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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich bin doch im Urlaub und nicht auf der Flucht!“ – das ist ein so flapsiger wie sinnvoller Spruch, wenn sich jemand im Urlaub nicht hetzen lassen will.
Genau das – Urlaub und Flucht – geht mir in diesen Tagen nicht aus dem Kopf. Es lässt mich nicht los, dass Millionen von Menschen zurzeit von zu Hause weg, in die Ferne fahren um sich durch ihren wohl verdienten Urlaub zu erholen. Und gleichzeitig gehen auch Millionen  Menschen aus ihrer Heimat fort – aber, weil sie um ihr Leben fürchten oder weil sie zu arm sind um in ihrer Heimat leben zu können. Sie flüchten, sie wandern aus, sie sind Wandernde zum Leben oder zum Überleben. Was Migranten wörtlich heißt: Wandernde.                                    Migranten gibt es seit es Menschen gibt. Ja die Entwicklung der Menschheit hat mit Migration begonnen. Als der Mensch aus seiner afrikanischen Wiege ausgewandert ist und nach und nach die Welt bevölkert hat.
Die Menschheit war und ist immer in Bewegung. Die Geschichte des Volkes Israel oder die Ausbreitung des Christentums sind Migrationsgeschichten. Und auch mich gäbe es nicht. Wären mein Vater und meine Mutter nicht wegen des Krieges geflüchtet, hätten sie sich nicht hier in Baden-Württemberg kennengelernt.   
Und das sind dann auch die drei Hauptgründe für Migration: Krieg, Armut und Liebe. Vor Krieg und Armut flüchten die Menschen. Die Liebe suchen sie oder der Liebe wegen verlassen sie ihre Heimat. Um dem geliebten Menschen zu folgen oder um die geliebten Menschen in der Heimat zu versorgen, mit dem Geld das sie in der Fremde verdienen. So wie es zu allen Zeiten Migration gegeben hat, so gab es – Gott sei Dank – zu allen Zeiten Menschen, die die Migranten aufgenommen haben, sich um sie gekümmert, ihnen eine neue Heimat gegeben haben. Die, die Krieg, Vertreibung und Armut schon am eigenen Leib erfahren haben und nun in Sicherheit und Wohlstand leben, geben leichter. Besonders viel geben oft die, die selbst gar nicht so viel haben.

Und wenn wir dann im September möglichst gut erholt aus unserem wohlverdienten Urlaub zurückkommen, dann sollten wir eines bitte nicht tun: über eine Flüchtlingswelle klagen wenn wir reiches Land im Herbst ein paar Tausend Menschen mehr aufnehmen sollen als bisher. Denn ihre Not könnte auch die unsere sein, wir müssten nur ein paar tausend Kilometer südlicher geboren sein.

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