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SWR4 Abendgedanken

23MAI2022
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Die Stuttgarter Domkirche St. Eberhard steht auf der Königstraße. Mitten zwischen Geschäften und Banken. Man muss genau hinschauen, um zu sehen, dass die Fassade der Kirche an einer Stelle durchbrochen ist. Von einer Glasscheibe. Dahinter: ein Gesicht. Die Büste von Eugen Bolz.

Bolz war württembergischer Staatspräsident bis 1933. Weil er sich offen gegen die Nationalsozialisten gestellt hat und später Verbindungen zum Widerstand im Dritten Reich hatte, wurde er 1945 hingerichtet. Eugen Bolz war nicht nur Politiker, sondern auch engagierter Katholik. Er saß für die katholische Zentrumspartei im Landtag. Und in dieser Zeit war St. Eberhard seine Stuttgarter Pfarrkirche.

Der kleine Bolz-Gedenkort in der Kirchenfassade ist an diesem Wochenende eingeweiht worden. Das ist ein guter Zeitpunkt. Denn am Donnerstag beginnt in Stuttgart der Katholikentag. Mehrere Zehntausend Christinnen und Christen werden in diesen Tagen in der Stadt unterwegs sein und genau hier vorbeilaufen. An dieser aufgebrochenen Kirchenmauer.  Für mich ist das ein starkes Symbol: Kirche muss sich öffnen, zur Straße hin, zur Welt. Denn die Kirche ist nicht für sich selbst da ist. Eine Kirche, die in ihren Mauern bleibt, ist keine Kirche im Sinne von Jesus. Das bedeutet im Umkehrschluss: Kirche muss hinausgehen, sie muss dort sein, wo Menschen leiden, weil sie vor Krieg und Gewalt fliehen, wo Menschen ausgebeutet werden, weil andere ihnen einen fairen Lohn verwehren. Oder dort, wo Menschen diskriminiert werden, wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Religion.

Eugen Bolz hat seine politische Arbeit als Katholik genau so verstanden. Er hat entschlossen gehandelt, wenn Andere unrecht behandelt wurden. Er selbst hat seine Haltung einmal so formuliert: „Politik ist für mich nichts anderes als praktische Religion“.

Der Katholikentag in Stuttgart in dieser Woche bietet genau diese Chance: Was Christen glauben mit dem, was in der Welt vor sich geht, zusammenzubringen. Auf Straßen und Plätzen, in Kirchen und Hallen. Eine der zentralen Veranstaltungen findet im Landtag von Baden-Württemberg statt und stellt die entscheidende Frage: „Wer braucht noch die Kirche?“ Ein Bischof und ein Politiker werden sich dort gegenübersitzen, Bischof Georg Bätzing und Kevin Kühnert; und sie werden um Antworten ringen.

Der Landtag in Stuttgart ist nur einen Steinwurf entfernt von der Domkirche St. Eberhard. Der neue Gedenkort bricht die Grenze zwischen Kirche und dem öffentlichen Raum symbolhaft auf. Für eine Zukunft der Kirche ist das wichtig: Diesen Durchbruch muss es dauerhaft geben, nicht nur beim Katholikentag.

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