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Anstöße sonn- und feiertags

20FEB2022
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Heute, am „Welttag der Sozialen Gerechtigkeit“ rufen die Vereinten Nationen die Völker dazu auf, ihre Sozialpolitik kritisch zu überprüfen. Denn diese muss ständig neu austariert und nachjustiert werden. Der Prophet Jesaja holt dafür geeignete Messinstrumente aus seiner Werkzeugkiste: das „Senkblei des Rechts“ und „die Wasserwaage der Gerechtigkeit“ (Jesaja 28,17).

Ist denn in unserem Land noch alles im Lot? Wir Betriebsseelsorger haben nicht den Eindruck: Über 7 Millionen Menschen zappeln in irgendeiner Grundsicherung, jeder Zehnte ist von Armut betroffen, unter ihnen 2, 8 Millionen Kinder und Jugendliche. Frauen verdienen immer noch 20 % weniger als die Männer.[1]) Ist denn ihre Arbeit weniger wert?

Verschämte Armut auf der einen, un-verschämter Reichtum auf der anderen Seite: Auf 10 Billionen Euro schätzt man das Volksvermögen – ein hübsches Sümmchen. Doch die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt davon grade mal 2, 3 Prozent.[2]) Darf´s vielleicht ein bisschen mehr sein? 

Und wer zahlt eigentlich die Zeche? Kapitaleigner werden mit 25 %, die Arbeitenden aber mit 42 % besteuert[3]). Dennoch schont die Ampel weiterhin den Reichtum der Reichen.

In diesen Wochen haben wieder die Vesper-Kirchen geöffnet – und sei es auch nur „to go“. Ein schönes Zeichen: Wir übersehen sie nicht, die Armen in unserer Stadt. Wir übergehen sie nicht, auch nicht in Zeiten der Pandemie. Dank all denen, die sich um arme Menschen kümmern. Sie verstärken damit den Aufschrei nach Gerechtigkeit.

Die aber muss politisch durchgesetzt werden. Ich wünsche mir, dass Christinnen und Christen immer wieder nach dem „Lot des Rechts“ und der „Wasserwaage der Gerechtigkeit“ greifen  und sozialpolitisch aktiv werden – in Parteien, Gewerkschaften, Kommunen und Kirchen. Der Zement, der die Gesellschaft zusammenhält, ist die soziale Gerechtigkeit. Sie muss garantieren, dass alle in diesem Land gut leben können. 

Für mich steht „Gerechtigkeitsdienst“ auf derselben Ebene wie „Gottesdienst“. Der Prophet Jeremia lässt daran keinen Zweifel. Gerechtigkeit, so schreibt er, sei nämlich einer der Namen Gottes (23,2).

 

[1]    Statistisches Bundesamt: Gender-Gap 2020

[2]    5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2017)

[3]    Vgl. www.Steuernetz.de/Abgeltungssteuer und „Frankfurter Allgemeine“ vom 26.04.2018: „So schröpft Deutschland seine Arbeitnehmer“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34886