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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Irgendwie ist mir die Freude an dieser Fußball-WM verdorben. Nicht wegen der Qualität der Spiele oder der Spielweise der deutschen Mannschaft. Nein, die Spielverderber sind für mich diese greisen reichen Herren vom Weltfußballverband. Bekannt unter dem Kürzel FIFA. Sie verderben mir die Freude an der Fußballweltmeisterschaft, wenn ich sehe was sie sich alle vier Jahre erlauben: Sie stürzen ein Land in immens hohe Kosten, bestimmen alles was die WM betrifft, holen gigantisch viel Kohle raus, zahlen keinen Cent Steuer, machen sich danach aus dem Staub und kümmern sich einen feuchten Kehricht um die Folgen für Land und Leute. Bei der letzten Fußball WM in Südafrika ließen sie ein Stadion für 100 Millionen Euro in die Pampa setzen. Es steht heute so leer wie nutzlos in der Nähe des „Krüger-Nationalparks“ herum. Das Geld für dieses Stadion wurde vom Budget für Krankenhäuser und Schulen abgezwackt. Problem der Südafrikaner könnte man sagen, Problem der Brasilianer ist es sicher nicht, wenn die FIFA vorgeschrieben hat, dass 10.000 Parkplätze für das Stadion in Rio gebaut werden mussten. Und dafür Häuser im daneben liegenden Armenviertel platt gemacht wurden. Maracana heißt dieses Stadion, in dem heute Abend Frankreich gegen Ecuador spielt und in zweieinhalb Wochen das Finale stattfindet. Das Maracana war einmal das größte Fußballstadion der Welt. 200.000 Menschen hat es gefasst. Es war ein Symbol der Demokratie, eine runde Arena mit überall gleichem Abstand zum Spielfeld. Ein Stadion ohne Barrieren und ohne Logen, in dem Arm und Reich miteinander gebangt und gefeiert haben. Man nannte es das Stadion des Volkes. Jorge da Silva Machado hat an vielen Umbauten mitgearbeitet und war oft zu Spielen drin. Es waren Volksfeste. Die Stimmung lebendig und lebensfroh. Heute ist das Maracana dank FIFA ein hochmodernes, technisch-kaltes Stadion für 70.000 auserwählte Reiche. Jorge hat es einmal besichtigt. Er wohnt 500 Meter Luftlinie davon entfernt. Ein Ticket für die WM kann er sich nicht leisten. Es kostet im Schnitt 100 Euro, davon lebt seine Familie zweieinhalb Wochen lang.  Jorge hat zwar die Freude am Fußball nicht verloren, aber in das Maracana will er nicht mehr gehen, selbst wenn er es sich leisten könnte. Denn er sagt: es lebt nicht mehr, es hat seine Seele verloren.

 Quellen: „Schlechte neue Welt“, Artikel von Jan-Christoph Wiechmann,    in :11 Freunde, Magazin für Fußballkultur, S. 148.

 

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