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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Eine S-Bahn ist wie ein Labor. Man kann beobachten wie andere Menschen ticken. Und man erfährt meistens auch viel über sich selbst.
Wie denken Sie über das, was ich vor kurzem in der Straßenbahn beobachtet habe. Was hätten Sie an meiner Stelle gemacht?
Morgens halb acht: Die Straßenbahn ist schon voll als ich einsteige: Pendler, viele junge Schüler, so 11 oder 12 sind sie alt. Sieht aus wie eine Schulklasse auf Ausflug. Ok. Heute kein Sitzplatz. Eine Haltestelle weiter steigt ein altes Paar ein. Beide etwas gebrechlich. Schauen sich suchend um, kein freier Sitzplatz. Sie müssen stehen. Aber man sieht ihnen an, dass sie dabei sehr unsicher sind. Die Schüler bemerken die beiden nicht. Es steht auch keiner auf. ‚Wenn das eine Klasse ist, muss doch irgendwo ein Lehrer sein oder eine Lehrerin,' denke ich. Und da sitzt auch ein junger Mann, Anfang 30, der ist es wohl. Von ihm auch keine Reaktion. Müsste er nicht aufstehen und seine Schüler auf die alten Leute hinweisen? Damit die sicher sitzen können?
Soll ich was sagen, geht mir durch den Kopf?
Ich habe nichts gesagt. Nicht zu den Schülern, das kam mir übergriffig vor, solange ein verantwortlicher Lehrer da ist. Und zum Lehrer auch nicht. Da habe ich gedacht: Wenn ich ihn sichtbar vor seinen Schülern und anderen Fahrgästen anspreche, dann stelle ich ihn bloß und beschäme ihn. Das wollte ich auch nicht. Was hätten Sie gemacht?
Die Begebenheit geht mir nach. Konkret und auch, weil sie mir beispielhaft vorkommt für unsere Gesellschaft. Wie kriegen wir das gut hin zwischen den Generationen?
Eines steht für mich fest: In der S-Bahn haben wir es nicht gut hingekriegt. Es war nicht gut, dass die beiden alten Herrschaften nicht entlastet wurden. Sie waren in der Situation die Schwächsten. Und haben aushalten müssen, dass wir anderen entweder unsensibel waren oder unsicher, wie man die gute Lösung hinkriegt.
Und das kommt öfter vor in unserer Gesellschaft. Wir wissen nicht mehr, was ist mein Teil, um den Schwachen beizustehen. Zumal es ja nicht immer nur die Alten sind.
Die meisten würden sicher zustimmen: ‚In einer christlichen und sozialen Gesellschaft hilft man den Schwachen.' Wie es Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden barmherzig behandelt werden." Der Satz zeigt eine klare Richtung. Barmherzigkeit gibt es, wenn jeder sie intus hat und aktiv einbringt für andere. Aber wann und wie konkret? Was machen Sie in so einer Situation?

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