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02JUL2022
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In meiner Jugend hat es mich wütend gemacht. Das Kirchenlied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Ich habe mich konsequent geweigert, dieses Lied zu singen. Die Aussage und die Haltung dieses Liedes haben mir nicht gepasst. Einfach den lieben Gott machen lassen, das war mir zu passiv.

Und auch heute noch gibt es Situationen, in denen mich der Grundton dieses Liedes einfach nervt. Wenn ich an den Hunger in der Welt denke und gleichzeitig die Luxusjachten der Superreichen sehe, da überkommt mich immer noch tiefe Wut. Gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit muss man doch was tun. Das kann man doch nicht einfach so akzeptieren, sich zurücklehnen und darauf warten, dass der liebe Gott es schon richtet.

Meine Wut ist noch da und ich glaube, dass ist auch gut so. Aber mit den Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich oft auf meiner Wut sitzen bleibe. Ich mich ohnmächtig fühle und nicht weiß, wie ich die Dinge ändern kann. Als Mann mit grauen Haaren will ich zwar nicht die Hände in den Schoß legen, aber auch nicht verzweifeln, weil ich aus Erfahrung weiß, dass sich viele Ungerechtigkeiten nicht verändern.

Und so singe ich heute im Gottesdienst dieses Lied mit. Schwinge ein in den Grundton des Gottvertrauens, den ich meiner Ohnmacht einfach entgegensetze. Warum, weiß ich selbst nicht, vielleicht einfach nur weil es mir guttut und ich hoffe, dass es Gott irgendwann auch richten wird – wann, das ist seine Sache.

Wer nur den lieben Gott lässt walten / Und hoffet auf Ihn allezeit.
Den wird er wunderbar erhalten / In aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott dem Allerhöchsten traut / der hat auf keinen Sand gebaut.

Früher haben mich diese Zeilen aufgeregt, heute helfen sie mir, mit meiner Ohnmacht besser umgehen zu können.

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01JUL2022
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„Es ist dem Menschen beigegeben ein kleines Stück von einem großen Leben.“ So beginnt das Gedicht „Choral“ von Hanns Dieter Hüsch. Ich mag dieses Gedicht. Sagt es doch: In jedem Menschen steckt etwas Besonderes, etwas, das größer ist als er selbst.

Für mich als Theologe ist dieses „kleine Stück von einem großen Leben“ der Hauch Gottes, der in jedem von uns steckt. Die Bibel erzählt davon in der Geschichte von der Schöpfung des Menschen. Es heißt dort: „Gott der Herr nahm Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase.“ (Gen 2,7) Was sie damit sagen will: Der Mensch ist Staub von der Erde, sprich vergänglich, aber in ihm wohnt auch der Atem Gottes, ein Hauch von Göttlichkeit, etwas Gutes, zu dem der Mensch prinzipiell fähig ist.

Ich gebe zu, bei manchem Zeitgenossen fällt es mir schwer, diesen Hauch Gottes zu entdecken. Viele können den Funken Göttlichkeit - das Gute, das in ihnen steckt - recht gut verstecken. Und doch möchte ich auch bei dem schwierigsten Mitmenschen an dem Glauben festhalten, dass er von Gott angehaucht ist. Dieser Hauch verbindet uns Menschen untereinander, er wohnt in jedem, macht uns von Gott her gesehen zu gleichberechtigten Geschwistern.

Wie die Bibel weiß auch Hüsch, dass wir Menschen immer beides sind: Auf der einen Seite von Gott angehaucht und auf der anderen Seite aber auch Staub, dem Irdischen verhaftet, vergänglich und unvollkommen. Und auch das verbindet uns.  Hüsch sagt es so: „Ob Bettler oder hohes Tier von einer Handvoll Erde sind wir alle hier. Wollt darum freundlich sein und Euch mit Heiterkeit versehn, Es hat der Mensch zu kommen und zu gehen. Dieses ist ausgemacht von Anfang an. Mit Hochmut ist nicht viel getan.“

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30JUN2022
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„Jesus verkündete das Reich Gottes und gekommen ist die Kirche.“ Von Alfred Loisy, einem französischen Theologen des 19. Jahrhunderts, stammt dieser Satz. Dafür hat der Jesuitenpater damals auch einigen Ärger bekommen. Sicher, der Satz ist provokant und enthält ein gutes Stück Kirchenkritik, aber er trifft zu. Denn das Wort Kirche kommt in den Reden Jesu nicht vor. Er redet von Gott als seinem gütigen Vater im Himmel. Ein Vater, der die Menschen liebt und der will, dass wir Menschen friedfertig und gerecht miteinander umgehen, wir uns als Schwestern und Brüder begreifen. Er redet von einem Gott, dessen Reich kommt, wenn wir Gottesliebe mit Nächstenliebe verbinden. Wenn wir für einander da sind und das, was nötig ist zum Leben, mit allen teilen. Das war seine Botschaft.

Kirche war für ihn kein Thema. Sie ist als Notlösung entstanden, weil das mit dem Reich Gottes bis heute nicht so recht geklappt hat, zumindest nicht flächendeckend. Das Reich Gottes hat sich in den 2000 Jahren Kirchengeschichte leider nicht durchgesetzt. Und die Frage, ob die Welt durch die Kirche besser oder schlechter geworden ist, ist nur schwer zu beantworten. Das Reich Gottes gibt es schon, meist aber nur punktuell. Es entsteht immer dort, wo Menschen achtsam und friedfertig miteinander umgehen. Die Schöpfung bewahren und sich für Friede und Gerechtigkeit einsetzen. Ein Blick in die Welt lässt mich da manchmal verzweifeln, aber es gibt keine Alternative. Wir müssen es einfach immer wieder mit dem Reich Gottes zu versuchen.

„Jesus verkündete das Reich Gottes und gekommen ist die Kirche.“ Was im 19. Jahrhundert die Leute provoziert hat, ist für mich heute beruhigend. Meine Kirche macht mich als Katholik im Moment des Öfteren wütend, da tut es mir gut, mir immer wieder klar zu machen: Es geht nicht um die Kirche. Es geht darum, dass wir den Willen Gottes tun. „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden“, heißt es im Vater Unser, von Kirche ist hier nicht die Rede.

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12MRZ2022
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Er ist alt geworden: August. Seine Bewegungen sind langsam und er geht nur noch in kleinen Trippelschritten. Ich treffe ihn beim Metzger-Imbiss. „Wie heißt Du noch mal?“ ist sein erster Satz. Ich nenne meinen Namen und schon fällt ihm alles wieder ein. Was wir früher so zusammen gemacht haben. Ich als junger Theologe und er als gestandener Mann im Pfarrgemeinderat.

Seine Augen fangen an zu leuchten. Wir scherzen miteinander und machen kleine Rededuelle wie vor 20 Jahren. Damals war er ein rüstiger Jungrentner, ohne die in der Kirche ja nichts läuft. Ein Ehrenamtlicher der einfach anpackte, wo er gebraucht wurde. Jetzt ist er alt, kennt mich noch, aber mein Name fällt ihm nicht mehr ein, zumindest nicht direkt. Nun ja, er geht auf die Neunzig zu. „Ich mache jeden Tag meine Runde“, erzählt er mir. „Dreimal die Woche hole ich mir mein Essen beim Metzger und mache es zuhause warm. Denn richtig kochen habe ich nie gekonnt. Ich lasse noch das Wasser anbrennen“, meint er scherzhaft.  Fürs Kochen war immer seine Frau zuständig und die ist schon zehn Jahre tot. „Die restlichen Tage in der Woche gehe ich „raus essen“. Gott sei Dank, bin ich geimpft. Und sonntags geht’s dann zum Mittagessen zu meiner Tochter. Die wohnt aus der Stadt heraus, da nehme ich dann den Bus. Hauptsache jeden Tag mal raus und eine Runde machen.“

Die Begegnung mit August macht mich nachdenklich. Wo werde ich in 20 Jahren meine Runden machen? Und vor allem wie? Werden mich meine Beine noch tragen, werden meine Augen noch leuchten? Werde ich beim Metzger-Imbiss noch Leute treffen, die ich von früher kannte? Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, ob es viel Sinn macht, sich heute darüber Gedanken zu machen was in 20 Jahren ist. Aber für heute kann ich mal wieder zum Metzger-Imbiss gehen und schauen, ob August da ist.

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11MRZ2022
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Himmel und Hölle auf einen Schlag, an einem Fleck. Diese Erfahrung hat er gemacht. Thomas Pütz aus dem Ahrtal. Zusammen mit seinem Freund Marc Ulrich hat er den Helfer-Shuttle an der Ahr aufgebaut. Hat die Menschen, die helfen wollten und die, die Hilfe brauchten, zusammengebracht.

Aus ganz kleinen Anfängen wurde innerhalb weniger Wochen nach der großen Flutkatastrophe eine riesige Sache. Jeden Tag kamen Tausende von Menschen, die helfen wollten. Und die brauchten Parkplätze, Verpflegung, Toiletten, Shuttlebusse, die sie zu den Einsatzorten brachten, ärztliche Hilfe bei Verletzungen und vieles andere mehr.

All das wurde jeden Tag organisiert und das bei zerstörten Straßen und kaputten Strom-, Wasser- und Telefonleitungen. Da musste viel improvisiert werden – täglich neu. Und das Wunder: Es hat geklappt. Und es hat den Menschen Freude gemacht, dabei zu sein, anzupacken und einfach zu helfen. Da haben Menschen ihren Urlaub verbracht, sind anstatt ans Mittelmeer mit ihren Wohnmobilen zum Helfen an die Ahr gefahren und das gerne. Denn sie haben hier etwas erlebt, was ihnen kein Wellnessurlaub auf der Welt bringen kann: Den Himmel.

Thomas Pütz hat es gegenüber einem Reporter so ausgedrückt: Wir haben hier an der Ahr mit einem Schlag den Himmel und die Hölle an einem Fleck gehabt. Die Hölle: Das Wasser kam. Der Himmel war, dass sich ein Kern frei gelegt hat in unserer Gesellschaft, der für mich immer verloren geglaubt war …: Das ist dieser Zusammenhalt, diese Solidarität, diese Nächstenliebe. Das ist einfach eine Sache, die gibt einem Hoffnung, das macht einem Mut.*

Der Himmel ist machbar, denn der Himmel geschieht überall da, wo Menschen einander helfen. Bei großen Katastrophen wie an der Ahr aber auch in den kleinen Katastrophen des Alltags.
Das große Projekt Himmel an der Ahr ist übrigens noch nicht abgeschlossen. Die Hilfe geht weiter und jetzt nach der Winterpause fahren auch wieder die Shuttlebusse.

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*Thomas Pütz und sein Helfershuttle ins Ahrtal - made in Südwest, SWR-Fernsehen vom 14.10.2021
ARD Mediathek:
https://www.ardmediathek.de/video/made-in-suedwest/thomas-puetz-und-sein-helfershuttle-ins-ahrtal/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE1NDU3OTI/      

weitere Infos: www.helfer-shuttle.de

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10MRZ2022
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Ich gebe zu, auch ich habe mir in den letzten Monaten des Öfteren die Frage gestellt, ob ich nicht aus der katholischen Kirche austreten sollte. Ob es nicht das eindeutigere Zeichen ist zu sagen: Mit diesem verlogenen Haufen will ich nichts mehr zu tun haben. Ich habe mich entschlossen, es nicht zu tun. Aus zwei Gründen:

Zum einen: Ob ich will oder nicht, diese Kirche ist meine Heimat. Seit meiner frühesten Jugend engagiere ich mich in ihr, erst ehren- und dann hauptamtlich. Schon über 50 Jahre lang. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das keine guten Jahre waren. Ich bin hier tollen Menschen begegnet – auch Priestern, die mir Vorbild wurden. Wobei ich ganz klar sagen muss, ich hatte das Glück, nie selbst Missbrauch erlebt zu haben. Umso geschockter bin ich über das, was alles ans Licht kommt. Und immer wieder frage ich mich: „Wieso habe ich davon nichts gemerkt?“ Eine Frage, die mich nicht mehr loslässt.

Der zweite Grund warum ich bleibe, ist dieser Jesus von Nazareth und seine Botschaft. Denn die ist immer noch phantastisch: Alle Menschen sind Kinder Gottes. Alle sind Brüder und Schwestern. Und Gottesdienst, Gott dienen heißt: Sich um den zu kümmern, dem es schlecht geht. Alles andere muss sich dem unterordnen. Ich weiß, dass diese meine Kirche oft nicht nach dieser Botschaft handelt, sie geradezu auf den Kopf stellt. Sich – um es theologisch auszudrücken – an der Botschaft Jesu versündigt. Und deshalb muss sie in Sack und Asche gehen und sich grundlegend ändern. Aber trotz all ihrer Sünden hat sie in der Geschichte dazu beigetragen, dass man auch heute noch - nach 2000 Jahren - von diesem Mann aus Nazareth erzählt. Natürlich nicht allein, sondern zusammen mit vielen andern Geschwisterkirchen. Und bei diesem großen Erzählen der Geschichten des Jesus von Nazareth will ich mitmachen, will ich mit erzählen – auch und gerade in meiner Kirche.

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20NOV2021
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Du sollst Vater und Mutter ehren“, dieses Vierte der Zehn Gebote kenne ich seit meinen Kindertagen. Als gut katholisches Kind bin ich regelmäßig zur Beichte gegangen. Und damit ich wusste, was ich beichten sollte, gab es eigens einen Beichtspiegel für Kinder. Unter dem vierten Gebot: „Eltern und Vorgesetzte“ war dort zu lesen: „Warst du gegen deine Eltern und Erzieher ungehorsam? frech? trotzig? böse? Hast du den Eltern und Vorgesetzten nicht aufs Wort gehorcht?“* Wenn ich das heute lese, muss ich an die vielen von ihren Eltern, Erziehern, Übungsleitern und Seelsorgern missbrauchten Kinder denken. Mit solchen Sätzen wurde den Kindern ein bedingungsloser Gehorsam eingepaukt, der sie zu Opfern machte. Und das unter dem Deckmantel eines göttlichen Gebotes.

Dabei ist in der Bibel von Gehorsam gar nicht die Rede. Das Gebot heißt: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, nicht: „du sollst ihnen gehorchen.“ Um zu wissen, was mit diesem Ehren gemeint ist, muss man sich klarmachen, dass sich die Zehn Gebote an Erwachsene richten, nicht an Kinder. Das Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“ bezieht sich auf das Verhältnis zwischen erwachsenen Kindern und ihren alt gewordenen Eltern. Und bedeutet nichts anderes als: Du sollst für deine alten Eltern sorgen, wenn sie nicht mehr selbst für sich sorgen können. Zu biblischen Zeiten hieß das konkret: Du sollst sie finanziell unterhalten. Dafür sorgt heute – mehr oder weniger – die Rentenversicherung. Aber mit der finanziellen Versorgung allein ist es ja nicht getan, besonders wenn die körperliche und auch geistige Kraft der Eltern nachlässt. Ich kenne viele, die sich dann sehr ehrenhaft um ihre Eltern kümmern. Ja manchmal schon bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit. Im heutigen Gebetbuch wird deshalb unter dem vierten Gebot gefragt: „Stelle ich mich der Verantwortung bei der Versorgung …der pflegebedürftigen Eltern? Nehme ich aber auch die Grenzen meiner Belastbarkeit wahr und bin bereit, Hilfe anzunehmen? **  Gut, dass das Gebetbuch meiner Kindertage abgeschafft ist.

 

* Gesang- und Gebetbuch für das Bistum Trier 1955, S. 643   

** Gotteslob. Ausgabe für das Bistum Trier, 2013, S. 601

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19NOV2021
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Mit Rosen wird sie oft dargestellt. Elisabeth von Thüringen, die heilige des heutigen Tages. Die Landgräfin, die es einfach nicht ertragen kann, dass auf der Burg große Feste gefeiert werden, während unten im Tal die einfachen Leute verhungern. Körbeweise bringt sie Brot vom Hof in die Stadt, obwohl das verboten ist. Und Elisabeth wird erwischt. Und dann geschieht es: Das Rosenwunder. Als Elisabeth das Tuch über dem Korb lüftet, in dem sie die geschmuggelten Brote versteckte, waren aus den Broten Rosen geworden.

Wir haben heute so unsere Probleme mit solchen Wundererzählungen. Dabei, dass aus Brot Rosen werden, das passiert auch heute. Brot steht symbolisch für die Nahrung des Körpers. Steht für alles, was wir Menschen brauchen, um überleben zu können. Und Rosen stehen symbolisch für die Nahrung der Seele. Und die brauchen wir Menschen auch. Wenn ich eine Rose geschenkt bekomme, sagt mir jemand: Ich denke an Dich. Und das tut meiner Seele gut.

Dass aus Brot Rosen werden, geschieht zum Beispiel im Moment im Hochwassergebiet an der Ahr. Tausende Helferinnen und Helfer haben dort die letzten Monate geschuftet und einige tun es immer noch. Haben im wahrsten Sinne des Wortes Brot verteilt, Schlamm gescheppt, Keller gereinigt, Häuser entkernt, Müll beseitigt, einfach angepackt, damit Menschen in großer Not und großem Leid überleben können. Und sie haben damit auch Rosen verteilt. Sie haben den Menschen in den Hochwassergebieten gezeigt: Ihr seid nicht vergessen, wir sind für Euch da, Ihr seid uns wichtig.

In einem Lied zu dem Rosenwunder der Elisabeth heißt es: Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Für mich zeigen die Helferinnen und Helfer an der Ahr, dass das Gute in der Welt – wir Theologen nennen das das Reich Gottes – nicht klein zu kriegen ist – gerade auch in Zeiten der Not. Danke dafür.

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18NOV2021
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„Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ So spricht Gott in der Bibel, genauer gesagt im Buch Jesaja (66,13). Er wendet sich damit an das Volk Israel, als es diesem so richtig dreckig geht. Komisch, denke ich. Immer reden wir von Gott als dem Herrn oder dem Vater und hier auf einmal will Gott selbst wie eine Mutter sein, wird er auf einmal weiblich? Ein bisschen ärgert mich das auch, als ob ich als Mann und Vater nicht auch trösten könnte? Muss ich dafür in die Mutterrolle gehen? Und dann denke ich zurück. Und wenn ich da ganz ehrlich bin, wenn ich mir als Kind die Knie aufgeschlagen habe und Trost brauchte, bin ich auch zur Mutter gelaufen, nicht zum Vater. Und wenn meine Kinder von der Rutsche gefallen sind, haben sie sich auch eher von meiner Frau trösten lassen als von mir. Es ist mühsam, darüber zu diskutieren, dass Mütter besser trösten können, einfach weil sie Mütter sind oder weil man sie daraufhin erzogen hat. Ob’s an den Genen oder an der Erziehung liegt? Biblischer Fakt ist, wenn es ums Trösten geht, will Gott lieber eine Mutter sein als ein Vater. Ihm macht es dann nichts aus, das Geschlecht, das man ihm ansonsten so gerne zuschreibt, einfach mal zu wechseln, weiblich zu werden.  

Eigentlich gar nicht so schlecht, was Gott mir - als Mann - da so vormacht. Wenn trösten können etwas Mütterliches ist, dann sollte ich eben mal die weiblichen Anteile in mir aktivieren. Denn von der Biologie her wissen wir: Jeder und jede hat auch ein bisschen was vom andern Geschlecht. Als Vater kann ich auch Mutter, so wie viele Mütter auch wie ein Vater sein können. Einfach mal probieren. Vielleicht schaffe ich es ja, dass meine Enkel, wenn sie vom Baum gefallen sind und Trost brauchen, auch mal zu mir kommen. Freuen würde es mich auf alle Fälle.

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08SEP2021
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„Et hätt noch immer jot jejange, on dä leeve Jott is en Kölsche.“ So kann man das Lebensgefühl, die Lebenseinstellung des Kölners kurz zusammenfassen. Grundsätzlicher Optimismus und – wenn es denn eine höhere Macht gibt – dann ist sie natürlich auf der Seite der Kölner. „Dä leeve Jott“ ist einer von Ihnen. So sieht sich der Rheinländer gerne selbst.

Die Ahr liegt nicht weit von Köln weg. Und die meisten Bewohner hier verstehen sich auch als Rheinländer. Kein Wunder, gehörte das Ahrtal doch Jahrhunderte lang zu Kurköln. Der Dialekt, den man hier spricht, hat auch einen starken Kölschen Einschlag und Karneval feiert man an der kleinen Ahr genauso intensiv wie im großen Köln.

„Et hätt noch immer jot jejange“, ich weiß nicht, ob die Menschen an der Ahr diesen Satz im Moment einfach so unterschreiben können. Denn es ist verdammt schlecht gegangen. In einer Nacht im Juli wurde die gemütlich dahin plätschernde Ahr zu einem großen Strom. Das malerische Ahrtal wurde innerhalb weniger Stunden in eine Kraterlandschaft verwandelt und der Fluss hat weit über hundert Menschen in den Tod gerissen. Nein, et hätt nit jot jejange. Und wat is mit dem leeve Jott? Ist der kein Kölner mehr, kein Rheinländer, keiner aus dem Ahrtal? Hat er sich aus dem Staub gemacht? Ich kann jeden an der Ahr verstehen, der sich von Gott verlassen fühlt.

Und doch, ich glaube: Gott ist gerade jetzt einer aus dem Ahrtal. Er stellt sich immer auf die Seite der Menschen, denen es dreckig geht. Wie eine Naturkatastrophe wie die an der Ahr mit dem Bild vom allmächtigen und doch guten Gott überein gebracht werden kann, weiß ich nicht. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, Gott ist nicht nur allmächtig, sondern oft auch ohnmächtig. Aber egal ob allmächtig oder ohnmächtig, er ist immer auf der Seite der Opfer. „Dä leeve Jott“ ist gerade jetzt einer von der Ahr.

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