen, die vielen Unschuldigen hängen mit ihm dort; eben die Opfer, nicht die Täter. Den Krieg, den sein Land gegen die Ukraine angefangen hat, bezeichnet Kyrill als Kampf des Guten mit dem Bösen. Und drückt damit indirekt aus, dass es Gottes Wille sei, so zu handeln.

Ich kann dazu nur sagen: Das widerspricht allem, was ich gelernt habe, wie man mit Gott argumentieren darf und wie gerade nicht. Für Kyrill ist offenbar alles klar. Er hat die Welt eingeteilt in Gut und Böse; er weiß genau, auf wessen Seite Gott steht. Und genau das ist fatal. Denn auf Jesus kann er sich dabei nie und nimmer berufen. Das hat ihm auch Papst Franziskus gesagt, als die beiden Anfang des Jahres miteinander telefoniert haben. Ich zitiere den Papst: „Ich verstehe das alles nicht. Bruder, wir sind keine Beamten, wir sollen nicht die Sprache der Politik sprechen, sondern die Sprache Jesu.“

Jesus hat die Friedfertigen seliggepriesen. Immer wieder hat er gesagt, wie grundsätzlich falsch es ist, Gewalt anzuwenden, weil dadurch ein tödlicher Kreislauf entsteht. Wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen[1]. Jesus sagt das, als er gefangen genommen wird; so beginnt sein Weg ans Kreuz. Sein Jünger Petrus soll ihn nicht mal verteidigen, weil Jesus weiß, wohin das führt. So streng kann man das sehen, wenn man Christ sein will: dass es nicht einmal erlaubt ist, sich zu wehren, wenn man angegriffen wird. So weit würde ich nicht gehen, das den Menschen in der Ukraine zu empfehlen. Gewaltlos Widerstand zu leisten ist ungeheuer schwer, auch wenn es wohl am meisten dem entspricht, wie Jesus gedacht und gehandelt hat. Wer sich aber ausdrücklich auf Jesus beruft, wenn er seinen Nachbarn überfällt, der muss sich zumindest die Frage gefallen lassen, ob er noch Christ sein kann.

 

[1] Matthäus 26,52

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