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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

In einem seiner Romane schreibt der Erzähler Wilhelm Raabe: Blick auf zu den Sternen, gib acht auf die Gassen“. Wer im vorletzten Jahrhundert, so darf man vermuten, nicht auf den Weg geachtet hat, kam schnell ins Stolpern. 

Doch wer immer nur starr zu Boden blickt, nimmt nichts anderes um sich herum wahr als sein Ende, das kleine Stückchen Erde, in dem er einmal seine letzte Ruhe finden wird: „Von der Erde bist du genommen und zur Erde kehrst du zurück“. Dieser Satz aus dem ersten Buch Mose der Heiligen Schrift (1. Mose 3.19) fährt einem regelrecht in die Knochen, man kennt ihn ja aus der Beerdigungs-Liturgie. 

Gib acht auf die Gassen!“ Starren Blicks streben heute früh die Menschen ihren Arbeitsplätzen zu. Die meisten schauen nicht nach rechts und nach links. Viele  bedrückt der bevorstehende Arbeitstag mit seiner Last. Auch die Welt der Arbeit, in die sie eintauchen, ist voller Schlaglöcher und Stolperfallen. Jeder Schritt will überlegt sein. Da bleibt weder Raum noch Zeit, nach den Sternen zu gucken. 
Sterngucker leben ohnehin gefährlich, das ist wahr! Wir hatten einst in der Schule einen solchen Träumer, der stets mit geschundenen Knien daherkam. 

Blick auf zu den Sternen“ - das heißt natürlich nicht, einfach nur Löcher in die Luft zu starren. Wohl aber, die Schönheit und Größe des Universums wahrzunehmen. Wir sind keine Erdenwürmer, die nur Staub fressen, wir sind vielmehr zum aufrechten Gang geboren. Können wahrnehmen, dass sich über uns der Himmel wölbt, und wir als Menschen hinein verwoben sind in das „Gesamtkunstwerk“ der Schöpfung. Wer nach den Sternen guckt, ahnt vielleicht, dass sich dahinter einer verbirgt, den wir in allen Religionen als Gott verehren.  

Richtet euch auf, erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe“, mahnt auch der Verfasser des Lukas-Evangeliums seine Gemeinde (21.28) und tröstet sie zugleich: Auch wenn die Welt eines Tages bersten und krachen wird, ist sich der Evangelist  ganz sicher: Die „letzten Dinge“ werden allenfalls die vorletzten sein. 

Im Advent könnten wir uns eine neue Gangart angewöhnen: „Blick auf zu den Sternen, gib acht auf die Gassen!“ Also langsamen Schritts, umsichtig und bedächtig, dass wir nicht auf die Nase fallen, aber doch mit offenem, weiten Blick nach oben. Denn dort ist die Welt noch lange nicht zu Ende.  

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