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SWR2 Wort zum Tag

29JAN2022
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Wie duftet die Welt? Meine kleine Enkelin entdeckt das gerade. Es ist eine spannende Entdeckungsreise in die geheimnisvolle Welt der Aromen. Zugleich erschnuppert das kleine Wesen genau, was der Duft von Heimat ist und zu wem und wohin sie gehört. Wenn sie weint, dann nehmen sie Papa oder Mama in den Arm und sie schnüffelt den beruhigenden Hautgeruch ihrer Eltern. Noch bevor sie bewusst darüber nachdenken wird, lernt sie so genau, wie Heimat riecht. Das prägt sich ein. Und das bleibt, selbst wenn es dieses Zuhause gar nicht mehr gibt. Wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, den Geruch meines Elternhauses zu konservieren – ich würde ihn heute noch unter tausenden herausfinden können. Gleiches gilt für die Nachtcreme meiner Mutter. Und bis heute habe ich den typischen Geruch von Bohnerwachs in der Nase, wenn ich an meine Kindergartenfreundin denke – so roch es bei ihr im Treppenhaus.

Unsere Sprache weiß um die Relevanz des Geruchssinns für Beziehungen. Wenn ich jemanden unsympathisch finde, dann kann ich ihn nicht riechen. Ich rümpfe die Nase; wenn ich etwas nicht gut finde, dann stinkt es mir. Umgekehrt kann man vom Duft des oder der Liebsten gar nicht genug bekommen. Im Hohelied, einem wunderschönen Teil der Bibel, schwärmt die Liebende von ihrem Freund: seine Wangen sind wie Balsambeete, auf denen Gewürzkräuter wachsen, sein Mund ist voll Süße. Sogar Gott riecht – das meint jedenfalls die Bibel. Er kann es gar nicht riechen, wenn Menschen ungerecht und unsozial handeln. Das Jesuskind bekommt von den drei Weisen duftende Geschenke. Kein Wunder also, dass das Wort für den Heiligen Geist ganz eng verwandt ist mit dem Wort für Duft und Geruch. Viele Menschen, auch solche, die gar nicht an Gott glauben, spüren in manchen Kirchen eine besondere Atmosphäre – ich meine, das hängt damit zusammen. Es klingt vielleicht etwas ungewöhnlich – aber ich meine schon, dass man in vielen Kirchen Gott erschnuppern kann.

Zurück zu meiner kleinen Enkelin: Sie erobert sich riechend ihre Heimat, zugleich eröffnet sich ihr gerade im Kindergarten eine neue Perspektive. Sie wird dabei, hoffentlich, lernen, dass nicht alles nach ihrer hübschen kleinen Nase geht. Sie wird auf kleine und große Menschen treffen, die anders riechen als sie es gewohnt ist, möglicherweise erst einmal sehr fremd. Doch: Menschen dürfen unterschiedlich riechen, und es ist gut so! Gerade die Vielfalt erhält uns lebendig. Wenn es gut geht, lernt meine Enkelin Toleranz und bleibt neugierig auf den Duft der großen weiten Welt. Denn sonst kann schnell aus dem Aroma der Heimat eine dumpfe Stube werden, in der es abgestanden müffelt.

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