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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08JUN2022
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Sind Sie manchmal sauer auf Gott? Wütend auf das Schicksal? Verzweifelt? Weil Gott nicht geholfen hat? Weil er zulässt, was nicht auszuhalten ist?

Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das dann. Zum Schreien. Aber – darf man das? Und was soll das überhaupt bringen?

In der Bibel zumindest haben es Menschen so gemacht. Mittendrin, in den Psalmen. Da stehen Gebete, in denen bekommt Gott ganz schön was zu hören. Wütend und verzweifelt klingt das dort. Und es hagelt Vorwürfe: „[D]einetwegen erleide ich Schande“ [Psalm 69,8; BasisBibel], klagt jemand. Oder: „Warum bleibst du in der Ferne, Herr? Warum verschließt du deine Augen in Zeiten der Not?“ [Psalm 10,1; BasisBibel] Und schließlich: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ [Psalm 22,2a; BasisBibel].

Ein bisschen merkwürdig und unlogisch wirkt das ja schon: Gott wütend angehen, obwohl der doch weit weg ist, gar nicht da. Irgendeine Verbindung scheint es trotz allem doch noch zu geben … Zu Gott, dem Vater, auf den die Menschen so wütend sind.

Wenn ich daran denke, dass ich auch Vater bin, erscheint mir das gar nicht mehr so unlogisch. Denn als Eltern haben wir mit unseren kleinen Kindern schon ganz Ähnliches erlebt. Manchmal waren die so richtig sauer auf uns. Angebrüllt haben sie uns dann, mit ihren kleinen Fäusten auf uns eingeschlagen. Aber genau dadurch haben sie eben auch unsere Nähe gesucht. Mama oder Papa waren immer noch der beste Ort für sie. Und manchmal, wenn sie all ihre Wut hinausgeschrien hatten, sind sie in unseren Armen geborgen eingeschlafen, ausgerechnet dort.

In den Psalmen mitten in der Bibel gibt es das auch: Auch dort münden Wut und Verzweiflung manchmal in Dankbarkeit, Geborgenheit. „Du hast gehört, Herr, wonach die Unterdrückten sich sehnen“ [Psalm 10,17a; BasisBibel], ist dort zu lesen. Und: „Mein Gebet hast du erhört.“ [Psalm 22,22b; BasisBibel]. Menschen haben da also die Erfahrung gemacht: Gott hält auch meine Wut aus. Die Verbindung zu ihm bleibt. Und mitten in der Verzweiflung wird schon etwas heil.

Sind Sie manchmal sauer auf Gott? Vielleicht hilft Ihnen ein verzweifeltes, wütendes Gebet. Keine Angst, Gott hält das aus. Er bleibt da. Und vielleicht merken Sie dann ja, wie etwas heil wird.

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