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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Gerüchten zufolge verklebt der amerikanische Geheimdienst-Chef das Kamera-Auge seines Laptops. Gut zu wissen, dass die Agenten sich neuerdings vor sich selber  schützen. Aber es sind ja nicht nur die Schlapphüte, die da ungebeten und unbemerkt in unsere Privatsphäre eindringen. Auch andere interessierte Kreise gucken gerne in unsere gute Stube, Konzerne und Werbeagenturen zum Beispiel. Die sind schrecklich neugierig auf alles, was wir so tun und lassen, und wer bei uns ein- und ausgeht. Dann spielen sie uns nämlich maßgeschneiderte Reklame-Banner auf den Schirm, denn sie haben längst unsere Vorlieben und Wünsche durchschaut. 

Mir wird allein schon bei der Vorstellung ganz mulmig zumute. Kein gutes Gefühl, so ausgespäht und durchschaut zu werden. „Ob ich sitze oder stehe – du weißt es“, heißt es in einem Psalm(139,2). Aber damit ist freilich nicht „Big Brother“ hinter der Kamera gemeint, sondern der liebende Gott, der uns anschaut. 

In meiner Kindheit fürchtete ich allerdings das Auge Gottes. Ich erschrak immer beim Besuch barocker Kirchen, wo es aus einem Dreieck heraus auf die Gläubigen herunterblickt. Und dann kommt mir der alte Kindervers in den Sinn: „Ein Auge ist, das alles sieht, selbst was in dunkler Nacht geschieht!“ Schwarze Pädagogik – von Eltern und Pfarrern damals gern strapaziert. 

Das hat gedauert, bis ich diesem Bild vom Auge Gottes Vertrauen entgegenbringen konnte. Heute aber trösten mich solche Verse aus den Psalmen: „Herr, du siehst mich und durchschaust mich, ob ich sitze oder stehe, du weißt es.“ (139,1). Oder: „Deine Augen sahen schon, wie ich entstand“ (139,16). Gerne bitte ich auch wie der Fromme im Buch der Sprüche darum, dass die „Augen des Herrn Gefallen finden an meinen Wegen“ (Buch der Sprüche 23,26). 

Aber was nun? Das Kamera-Auge zukleben oder nicht? Das müssen Sie schon selber entscheiden! Sie können dem Voyeur hinter der Linse natürlich auch den Vogel zeigen oder ihm die Zunge rausstrecken. Aber Achtung: Dann kommt Werbung für Zahnpasta! 

Ich habe mir angewöhnt: Wenn ich morgens meine Kiste hochfahre und ärgerlich in dieses verdächtige Kamera-Auge blicke, bitte ich nur um eines, nämlich dass Gott mich nicht aus den Augen verliert. Das wünsche ich auch Ihnen!

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