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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30NOV2022
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Seit in der Ukraine Krieg herrscht, frage ich mich fast jeden Tag: Welche Position soll ich dabei einnehmen, ich als Christ? Was soll ich dazu sagen? Dass die Ukrainer sich natürlich verteidigen müssen. Sie haben das Recht dazu, schließlich wurden sie angegriffen. Oder dass es mit meinem Glauben grundsätzlich nicht zu vereinbaren ist, einen Menschen zu töten, nicht einmal daran zu denken?

Der Advent hat begonnen. Und zum Advent gehört für mich ein Text aus dem Buch des Propheten Jesaja im Alten Testament. Der Text ist fast dreitausend Jahre alt und in einer Zeit geschrieben, in der auch Krieg herrschte. Das mächtige Reich der Perser hatte damals das kleine Israel überfallen. Was für eine Parallele! Da schreibt Jesaja Folgendes:

Gott, der HERR, wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN[1].

Das ist es doch! Diese Vision von einem Leben ohne Krieg, die will ich nicht aufgeben. Ich verstehe schon, dass sie nicht einfach so auf einen Konflikt zwischen Ländern angewandt werden kann. Erst recht nicht, wenn er militärisch ausgetragen wird. Ich verstehe, dass man handeln muss und darf, wenn man angegriffen wird. Aber ich sehe auch: Das ist nicht die Lösung, wie es gut wird. Es ist deshalb um so wichtiger, an den Tisch der Verhandlungen zurückzukehren. Die diplomatischen Bemühungen müssen weitergehen. Wer miteinander spricht, verhindert, dass falsche Fantasien über den anderen, den Gegner, entstehen. Zudem gilt: Wer die Welt in Gut und Böse einteilt, täuscht über die Wahrheit hinweg. Auch die Kriege, die der Westen im Irak und in Afghanistan geführt hat, waren nicht gut, sondern eigennützig.

Und: Das Gebot Du sollst nicht töten bleibt bestehen. Wer es aufgibt, zerstört die letzte Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens. Auch das rufe ich mir in diesem Advent jeden Tag in Erinnerung, wenn ich an den schlimmen Krieg in der Ukraine denke.

Ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Menschheit einmal so weit kommt, wie Jesaja es ankündigt: Schwerter zu Pflugscharen! Neben all der Logik, die in einem Krieg herrscht, muss auch das gesagt werden.

 

[1] Jesaja 2,4f.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36618