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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Allein sein müssen, ist das Schwerste, allein sein können das Schönste." Na ja, ich weiß nicht, ob der Autor Hans Krailsheimer nur recht hat mit seinem gut klingenden Spruch. Dass das Allein-Sein-Müssen, die unfreiwillige Einsamkeit, zum Schwersten gehört, glaub ich schon. Dass das Allein-Sein-Können, also der Rückzug, die Ruhe nach Stress oder zu viel Trubel das Schönste ist, glaub ich nicht unbedingt. Es ist schön, aber bei den schönsten Dingen sind nach meiner Erfahrung immer Menschen dabei: In der Liebe, beim Spiel, wenn einander geholfen, oder jemand getröstet wird.
20 % der Deutschen leben allein. In Stuttgart ist jeder zweite Haushalt ein Ein-Personen-Haushalt, aber nicht jeder dieser Menschen lebt freiwillig als Single. Viele leben nicht gern allein, sind einsam, müssen allein leben, wegen Trennung, Scheidung oder Tod. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei", heißt es nicht umsonst schon ganz am Anfang der Bibel. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, auch wenn er immer wieder das Alleinsein braucht. Meine Tochter hat für ihre Abschlussarbeit an der Uni alte Menschen im Seniorenwohnheim gefragt, was für sie das Wichtigste ist und sie haben ihr geantwortet: dass sie nicht allein gelassen werden. In der letzten Phase ihres Lebens, die sowieso schon von Einschränkungen geprägt ist, möchten sie nicht auch noch vom Lebenselixier menschlicher Zuwendung abgeschnitten sein. Vielleicht weil in der Einsamkeit auch der Tod steckt. Und andere Menschen, Gemeinschaft, Geselligkeit die schweigende Gegenwart des bevorstehenden Todes vergessen lassen. Denn Gesichter, Stimmen, Berührungen sind Heilmittel gegen die Einsamkeit. Das Fernsehen und das Radio sind „Einsamkeitserleichterer", allein schon durch die Stimmen, die in die stillen Zimmer und Wohnungen hinein sprechen.
Das ist gut und das tut den einsamen Menschen auch gut. Noch besser ist es aber, der ganze Mensch kommt. Und macht durch seine Anwesenheit, dass das Allein Sein Müssen zum Allein Sein Können wird.

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