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SWR1 3vor8

18SEP2022
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Alles wird teurer! Was sich daraus ergibt, ist eine einfache Rechnung. Die wenig haben, trifft es hart. Die in der Mitte kommen einigermaßen durch. Die ganz Reichen werden noch reicher, wenn sie zu denen gehören, deren Erzeugnisse dringend gebraucht und teuer verkauft werden können. Die Ölkonzerne und Stromlieferanten verdienen sich eine goldene Nase. Aber für die kleinen Betriebe wird es vielfach ganz schwierig. Handwerksbäcker leiden unter den steigenden Rohstoffpreisen für Butter und Getreide. Restaurants finden keine Mitarbeiter, die sie angemessen bezahlen können. Etliche müssen bereits Insolvenz anmelden. Das Gesetz des freien Marktes kennt in letzter Konsequenz kein Erbarmen und geht dann auf Kosten derer, die sich vieles werden nicht mehr leisten können. Das Phänomen ist altbekannt. Schon die Propheten des Alten Testaments haben sich damit intensiv befasst. Weil das Thema Gerechtigkeit ihr großes Thema war. Allen voran für Amos, aus dessen Buch heute im katholischen Gottesdienst gelesen wird. Dort heißt es: Wir fälschen die Waage zum Betrug, um für Geld die Geringen zu kaufen und den Armen wegen eines Paars Sandalen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld[1].

In meinen Ohren klingen diese Sätze erschreckend aktuell. Auch wenn heute nicht offensichtlich betrogen werden muss und es keinen Menschenhandel mehr gibt. Amos legt seinen Finger in eine offene Wunde. Und das passt leider gut zu dem, was im Moment geschieht. Allerdings tritt in unseren Tagen eben kein Prophet auf, der das so unmissverständlich anprangert. Und der das aus einem Grund tut, der unserer Zeit mehr und mehr verloren zu gehen scheint. Amos sagt, dass Gott das nicht will, ja dass es für ihn unerträglich ist, wenn Arme in eine solche Lage gebracht werden und ihre Not nicht gesehen wird. Amos charakterisiert das in seinen Worten als asozial und egoistisch, so miteinander umzugehen. Wo es ungerecht zugeht, widerspricht das dem, wie Gott sich das Miteinander auf unserer Welt gedacht hat.

Ändert es etwas, wenn man das weiß? Die Gesetze des freien Marktes lassen sich von Gott nicht beeindrucken. Der ist weit weg und der eigene Geldbeutel ist vielen näher als ihr schlechtes Gewissen. Aber wenigstens gesagt werden muss es: dass es Gott nicht gefällt, wenn die Armen noch ärmer werden; dass es zum Himmel schreit, wenn Menschen in Not geraten, weil andere zuerst an den eigenen Profit denken; dass die endgültige Rechnung noch nicht gemacht ist, weil Gottes Einfluss nicht hier und jetzt endet. Daran lässt der Prophet Amos keinen Zweifel, wenn er die Egoisten im Namen Gottes warnt: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen[2].

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[1] Amos 8,6f.
[2] Amos 8,7b

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