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SWR2 Wort zum Tag

Der 9. November gilt als Schicksalstag in der Deutschen Geschichte, und er fordert meinen Glauben heraus.
Er markiert den Beginn der ersten Deutschen Republik, das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung, und den Zusammenbruch der DDR mit der Öffnung der Berliner Mauer. Am 9. November 1918 gab Maximilian von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers bekannt. Philipp Scheidemann rief daraufhin von einem Balkon des Berliner Reichstags die erste deutsche Republik aus.
In der Nacht des 9. November 1938 wurden auf Befehl der NS-Führung in ganz Deutschland Läden und Wohnungen jüdischer Mitbürger geplündert und zerstört, Synagogen in Brand gesetzt und Juden ermordet.
Licht und Dunkel, Fluch und Segen sind mit diesem 9. November verbunden. Man könnte auch sagen: Wenig Licht und viel Dunkel. So fällt es mir auch nicht leicht, in diesem Kontext von Gott zu reden. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass Gott mächtiger sei als der Zufall. Nicht in dem Sinne, dass Gott geschichtliche Konstellationen verhindern würde, dass er politisch oder gar militärisch eingreift. Man kann – aus christlicher Sicht – das Ende der deutschen Teilung so verstehen und dafür dankbar sein. Und vielleicht geht es Ihnen so, auch wenn Sie nicht religiös sind, dass zumindest dieses Mal Kerzen, gewaltfreie Demos und Gebete etwas bewirkt und verändert haben. Aber das unermessliche Leid von NS und zweitem Weltkrieg, die Verfolgung und Auslöschung seines eigenen Volkes, nein, das hat Gott nicht verhindert, ebensowenig wie Terror, Naturkatastrophen.
Ich spreche es trotzdem, dieses Bekenntnis zu Gott dem allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Aber ich spreche es zögernd. Gott wirkt in der Geschichte, das glaube ich, aber manchmal scheint er mir auch machtlos angesichts des Bösen. Selten steht er auf Seite der Mächtigen. Niemals auf Seite der Mörder, seien es Kreuzritter oder IS-Kämpfer. Seine Macht zeigt sich eher bei den Opfern, den Elenden, den Verlierern der Geschichte. Er ist dort, wo Menschen auf ihn hoffen und zu ihm beten.
Der 9. November und viele andere Tage halten in mir das Verlangen wach, dass Gottes Herrschaft endlich kommen möge. Und dass sein Wille auch auf Erden geschehe, wie er schon im Himmel geschieht.

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