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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23OKT2021
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Zwei Männer sind furchtbar zerstritten. Hoffnungslos, wie es aussieht. Was rate ich ihnen? Dem anderen zu verzeihen; am besten siebenmal siebenundsiebzigmal, wie Jesus es empfiehlt? Nun ja, das mag in der Theorie gut und richtig sein. Aber wenn einer sich so sehr über den anderen geärgert hat, dass er gekränkt und beleidigt ist - dann hilft das nichts. Dann wird der eigentliche kluge Rat zu einem frommen Wunsch und klingt realitätsfern. Verzeihen kann man nicht auf Knopfdruck. Und Verzeihen ist auch nicht der erste Schritt, wenn zwei im Clinch miteinander liegen. Was also tun?

Häufig ist es so, dass Streithähne aneinander vorbeireden. Einer sagt was; das Gegenüber versteht etwas ganz anderes. Wenn die Auseinandersetzung sich auf schriftlichem Wege abspielt, ist es oft noch viel komplizierter. Was auf dem Papier steht, ist so endgültig, so fertig. Um sich zu verstehen, muss man sich annähern, den anderen spüren, ihm ins Auge schauen. Ich glaube, deshalb ist das der erste Schritt. Die beiden Zerstrittenen müssen an einen Tisch, und am besten ist jemand dabei, der zwischen ihnen vermittelt. Er muss darauf achten, dass nicht sofort negative Gefühle die Überhand gewinnen, sondern erst einmal die Fakten auf den Tisch kommen. Wenn das funktioniert, merkt man schnell, worum es eigentlich bei dem Streit geht: ob jemand etwas missverstanden hat und sich das leicht aufklären lässt; oder ob da womöglich eine ganz alte Verletzung hineinspielt, die nie aufgearbeitet worden ist. Manchmal sind Konflikte auch irrational und mit Argumenten ist ihnen kaum beizukommen. Auch dann ist es gut, dass das ausgesprochen wird. Von Angesicht zu Angesicht und mit einem Dritten dabei überlegt man sich besser, was man sagt und wie man es vorträgt.

Ganz schwierig wird es, wenn gar keine Versöhnung gewünscht ist. Auch das gibt es. Einer will den anderen aus seinem Leben verbannen, ihn einfach loswerden, für immer. Dann wird es schwer. Gegen den ausdrücklichen Willen der unmittelbar Beteiligten kann man nicht viel unternehmen. Außer doch hin und wieder vorsichtig darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, sich zu versöhnen. Siebenmal und mehr, immer und immer wieder. Weil es auch den entlastet, der sich im Recht fühlt. Weil es die Streithähne voneinander befreit. Weil alles andere den Menschen hart macht, unmenschlich im Grunde. Sei er nun Christ oder nicht.

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