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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01OKT2019
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Bäume sind schon besondere Geschöpfe. Im Sommer habe ich vor einer Linde gestanden, ganz in der Nähe von Ettlingen. Die ist sage und schreibe 1000 Jahre alt. 1000 Jahre, das sind über 30 Generationen Menschen. Als die gepflanzt worden ist, war noch tiefes Mittelalter.

Was hat die Linde nicht alles gesehen? Wie viele Liebespaare haben sich in den 1000 Jahren unter ihr den Himmel auf Erden gewünscht. Und sich zugeflüstert: Ich liebe Dich. Wie viele haben sich verzaubern lassen, wenn ein leichter Windhauch durch die Blätter gegangen ist. Für mich klingt das immer, als ob jemand flüstert: es wird alles gut.

Für mich fühlt sich das auch immer ein bisschen nach Paradies an. Egal ob im Urlaub, in einem Park oder in der freien Natur. Für mich gehören zu einem Ort, der mich an ein Paradies erinnert, Bäume dazu. Geht ihnen das auch so?

Vermutlich kommt das aus meiner Kindheit. Ich habe wohl schon als Knirps gern im Schatten unter Bäumen gespielt, haben meine Eltern erzählt. Und vielleicht ist diese Nähe zu Bäumen ja uns als Menschheit insgesamt in die Wiege gelegt. In der Bibel wird ja erzählt: Mitten drin im Paradies, gab es zwei Bäume: Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis.

Noch mal zu der Linde in Schluttenbach. 1000 Jahre lang steht sie. War immer die Mitte des Dorfes. Auch in Zeiten, die nicht paradiesisch gewesen sind.

In diesem Sommer hat es einen schweren Sturm gegeben. Da haben sie sich Sorgen gemacht um ihre Linde. Ob sie den übersteht? Sie hat. „Gott sei Dank, wenn sie gefallen wäre, das wäre eine Katastrophe fürs Dorf,“ hat einer gesagt. Anscheinend können Bäume für uns Menschen mehr sein als eben nur ein Baum: Schattenspender, Sehnsuchtsort, Gemeinschaftsstifter. Orte, wo man erleben kann, wie das Leben sein muss, damit es sich ein bisschen wie Paradies anfühlt. Ohne Bäume kann ich mir Gottes gute Welt nicht vorstellen.

Auch wenn bei Ihnen keine 1000 jährige Linde steht. Bestimmt gibt es andere Bäume in ihrer Straße. Oder in ihrer Nachbarschaft. Und Sie wissen, es ist gut, dass die da sind.

Wäre das vielleicht eine Möglichkeit, dass sich Nachbarn zusammentun und sich um „ihren“ Baum kümmern. Oder einen pflanzen. Als so ne Art Baumpaten. Sich verabreden. Und bei der nächsten Trockenphase dafür sorgen, dass „ihr“ Baum genügend Wasser kriegt. Obwohl er keinem allein gehört, aber doch irgendwie allen. Wie gesagt: ein Paradies ohne Bäume kann ich mir nicht vorstellen.

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