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SWR4 Abendgedanken

22NOV2022
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„Essen ist wichtig“, sagt der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer. Das ist jetzt keine große Erkenntnis. Natürlich ist Essen wichtig. Jeder von uns tut es. Jeden Tag. Manche achten nur vielleicht mehr darauf als andere.

Jonathan Safran Foer stammt aus einer jüdischen Familie. Als er Vater geworden ist, hat er sich mehr und mehr mit Ernährung und mit Tierhaltung beschäftigt. Und er hat ein Buch darüber geschrieben, das den schlichten Titel trägt: „Tiere essen“.

Aus seiner Erfahrung als jemand, der aus einer jüdischen Familie stammt, schreibt er, dass Essen wichtig ist. Weil ihn sein Glaube gelehrt hat, dass Essen wichtig ist. Es geht für ihn nicht nur um Nahrungsaufnahme, sondern auch darum, dass uns unser Essen mit den Menschen verbindet, die mit uns am Tisch sitzen. Wir werden dadurch auch mit den Geschichten dieser Menschen verbunden.

So sehr ich auch diesen Gedanken mag, aber was ist, wenn ich allein am Tisch sitze?

Ich esse echt gerne, aber weil ich allein wohne, sitze ich auch oft allein am Tisch. Und dann spüre ich schnell den Impuls, neben dem Essen das Handy in die Hand zu nehmen oder eine Zeitschrift zu lesen. Mich zu beschäftigen, weil ich gerade kein Gegenüber habe, mit dem ich mich unterhalten und Geschichten teilen könnte.

Und manchmal denke ich mir: Ich habe hier wirklich ein gutes Essen auf dem Teller. Essen, dass auch eine bestimmte Geschichte und einen bestimmten Geschmack hat. Dieses Essen auf meinem Teller verbindet mich nämlich nicht nur mit den Menschen am Tisch, sondern es erzählt mir auch selbst eine Geschichte. Davon, wie ich lebe, wo ich herkomme, und manchmal sogar etwas über meinen Glauben. Dann kommen Erinnerungen hoch, was dieses Essen mit meinen Geschichten und meinen Erfahrungen zu tun hat.

Wenn zum Beispiel eine Pizza auf meinem Teller liegt, denke ich an mein geliebtes Italien, die Toskana, an Rom, an wunderbare Brunnen und beeindruckende Kirchen. Oder wenn ich Wurstsalat esse, kommt mir in den Sinn, dass der leider nie so gut schmecken wird, wie von meiner Mama. Oder wenn ich frisches Brot rieche und esse, kommt mir manchmal der Gedanke an das, was ich mit anderen am Sonntag im Gottesdienst feiere. An Brot, dass geteilt wird und dass ich nicht allein bin.

Essen ist wichtig. Das ist keine Frage. Noch wichtiger wird es, wenn ich meinem Essen den Raum und die Zeit lasse, dass es mir eine Geschichte erzählen kann.

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