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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Sie ist eine Gute“, sagt der dick eingepackte Mann und drückt einer Frau mit roter Jacke einen Kuss ins Haar. Er ist deutlich gezeichnet von Jahrzehnten in Kälte und Armut, vom Alkohol. Die „Gute“ ist Ärztin und freut sich über diese Begrüßung. Gerade ist sie aus dem Arztmobil gestiegen. Viele der Obdachlosen auf dem Hamburger Kiez umringen sie.  Der Ton dort ist rau. Alles ist schmutzig und schäbig. Eine eigene Welt mit ganz eigenen Regeln. Das ganze Elend aber scheint die Ärztin nicht zu stören. Ruhig und bestimmt geht sie auf die einzelnen zu, spricht sie mit Namen an. Fragt nach Beschwerden und Schmerzen. Teilt Medikamente aus. Versucht es mit Empfehlungen: es wäre doch besser, ins Winternotquartier zu gehen. Die meisten schütteln den Kopf. Auf keinen Fall! Sie wollen hierbleiben. Aber für die Obdachlosen ist das Kiez, die Straße, sind die Lumpenlager ihre Heimat.

Das ist oft schwer zu verstehen, sagt die Ärztin, aber jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Entscheidung. Auch wenn die Entscheidung vielleicht unlogisch oder unsinnig zu sein scheint. Aber jeder Mensch hat auch ein Recht auf Hilfe. Und deshalb kommt sie jede Woche mit dem Arztmobil, bietet Hilfe an. Zusammen mit ihrem Team untersucht sie Kranke, verbindet Wunden und tröstet, gibt neue Strümpfe aus oder Tabletten. Sie weiß, dass das oft nur für kurze Zeit hilft. Weil mancher der Kranken eigentlich im Krankenhaus behandelt werden müsste. Wenn der das aber nicht will, dann lässt sie ihn ziehen. Sie respektiert alle. Und das ist wirklich erstaunlich: sie macht keine Vorwürfe, urteilt nicht, spricht nicht von oben herab, sondern bleibt ruhig, freundlich und zugewandt. „Es ist eine gute Arbeit“ sagt sie. „Ich sehe ja, dass das sinnvoll ist, was wir tun. Hier können wir den Ärmsten helfen mit ganz einfachen Mitteln. Und weil das jemand tun muss, tun wir es.“

In vielen Städten gibt es solche Ärztinnen und Ärzte mit ihren Teams, die sich für Obdachlose einsetzen. Ich habe größten Respekt vor allen, die das aus tiefster Überzeugung tun.

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