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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01JUN2022
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„Betest Du eigentlich noch“? Diese Frage beschäftigt mich. Ich stell sie mir selbst: „Klar, bete ich. Wir sprechen beim Essen zu Hause ein Tischgebet. Im Gottesdienst bete ich mit allen anderen das Vaterunser, manchmal einen Psalm und all die anderen vorgegebenen Gebete. Und immer wieder schicke ich ein Stoßgebet gen Himmel. Das sind alles Gebete und wenn ich sie spreche, dann bete ich also folgerichtig. Von daher könnte ich die Frage rasch mit ja beantworten – „ja, ich bete noch“.

Doch die Frage dahinter, die mich eigentlich umtreibt, ist die: Was bedeutet beten für mich? Es heißt für mich zunächst still werden. Horchen. Lauschen. Ich brauche diese innere und äußere Ruhe, um in Verbindung zu kommen mit mir selbst und mit dem, den ich Gott nenne, der vielleicht so etwas wie die innere Stimme in mir ist.

Dabei fühle ich mich in einer alten Tradition aufgehoben. Denn schon das zentrale Gebet im Judentum, also bei unseren älteren Glaubensgeschwistern, beginnt mit der Ermutigung: Höre Israel. Höre - nicht rede. Beten bedeutet für mich deshalb zunächst still werden, um zu hören. Um in mich hineinzuhören. Und eine Verbindung zu Gott suchen. Wenn ich nicht weiß, wie ich mein Gebet anfangen soll, dann halte ich mich an die heilige Teresa von Avila. Sie sagt:

„Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.“

Beten als reden wie mit einem Freund. Das finde ich eine schöne Vorstellung.
Und dass dieser Gott sich dabei mit mir auf Augenhöhe treffen will, berührt mich sehr. Ich finde es nicht selbstverständlich zu ihm „Du“ sagen zu dürfen. Doch Jesus ermutigt mich mit der Einladung, Gott Vater zu nennen, genau dazu.

In einem Gespräch mit einem guten, „väterlichen“ Freund, kann ich mich so zeigen, wie ich bin, mit dem, was mich umtreibt. So besteht eines meiner kürzesten Gebete aus wenigen Worten: „Da schau her – so ist es gerade“. Ich muss nichts beschönigen und wir können gut miteinander schweigen. Und die Fragen aushalten, auf die es - noch - keine Antwort gibt.

Es tut mir gut, regelmäßig in Kontakt zu sein mit Gott, mit ihm in Verbindung zu bleiben, ihm mein Herz und Ohr zu öffnen. Wie andere Freundschaften auch will ich diese Freundschaft mit Gott pflegen.

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