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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

02MAI2022
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Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einen gepflegten Garten mit einem Fliederbusch, der im Frühjahr dreifarbig blüht: weiß, blass-lila und ein tief dunkles lila. Es gibt viel Wiese, das lieben die Maulwürfe und schmeißen oft nachts vor Begeisterung kleine Erdhaufen hoch – nicht zur Freude der Gärtnerin. An der Hauswand Maiglöckchen, Rosen blühen, Dahlien, Gemüse wird angebaut, Zwiebeln, ein paar Kartoffeln, Bohnen. Ein Teil des Gartens wird von einer Nachbars-Familie mit drei Kindern bewirtschaftet, die ziehen Möhren und Tomaten. Die meiste Arbeit bleibt aber an der Gärtnerin hängen. Und fast jeden Tag unterstützt sie ihren Garten mit Pflegearbeiten, weil der natürlich den Wettbewerb um den schönsten Garten im Dorf gewinnen will.

Seit sie älter geworden ist, teilt sie sich die Arbeit besser ein. Nicht mehr so viel auf einmal, Pausen einlegen. Dann sitzt sie auf dem Mäuerchen in der Sonne und genießt den Anblick.

Im Februar war ein junger Mann bei ihr - eigentlich auch nicht jung, aber gemessen an ihr schon. Der Sohn. Sie saßen nebeneinander auf der Gartenmauer, nachdem er den Flieder und den Pflaumenbaum beschnitten hatte. Die Gärtnerin steigt nicht mehr dauernd auf Leitern. Sie macht noch viel selbst, aber nicht mehr alles.

Und für mich sieht es so aus, als ob sie das sehr genießen würde, dass der große Sohn neben ihr sitzt und ihr die schwere Arbeit abgenommen hat.

Nicht selbstverständlich, wie sie von anderen hört. Schön zu wissen, dass sie nicht alles selber machen muss. Dass sie manches der jüngeren Generation überlassen darf. Der größte Teil ihres Lebens liegt hinter ihr, jetzt ist gewissermaßen die Nachspielzeit. Aber auch nach ihr wird es Gärtnerinnen und Gärtner geben, die alles zum Wachsen und Blühen bringen und die ernten, was die Gärtnerin noch gesät hatte.

Nach dem Frühling kommt der Sommer, dann der Herbst, dann der Winter, auch ihr persönlicher Winter wird kommen. Und dann kommt wieder ein Frühling für den Garten. Und irgendwann sitzt der Sohn da, wo heute die Gärtnerin sitzt, und neben ihm ein jüngerer Mensch. Der Kreislauf des Lebens. Und im Himmel wird die Gärtnerin ihre Freude daran haben.

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