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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt Zeiten, da kann einem alles zu viel werden. Jeder will was von mir und die Zeit reicht hintund vorne nicht. Mose kannte das auch. Vor über 3000 Jahren ist auch ihm die Arbeit über den Kopf gewachsen. Von morgens bis abends kommen die Leute zu ihm, erzählen von ihren täglichen Streitereien, fragen ihn, wer im Recht ist und wie sie Auseinandersetzungen lösen können. Mose kommt kaum hinterher, so viele Leute möchten seinen Rat.

Eigentlich mag er seinen Job. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, zu entscheiden, wer im Recht ist. Er merkt, er wird gebraucht und er beherrscht sein Metier. Die Menschen schätzen ihn dafür. Und gleichzeitig kostet es ihn so viel Kraft. Wenn er ehrlich zu sich wäre, müsste er zugeben, dass es schlichtweg zu viel ist.

Gut, dass sein Schwiegervater eines Tages zu Besuch kommt. Er sieht sofort, dass es so nicht weitergehen kann und gibt Mose den entscheidenden Tipp: „Mach es dir doch nicht so schwer!“ sagt er. „Alleine schaffst Du das nicht. Die Arbeit kannst Du aufteilen. Sicher finden sich andere, die jeweils für eine kleine Gruppe von Menschen Verantwortung übernehmen. Und wenn sie nicht mehr weiterwissen, bist Du ja immer noch da.“

Das sitzt. Arbeit abgeben – ob sich da überhaupt jemand findet? Ob andere das hinbekommen? Und erstmal ist es ja mehr Arbeit– wann soll er denn den anderen erklären, wie das alles geht?

Mose hat sich am Anfang sicherlich schwer getan auf seinen Schwiegervater zu hören – davon bin ich überzeugt. Schließlich ist er doch seit Jahren die Ansprechperson für das Volk. Er hat mit den Menschen so manche Schwierigkeit gemeistert. Und jetzt soll er es nicht mehr schaffen und andere um Hilfe bitten? Mose braucht Zeit, um zu merken, dass es die eigene Kompetenz nicht schmälert, wenn er etwas von seinen Aufgaben abgibt und anderen etwas zutraut.

Am Ende ringt Mose sich durch und traut dem Rat seines Schwiegervaters. Und er findet fähige Mitarbeiter. Im Nachhinein wird ihm klar, dass seine Bedenken unbegründet sind – einige, die er ausgesucht hat, blühen sogar richtig auf. Ihnen und dem ganzen Volk tut die Neuerung gut. Und auch er selbst kann wieder durchatmen.

 

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