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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

19SEP2022
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Er sitzt vorne und ich hinten. Er muss ganz schön in die Pedale treten, ich kann mich locker ausruhen. Er, mein Sohn, mittlerweile auch schon über vierzig, hat sich eines von diesen großen Fahrrädern gekauft, die es heute gibt. Wo auch ganz legitim zwei Erwachsene drauf sitzen können. Einer sitzt vorne und strampelt und der andere sitzt auf dem Rücksitz und lässt sich den Wind um die Nase pfeifen. Mein Sohn muss schaffen, ich kann ausruhen.

Es ist schön, so von meinem Sohn durch die Gegend geschaukelt zu werden, aber ich muss dabei natürlich auch an früher denken. Da habe ich ihn geschaukelt. Erst im Kinderwagen, dann auf dem Fahrrad und auch auf meiner Schulter, da hat er bei langen Wanderungen, wenn er müde wurde, gerne Platz genommen. 

Bequem auf dem Fahrrad sitzend wird mir klar: Wir haben die Rollen getauscht. Er fährt jetzt mich, sicherlich diese Fahrt ist nicht lebensnotwendig, mehr eine Gaudi – ich könnte auch den Bus nehmen. Aber wer weiß, vielleicht wird er mich in ein paar Jahren im Rollstuhl über die Straße schieben. In einigen Fragen bin ich eh schon auf ihn angewiesen. Zum Beispiel in allen Fragen, die den Computer betreffen. Da ist er mein Lotse, meine persönliche Hotline. So wie ich früher, als er klein war, versucht habe ihm seine Fragen zu Gott und der Welt zu beantworten, so erklärt er mir heute mit einer Engelsgeduld die Computerwelt. Manchmal schon ein bisschen zu ausführlich, denn ich will ja nur, dass das Ding wieder funktioniert. Ich glaube, ich war früher auch so. Habe versucht ihm was zu erklären, wo er nur wollte, dass das Spielzeug wieder klappt.

Rollentausch, die Kinder sind jetzt für die alten Eltern da. Nicht immer einfach für uns, die Alten, angewiesen zu sein auf die Hilfe der Jungen. Aber im Lauf des Lebens so vorgesehen. Vielleicht damit wir am Ende unseres Lebens wieder ein bisschen demütiger werden. 

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