Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

17AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich liebe Erdbeeren! Fast bei jedem Einkauf im Hofladen habe ich mir in diesem Jahr eine Schale mitgenommen. Meine Lieblingssorte sind die Erdbeeren mit Namen Lambada. Die sind klein und sehr süß. In diesem Jahr war das Wetter perfekt, es gab und gibt unglaublich viele Erdbeeren.

Zu viele für den Markt in Deutschland. Ich war entsetzt darüber als ich gelesen habe, dass zahlreiche Obstbauern ganze Felder mit guten und reifen Erdbeeren vernichtet haben. Sie haben sie hektarweise einfach untergepflügt. Weil sie keine andere Wahl hatten. Die Supermarkt-Regale sind voll mit Erdbeerschalen aus Südeuropa, die oft nur ein Bruchteil der heimischen Erdbeeren kosten.

Wie ist es dazu gekommen? Zwei Dinge sind dafür verantwortlich. Erstens: Erdbeerbauern, beispielsweise aus Spanien, bieten den Supermärkten ihre Früchte sehr günstig an, weil sie unter ganz anderen Bedingungen anbauen und ernten können. Sie müssen ihren Arbeitern weder einen Mindestlohn bezahlen, noch so streng auf den Umwelt- und Pflanzenschutz achten wie deutsche Erzeuger. Zweitens: Viele Menschen müssen jetzt mehr sparen. Sie kaufen nur die wichtigsten Nahrungsmittel ein oder sie kaufen günstige Angebote. Teure Erdbeeren stehen oft nicht auf dem Einkaufszettel.

Die Folge ist: Heimische Obstbauern müssen ihre Schale für etwa 4 Euro verkaufen, um ein bisschen etwas zu verdienen. Das geht nur direkt auf dem Markt oder im Hofladen, den Supermärkten sind diese Früchte zu teuer, die nehmen sie meist gar nicht.

Aber muss man deswegen das gute Obst einfach vernichten? Das ist Lebensmittelverschwendung! So ist mein erster Gedanke gewesen. Warum das Obst nicht wenigstens verschenken oder die Erdbeeren zum selber pflücken anbieten? Ich habe mich dann erkundigt und mir ist klar geworden: So einfach ist das nicht. Den Bauern blutet das Herz, wenn sie die Früchte ihrer Arbeit, im doppelten Wortsinn, zerstören müssen. Aber da geht es nicht um ein kleines Feld, sondern um viele Hektar – bis die von Privatleuten abgeerntet wären, vergehen viele Tage. Zu viele, denn die reifen Früchte faulen schnell und schädliche Pilzsporen würden dann von einem zum nächsten Feld getragen werden.

Auch meine Kinder und ich haben erst lernen müssen, der billigen Versuchung im Supermarkt zu widerstehen. Wir packen die 1-Euro-11-Erdbeeren nicht mehr in den Einkaufswagen und gehen beim Hofladen vorbei. Gleichzeitig habe ich die Kinder darum gebeten, einen kleinen Teil zu den teureren Erdbeeren beizutragen; indem sie nicht bei jedem Einkauf um ein Päckchen Gummibärchen oder ein Wassereis betteln.

Ich denke es ist möglich, auch mit weniger Geld ab und zu heimisches Obst zu kaufen. Klar ist aber auch, die Situation ist komplex und zeigt, wie alles zusammenhängt: Obstanbau in Südeuropa, die guten einheimischen Erdbeeren, osteuropäische Erntehelfer und der deutsche Mindestlohn.

Wichtig in jedem Fall ist, sich die Zusammenhänge klarzumachen. Und sich dann bewusst zu entscheiden. Meine Entscheidung ist gefallen: für Lambada und Mindestlohn.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35964