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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Was haben Sie eigentlich für eine Zunge? Wir Menschen können ja auch zungenmäßig sehr verschieden sein und wirken.
Manche - sagt man - brauchen für ihre Zunge schon fast einen Waffenschein. Es gibt Zungen, die können scharf sein wie eine Rasierklinge. Und manchmal verletzen sie. Wenn so eine Zunge loslegt, kann man froh sein, wenn man nicht in ihrer Schusslinie ist.
Dann gibt es die ganz anderen, die leisen, sanften. Die können wirken wie ein Heilmittel. Solche Zungen öffnen Herzen, trösten Schmerzen weg, lösen Konflikte. Solche Zungen sind keine Waffen, sondern Wundermittel.
Und dann gibt es noch diese vielen ganz normalen Zungen. Sie erfüllen ihren Zweck im Alltag. Sie reden nicht sonderlich geschliffen, aber auch nicht geschwollen. Manchmal sagen sie nur das Nötigste, und manchmal nicht einmal das. Also, was für eine Zunge haben Sie? Waffe, Wundermittel oder die Standardausgabe?
Egal welche: Der Apostel Paulus hat sich einmal - wie ich finde - sehr bedenkenswert zu Thema Zunge geäußert. In seinem Brief an die Menschen in Korinth schreibt er: Jede Zunge ist es wert beachtet zu werden und vor allem: Jede Zunge sollte geübt werden. Damit sie besser wird. Die Zunge nicht vernachlässigen. Sein Ratschlag für alle Zungen dieser Welt: „Strebt nach Liebe."
Wenn ich ihn beim Wort nehme. Was könnte das heißen für die drei unterschiedlichen Zungentypen Waffe, Wundermittel und Standardzunge?
Bei der „Waffenzunge" liegt es auf der Hand: Da muss man üben, dass sie nicht verletzt oder gar zum Rufmord missbraucht wird. Ich meine nicht, dass man sich eine scharfe, geschliffene Zunge abgewöhnen muss. Sie ist ja eine Gabe. Aber manchmal ist es auch einfach gut, wenn man sie wegschließt, wie in einem Waffenschrank.
Und wie soll man eine Zunge üben, wenn sie eh schon viel Liebes zu sagen weiß? Ich glaube, auch die sanften weichen Zungen brauchen Übung. Weil manchmal Liebe auch ein klares, offenes Wort braucht. Es ist nicht immer ein Zeichen von Liebe, wenn man sanft im Ton ist. Es könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass man sich scheut, die Wahrheit zu sagen. Aber Liebe, die die Wahrheit verschweigt, bleibt auch etwas schuldig, meine ich.
Und die Standardzunge? Auch bei der hat es Sinn, sie zu üben. „Strebt nach Liebe", das hat immer Sinn. Ich könnte mir vorstellen, dass sich auch eine Standardzunge danach sehnt, öfter mal etwas Liebes sagen zu können. Es hätte doch was, sie mal wieder etwas Liebes sagen zu lassen. Damit sie in Übung bleibt.

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