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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23NOV2022
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Das Wort klingt schon ziemlich unangenehm: Friedhofszwang. Und was es beschreibt, möchten viele ganz gerne abschaffen: In Deutschland gilt aber nach wie vor die Regelung, dass Verstorbene im öffentlichen Raum beigesetzt werden müssen: auf Friedhöfen, in Friedwäldern oder auf anderen dafür vorgesehenen Plätzen. In anderen Ländern bestehen im Umgang mit Toten längst größere individuelle Freiheiten. In den Niederlanden oder in der Schweiz können Urnen auch im Garten vergraben oder gar nicht unter die Erde gebracht, sondern zuhause in einem Regal aufgestellt werden. Es ist sogar möglich, Asche von Toten in einen Edelstein pressen zu lassen, den ein Hinterbliebener dann als Schmuckstück bei sich tragen kann. Aufgrund dieser Trends rechnet die deutsche Friedhofsgesellschaft damit, dass in den kommenden zehn Jahren hierzulande jeder dritte Friedhof schließen muss. An Toten mangelt es zwar nicht, jährlich sterben in Deutschland mehr als 900.000 Menschen. Die wollen nur heute oft woanders hin. Und sich keinem Friedhofszwang mehr beugen.

Ich hingegen möchte mir nicht vorstellen, dass meine Kinder sich eines Tages darum streiten, wer nach der Trauerfeier Mamas Asche mit nach Hause nehmen darf – oder muss. Vielleicht ist es bis dahin aber auch möglich, dass sie aufgeteilt und gerecht gedrittelt wird. Umgekehrt kann ich mir auch nicht vorstellen, die sterblichen Überreste eines Angehörigen zu besitzen. Denn das ist für mich der springende Punkt: Ein anderer Mensch gehört mir nicht, so eng die Beziehung zu Lebzeiten auch gewesen sein mag. Als Christin sehe ich darin sogar einen großen Trost, dass ich „im Leben und Sterben nicht mir gehöre, sondern zu Jesus Christus.“ Und ich bin mir sicher: Der würde meine sterblichen Überreste bei der Auferweckung der Toten am jüngsten Tag notfalls auch in einem Karton auf dem Dachboden finden.

Trotzdem bin ich dafür, dass Friedhöfe als öffentliche Erinnerungsorte erhalten bleiben. Ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren. Mancher Name auf einem Grabstein weckt Erinnerungen an eine Person, an die ich sonst gar nicht mehr gedacht hätte. Geburts- und Sterbedaten regen mich an, über die Endlichkeit des eigenen Lebens nachzudenken. Und in der Regel erfüllt so ein Spaziergang mich am Ende mit dem, was der Ort verheißt: mit Frieden. Mir gefällt es, dass die Toten auf diese Weise unter uns sind. Geborgen und frei.

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