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SWR2 Wort zum Tag

Gedanken aufschreiben, Wünsche, Befürchtungen, Anliegen. Das Buch liegt auf einem kleinen Tisch in einer Fensternische unserer Kirche, ein Strauß mit Blumen, eine Kerze. Wer will, kann kommen und hineinschreiben. Manchmal setze ich mich hin und lese darin. Dicht beschrieben sind die Seiten. Von Krankheit, Scheidung und Trauer ist da zu lesen. Der jüngste Terroranschlag, die Überschwemmungen der letzten Wochen, die schwierige Beziehung zu den Eltern  – viele Themen. Ein Buch voller Notlagen, ein Buch voller Hoffnung und Liebe. Es erinnert mich an die berühmte Klagemauer in Jerusalem, auch an ein kleines Erlebnis dort. Es war Sabbat, und ich schrieb eifrig meine Anliegen auf einen Zettel, von denen Tausende in den Ritzen der Mauer stecken. Aber sofort kam jemand auf mich zu und sagte unmissverständlich: „Es ist verboten, am Sabbat zu schreiben“. Ich fragte vorsichtig zurück: „Aber nicht verboten zu beten?!“

Nein, es ist nicht verboten. Aber nicht jeder kann oder mag das so direkt tun. Nicht jeder kommt mit der Vorstellung zurecht, dass es einen Gott gibt, der Gebete erhört oder sogar darauf reagiert. Und doch haben viele das Bedürfnis, Dinge aufzuschreiben, die sie nicht aussprechen würden. So machen sie für andere sichtbar, was sie im Innersten bewegt. Sie hoffen, dass irgendjemand es zur Kenntnis nimmt, ja vielleicht sogar etwas für sie tut. Deshalb trifft sich eine kleine Gruppe von Christen regelmäßig, um für diese Anliegen zu beten. Eine Frau aus dieser Gruppe sagte mir: „Für mich ist es die beste Zeit in der Woche. Wir sind nur Wenige, und manchmal werden wir auch belächelt. Aber ich spüre, dass es ein wichtiger Dienst ist. Ich bete für Menschen, die selber nicht oder nicht mehr beten können. Oder die sich einfach nur wünschen, dass andere an sie denken.

Das Innerste zur Sprache bringen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sei es in einem Gespräch mit einem Menschen, im Gebet oder mithilfe von geschriebenen Sätzen. Einfach mal aufschreiben: Den Dank, die Angst, die Namen der Menschen, denen man Gutes wünscht. Vor Gott bringen können es andere, wenn man das selber nicht mag. Aber ich meine: da gehört es hin. Gott liest, er hört, er handelt. 

„Man lässt wohl heute wieder für sich beten“, kommentierte ein Besucher spöttisch. „Lästern Sie nur“, sagte ich, „aber vergessen Sie nicht, in das Buch zu schreiben!“ 

Er setzte sich hin – und schrieb.

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