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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12AUG2021
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Ihre Augen waren jung und alt zugleich. Und ich war kurz angebunden bis an die Grenze zur Unfreundlichkeit. Sie hatte bei uns geklingelt an einem Sonntagmorgen gegen halb zwölf. Wir hatten Gäste zum Brunch und ich war in ein Gespräch verwickelt. Es klingelte und da stand diese Frau mit den jungen, alten Augen. Eine südländisch aussehende Bettlerin.

Und ich ärgerte mich. Ärgerte mich aus dem Gespräch gerissen zu werden, ärgerte mich, dass mich Bettler jetzt schon am Sonntagmorgen in meinem Privatbereich stören.

Die Frau sprach nur gebrochen Deutsch, zeigte Fotos von Kindern und stammelte was von Rumänien, Überschwemmungen und Hunger. Ich dachte an die Banden von Profibettlern, die Frauen und Kinder vor Kirchen und in Privathäuser schicken. Darum war ich kurz angebunden, brummelte was von „habe Besuch“ und ging wieder zu meinen Gästen. Aber ich war nicht mehr recht bei der Sache. Die Augen der Frau und mein abweisendes Verhalten ließen mich nicht los. Darum ging ich aus dem Haus und schaute nochmal nach der Frau. Sie stand vor der Haustür unserer Nachbarn und ich sagte zu ihr, „bitte kommen sie noch mal.“ Schon lang hatte ich einen Beutel voll Münzgeld für besondere Zwecke aufbewahrt. Und als ich die Bettlerin vor der Haustür meiner Nachbarn stehen sah, war mir klar, dass sie ihn bekommen sollte.

Zu unserer Haustür führen drei Stufen hinauf. Als sie davor stand, ging ich in die Hocke und gab ihr den Münzbeutel. Auf Augenhöhe, von meiner Hand in die ihre. Dabei nahm sie meine Hand und küsste sie. Ich zuckte zurück weil sich diese Dankbarkeit für mich zu unterwürfig anfühlte. Wahrscheinlich spürte die Frau das. Sie zeigte zum Himmel und segnete mich. Und das konnte ich annehmen. So dankbar wie sie.

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