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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Eine meiner eindrücklichsten Novembererfahrungen habe ich in Freiburg gemacht. Es war dichter Nebel, so dass man den Turm des Münsters nicht mehr sehen konnte. Lediglich die Hosanna-Glocke ist zu hören gewesen. Sie hat an den Bombenangriff auf die Stadt Freiburg im zweiten Weltkrieg erinnert.

Das hat mich damals ganz melancholisch gemacht. Die Glocke hatte einen ganz besonderen Klang. Am Abend, der Nebel, ich allein - das hatte für mich etwas Mystisches, etwas Trauriges, aber gleichzeitig auch etwas Frohmachendes, etwas von Ewigkeit.

Unweigerlich habe ich an einen Friedhof gedacht, vielleicht auch deshalb, weil ich öfters auf Friedhöfe gehe und mir Gräber anschaue. Im November mache ich das besonders gerne. Die Gestecke und Lichter auf den Gräbern machen dann besonders deutlich, dass wir mit unseren Verstorbenen verbunden sind, dass wir sie nicht vergessen haben.

Das gilt auch für die vielen Menschen, die in den Kriegen überall auf der Welt sterben und gestorben sind. Fast auf jedem Friedhof gibt es einen Bereich, wo die Opfer der Weltkriege bestattet sind. Am vergangenen Sonntag, dem Volkstrauertag, wurden dort wieder Kränze abgelegt und an sie gedacht.

Wenn nämlich niemand mehr an sie denkt, erleiden sie sozusagen den zweiten Tod, den Tod des Vergessens.

Vergessen, das ist mein erster Gedanke, wenn ich namenlose Gräber auf den Friedhöfen sehe. Im Stillen hoffe ich allerdings, dass es nur daran liegt, dass keiner mehr da ist, der für das Grab sorgen kann.

Vergessen, daran musste ich auch denken, als ich meine bisher traurigste Beerdigung gehalten habe. Da habe ich eine Frau beerdigt und nur ein einziger Mann ist zur Beerdigung gekommen. Der Ehemann der Frau, der dem Alkohol gerne zusprach, ist es nicht gewesen. Da war ich sehr dankbar, dass die Sargträger bis zum Schluss dageblieben sind und wir auf diese Weise gemeinsam für die Frau beten konnten.

Ich wünsche mir, dass niemand einsam und vergessen den letzten Weg antreten muss.

Heute Abend werde ich wieder auf den Friedhof gehen und am Grab meiner Schwiegermutter ein Licht anzünden. Und ich freue mich darauf, dass ich auch auf vielen anderen Gräbern die Lichter leuchten sehe, gegen das Vergessen.

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