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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt Sätze, die schneiden mir mitten ins Herz. Schon am Frühstückstisch beim Zeitunglesen. Ein Satz wie, „Ich habe mich nie verliebt, aus Angst wieder einen Menschen zu verlieren". Das hat kein von Liebeskummer geplagter gesagt, sondern der 51jährige Mar, ein iranisch-schwäbischer Getränkehändler. Ein Mensch, den die Zeitläufte aus seinem Heimatland und dann durch die Welt getrieben haben bis er in Tübingen landete. Als 16jähriger sollte er im damals noch Persien genannten Iran in der Schule einen Aufsatz darüber schreiben, was er vom Schah hielt. Er war ehrlich und landete dafür im Gefängnis, wurde gefoltert und blieb drei Monate eingesperrt. Das Gefängnis hat sein junges Leben verändert.
Er kämpfte im Untergrund gegen das Schahregime. Ein Jahr später wurde er wieder verhaftet. Das Urteil diesmal: lebenslänglich. Zwei Jahre darauf kam Ajatollah Khomeini an die Macht und ließ alle politischen Gefangenen frei. Aber dieses Glück währte nicht lange. Kurze Zeit später verfolgte der Ajatollah die für ihn gottlosen Regimegegner, zu denen auch Mar zählte. Weil viele Oppositionelle hingerichtet wurden, entschloss Mar sich zur Flucht. Er schwamm durch einen Grenzfluss zur Türkei. Seither war er nicht mehr im Iran. Bald nach seiner Flucht wurden ein Bruder und eine Schwester hingerichtet. Mar fühlte sich mitschuldig am Tod seiner Geschwister, glaubte sie im Stich gelassen zu haben. Und in diesem Zusammenhang sagte er den erschütternden Satz: „Ich habe mich nie verliebt, aus Angst wieder einen Menschen zu verlieren." Nach einer Odyssee durch die Türkei, Russland, Indien und Ostdeutschland landete er nach zwei weiteren Stationen in Westdeutschland, in Tübingen. Dort lebt er und arbeitet er seit 14 Jahren. Ein immer freundlicher Mann mit wissend traurigem Lächeln. Ein Mann, der mich lehrt, immer daran zu denken, welche Geschichte Menschen haben können. Besonders die Menschen, die bei uns eine neue Heimat suchen müssen.

Quelle: Südwestpresse, Lokalteil Schwäbisches Tagblatt. Samstag, 8. September 2012. Seite 28. Reportage „"Wir waren eine glückliche Familie" von Ulrich Janßen.

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