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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

11SEP2020
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Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist zur Falle geworden. Nun ist das eingetreten, was viele schon lange befürchtet hatten. Ich auch. Wer hier angekommen ist, hatte so gut wie keine Perspektive auf Rettung. Jetzt, wo das Lager in Flammen aufgegangen ist, wird die Katastrophe unübersehbar. Das ist schlimm und verlangt sofort Hilfe. Unbürokratisch und ohne daran zu denken, was das kostet und welches Land wie viele Flüchtlinge aufnehmen muss.

Aber der eigentliche Skandal besteht darin, dass das alles längst abzusehen war. Wie oft haben Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und auch der Kirchen darauf hingewiesen, dass die Zustände in Moria unhaltbar sind?! Wie viele Angebote hat es gegeben, vor allem die Kinder von dort wegzubringen, um sie vor Unheil zu bewahren?! Etliche Städte und Kommunen auch in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben signalisiert: Wir sind bereit, Menschen aufzunehmen. Wenn viele mithelfen, wird es kein Problem sein, das Lager zu räumen und die Menschen an sicheren Orten unterzubringen. Die Politik der EU und eben auch die deutsche Regierung, die zudem derzeit die Ratspräsidentin stellt, haben in diesem Punkt eklatant versagt, haben eine Entscheidung zugunsten der Menschlichkeit wieder und wieder vor sich hergeschoben. Nun sage kein Politiker und auch sonst kein Mensch, er sei nicht gewarnt gewesen. Als Christ bleibe ich zudem an der Mahnung Jesu hängen: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.[1]

Und jetzt … wird immer noch gezögert. Offenbar aus dem Kalkül heraus, kein falsches Signal für andere Flüchtende zu senden. Dass nur keiner denkt: Wer lange genug durchhält, kommt irgendwann ans Ziel und findet in der EU Aufnahme. Aber solche strategischen Erwägungen sind jetzt vollends fehl am Platz. Sie waren von Anfang an unmenschlich, weil sie die Not des Einzelnen nicht beachten. Jetzt sind sie vollends entlarvt. Wer so denkt, spottet den Werten Hohn, die Europa sonst gerne so betont: Menschenrechte, Freiheit, die Würde jedes einzelnen, Nächstenliebe. Sie sind in den Flammen von Moria verbrannt. Was für eine Schande! Jetzt gibt es nur eines: Den Weg frei zu machen für alle, die längst zum Helfen bereit sind. Damit Europa, damit Deutschland nicht vollends sein menschliches Gesicht verliert.

 

[1]Matthäus 25,45

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