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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

09MAI2022
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„Wenn sie jetzt schon vegetarisch isst, darf sie aber auch keine Ledertasche mehr tragen, sonst ist das nicht konsequent.“ „Wenn er jetzt schon ein E-Auto fährt, dann darf er aber auch nicht mehr in den Urlaub fliegen.“ Vielleicht kennen Sie solche Aussagen von der letzten Familienfeier oder aus der Kaffeepause bei der Arbeit. Jemand entscheidet sich, bewusster zu leben, einen Lebensbereich nachhaltiger oder neu auszurichten und gleich sind die zur Stelle, die es noch besser wissen. Dieses Phänomen ließ sich auch in der Coronazeit oft beobachten, als es plötzlich zahllose Virologinnen gab und bei der nächsten WM werden wir wieder Millionen Bundestrainer im Land haben. Es ist einfach und kostet nichts, vom Sofa im eigenen Wohnzimmer aus das Land zu regieren, Entscheidungen im Freundeskreis oder aus der Politik zu kommentieren und über die Inkompetenz oder Inkonsequenz der anderen überlegen den Kopf zu schütteln. Natürlich sind nicht alle Entscheidungen, die in der Politik, in meinem Freundeskreis, im Verein oder in der Firma getroffen werden konsequent. Und über Manches kann man tatsächlich nur den Kopf schütteln. Aber ich will versuchen, nicht vorschnell zu urteilen. Laute Empörung schadet jeder Debatte. Ein bisschen Demut hingegen, hat noch selten geschadet.

In der Bibel heißt es an einer Stelle: Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. (Prediger 7,16f.)

Ich finde das klug. Denn dieser Vers richtet den Blick auf mich und lässt mich fragen: Wie konsequent bin ich in meinen Entscheidungen? Wie wohlüberlegt handle ich? Sollte ich tatsächlich spöttisch auf andere herabschauen? Ist es meine Aufgabe, das moralische Maß an andere anzulegen? Und nicht zuletzt: was ließe sich aus der Außensicht über meine Entscheidungen und Prinzipien sagen? Vielleicht sollte ich etwas vorsichtiger urteilen. Die andere Seite wäre natürlich, zu allem, was ich nicht tatsächlich besser kann oder wovon ich selbst nicht betroffen bin, zu schweigen. Vor allem die Augen zu verschließen und alles hinzunehmen. Aber das kann aus meiner Sicht auch nicht die Lösung sein. Denn so dividiert sich unsere Gesellschaft nur immer weiter auseinander. Darum finde ich den Mittelweg, den dieser Vers geht, so charmant. Gerecht sein – natürlich! Weise sein – auf jeden Fall! Dazu etwas Zurückhaltung und etwas weniger Empörungskultur. Eben nicht allzu gerecht, nicht allzu weise und nicht allzu gottlos. Ich glaube, das täte uns gut – in der Politik, in der Firma und sicher auch im Freundes- und Familienkreis.

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