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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01DEZ2022
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Ich bin mit den Hunden unterwegs und muss ganz schön aufpassen. Wenn andere Hunde kommen, gibt’s manchmal ein Gerangel. Und dass sie etwas aufschnappen, was Leute achtlos weggeworfen haben, will ich auch nicht. Fahrräder, Fußgänger, Autos – meine Aufmerksamkeit ist richtig gefordert.

Ganz anders bei dem Vater mit Kinderwagen, der mir unterwegs begegnet. Sein Sohnemann läuft schon rum, wird wohl knapp zwei Jahre alt sein. Er kräht ein paar Worte, rennt hierhin und dorthin. Ich halte die Hunde bei mir, damit er sich nicht erschreckt. Sie sind schließlich einen Kopf größer als der Kleine. Der Vater kriegt das alles gar nicht mit. Er ist mit seinem Mobiltelefon beschäftigt, nein, er ist restlos darauf konzentriert. Kein Blick nach links oder rechts, geschweige denn zu seinem Kind. Ich unterstelle ihm nicht, dass das verantwortungslos ist. Ich stelle nur fest: Bei seinem Kind ist er nicht, sondern völlig versunken in einer anderen Welt. Und in der kommt sein Sohn nicht vor.

Das ist kein Einzelfall. Ich beobachte das auch bei Eltern, die den Kinderwagen schieben, und das Kleine liegt drin, Blick zur Mama. Aber die schaut aufs Handy. Und ich frage mich: Was da wohl in einem Kind vorgeht, wenn es wahrnimmt oder spürt, dass es für die Mama in dem Moment gar nicht existiert, dass es offenbar Wichtigeres gibt, als sich mit ihm zu beschäftigen, hinzuschauen, etwas zu singen oder sprechen.

Es passiert mir auch, dass ich in einer Besprechung auf mein Mobiltelefon schaue. Kontrollblick: Hat jemand angerufen? Gibt es eine wichtige neue Nachricht? Ganz kurz nur. Ich kann mich nicht dem „Sofortismus“ entziehen; so nenne ich die Tatsache, dass immer alles sofort erledigt werden und schnell gehen muss. Aber fasst immer merke ich, dass es nicht gut ist, beides gleichzeitig zu tun. Sozusagen in beiden Welten parallel anwesend zu sein. Dass das gar nicht geht. In jedem Fall aber eine kolossale Überforderung ist. Zu viele Eindrücke, zu viel zu sehen, zu hören, zu sagen. Was zu viel ist, macht auf die Dauer krank. Ich merke das bei den Schülern, die ich unterrichte, bei jungen Leuten, die in den Beruf einsteigen, und an manchen Tagen auch bei mir selbst. Wenn’s drauf ankommt, kommt die reale Welt vor der anderen. Und ein Kind, das neu auf die Welt kommt, muss doch genau das erfahren.

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