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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07JAN2022
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Aus dem letzten Jahr sind ein paar Ereignisse in meinem Gedächtnis hängen geblieben. Kleinigkeiten - nichts Spektakuläres, aber trotzdem erhellend. Die möchte ich gerne ins neue Jahr hineinretten. Im Sommer zum Beispiel war ich mit dem Zug unterwegs, im Nahverkehr. Zwei junge Frauen saßen mir gegenüber. Wieder so jung sein! Die Midlife-Crisis hat sich in mir gerührt, und etwas neidisch habe ich den jungen Menschen zugehört. Ganz unbefangen haben die sich unterhalten auf ihrem Heimweg von einer Frieday’s for future-Demo.

Die eine zur andern: „Warst du schon oft auf einer Demo?“ „Nein, war das erste Mal.“ Es war die kleiner von beiden, die geantwortet hatte. Dunkelhaarig, einfache Jeans und Schuhe für den Alltag an den Füßen. Die, die gefragt hatte war groß, feingliedrig, fast graziel, wie ich fand. Und offensichtlich rege beteiligt bei gesellschaftlichen Themen und im Engagement für Umweltschutz und Gerechtigkeit. Im ersten Moment habe ich sie für die stärkere von beiden gehalten. Die Tatkraft in Person sozusagen. Und ich dachte, dass ich früher wohl eher wie die Dunkelhaarige gewesen war - damals, als ich jung war. Nicht so rege und engagiert. Eher zögerlich, vielleicht sogar ein bisschen feige.

Ich war noch ganz mit mir und meinem Neid mitsamt Midlife-Crisis beschäftigt, da habe ich wieder Teile des Gesprächs aufgeschnappt. Die junge dunkelhaarige Frau mit dem praktischen Outfit erzählte gerade, wie sie irgendwo in Spanien auf ein paar tolle Musiker gestoßen war. Mit denen war sie dann wohl eine ganze Weile unterwegs, hat selbst Gitarre gespielt auf kleinen Festivals und Bars. Von Musikstilen hat sie erzählt - und habe ich den Gesichtsausdruck der anderen bemerkt, die ich erst für so stark gehalten hatte - ehrfürchtig, fast ein bisschen eingeschüchtert. Sie hat dann auch zugegeben, dass sie sich so etwas niemals zutrauen würde: Reisen ins Blaue ohne Hotel, Musik machen in einem fremden Land, einfach so neue Leute kennen lernen.

Meine Eindrücke von dieser Begegnung möchte ich mitnehmen ins neue Jahr. Ich habe etwas aus dem Leben zweier wunderbarer junger Menschen aufgeschnappt. Beide auf ihre Art bemerkenswert. Bemerkenswert aber auch, dass sie das Besondere an sich gar nicht richtig wahrgenommen haben. Nur das besondere bei der anderen. Ob die eine auf die andere neidisch war, weiß ich nicht. Beim nächsten Halt sind sie nämlich ausgestiegen aus dem Zug. Ich jedenfalls werde versuchen, meinen Neid auf die beiden zur Seite zu schieben. Ich möchte im neuen Jahr lieber darauf achten, was an mir und meinen Eigenheiten bemerkenswert ist.

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