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SWR4 Abendgedanken

24NOV2022
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Es ist spät, und auf meinen Schreibtisch herrscht ein einziges Chaos. 1000 Dinge, die noch gemacht werden sollten. Ich frage mich, was ich heute eigentlich gearbeitet habe.

Da sind die Termine, die ich noch absprechen muss. Der Liedplan für den Gottesdienst in drei Tagen, der noch nicht gemacht ist. Die fünfzehn Mails, die ich nicht beantwortet habe. Und für mindestens fünf davon möchte ich mir wirklich Zeit nehmen, weil sie mir besonders wichtig sind. Und dann fällt mir ein, dass ich eigentlich noch zwei Leute seit langen anrufen wollte, es aber wieder einmal viel zu spät dafür ist.

Irgendwie fühlt sich für mich an solchen Abenden mein ganzes Leben unfertig an.

Nicht nur wie eine Baustelle, sondern wie ein echtes Chaos.

Und dann weiß ich nicht, ob ich doch weiterarbeiten soll. Ob das wirklich noch was bringt? Dann wären zumindest zwei oder drei Dinge abgehakt. Aber dann kommt mir der Gedanke: Das hat jetzt auch keinen Wert mehr. Ich höre lieber auf und fange morgen frisch und ausgeruht an und kann dann das eine nach dem anderen abarbeiten.

Trotzdem verfolgt mich oft mein Schreibtisch weiter in meinem Kopf. Weil ich das Gefühl habe, dass ich das morgen auch nicht schaffe oder etwas ganz Wichtiges vergessen habe.

Mit all diesen Gedanken ist es sehr schwer, Schlaf zu finden.

Was mir dabei manchmal hilft, ist eine kleine Anekdote von Johannes XXIII. Er war Papst Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre. In einer schwierigen Zeit. Als es in der katholischen Kirche viele Umbrüche und viel zu entscheiden gab. So ähnlich wie heute. Er wurde bei einem Interview gefragt, ob und wie er nachts überhaupt noch schlafen kann. Mit all den Aufgaben, die er zu tragen hat. Mit all den Dingen, die er tagtäglich zu erledigen hat.

Er soll gelächelt und gesagt haben, dass er ganz gut schlafen kann, weil er jeden Abend bei seinem Gebet vor dem Schlafengehen zu Gott sagt: „Herr, es ist deine Kirche und nicht meine. Ich gehe jetzt ins Bett, du musst jetzt weiterarbeiten. Gute Nacht.“

Ich mag diesen Gedanken. Auch wenn Gott leider nicht meinen Schreibtisch abarbeiten und mein Chaos aufräumen wird. Aber ich finde diese Einstellung beeindruckend und auch beruhigend. Dass ich nicht alles heute fertigbringen muss. Dass ich manches auch einfach liegen lassen und im Abendgebet sagen kann: „Ich kann gerade nicht mehr. Herr, pass auf mich und auf meinen Schreibtisch auf und schenke mir Abstand und Ruhe.

Ich geh jetzt ist Bett, du musst jetzt weiterarbeiten. Gute Nacht!“

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