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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Rut war Ausländerin. Aus Moab. In biblischer Zeit war das für Israel der Erbfeind. Über-Jahrhunderte hatte sich dieses Feindbild festgesetzt. Moabitern traute man das schlimmste zu. Die galten als heimtückisch und verschlagen und eine andere, irgendwie unheimliche Religion hatten sie auch. Und ausgerechnet diese Rut ist eine von 5 Frauen unter all den Männern im Stammbaum von Jesus. Der Evangelist Matthäus hat sie anscheinend sehr bewusst und ausdrücklich da hinein geschrieben. Er hätte sie auch auch weglassen können.
Warum hält er fest, dass Rut zu den Vorfahrinnen Jesu gehört?
Dies ist ihre Geschichte:
Rut, die Moabiterin, kommt mit ihrer Schwiegermutter zurück ins jüdische Bethlehem. Ihre Schwiegermutter Noemi, stammte ursprünglich aus Bethlehem. Von da war sie mit ihrem Mann ausgewandert. Jetzt kommt sie nach vielen Schicksalsschlägen mit ihrer Schwiegertochter zurück. Beide sind sie Witwen, kinderlos, mittellos, schutzlos. Alleinstehende Frauen hatten eigentlich keine Lebensmöglichkeiten, damals. Allein schon gar nicht.
Ich möchte nicht wissen, was die Leute geredet haben, als die beiden Frauen in Bethlehem ankamen. Die ganze Stadt geriet ihretwegen in Aufruhr, heißt es in der Bibel. Auch damals war es schwierig, wenn mittellose Fremde in die Stadt kamen.
Aber Noemi und Rut nehmen ihr Schicksal in die Hand. Und schließlich finden sie eine Lösung für sich. Einen Löser, besser gesagt. So nannte man einen entfernt verwandten Mann, der die Pflicht hatte, für solche unversorgte Frauen zu sorgen, indem er sie heiratet. Andere Lösungen kannte man damals nicht. Und wirklich, Rut findet einen Löser, der sie heiratet. Sie bekommen ein Kind und das Leben kann weitergehen, für Rut und für Noemi auch.
Für mich ist diese Rut wie eine von den vielen ausländischen Frauen, die heute in unser Land kommen um alte Leute zu pflegen und Familien zu entlasten. Frauen aus Polen und der Ukraine, Krankenschwestern von den Philippinen oder aus Thailand. Sie suchen Lebensmöglichkeiten für sich, in ihren Heimatländern haben sie keine. Sie pflegen die alten Leute oft mit viel Hingabe und Freundlichkeit. Sie nehmen die Trennung von ihren eigenen Familien in Kauf. Frauen wie Rut.
Und Rut ist eine Vorfahrin von Jesus. Ich glaube, er hätte sie verstanden. Genau wie die Frauen heute, die nicht aufgeben und mit ihrer Freundlichkeit Lebensmöglichkeiten schaffen: für sich selbst und für alte Leute hier bei uns.

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