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Begegnungen

… heute mit Martin Wolf und mit dem Franziskanerbruder P. Norbert Lammers. Ich treffe ihn am sogenannten Geistlichen Ort Hofheim im Taunus. Da lebt und arbeitet er. Seit mehr als 40 Jahren gehört Bruder Norbert der Gemeinschaft des Heiligen Franz von Assisi an. Der ist fast auf den Tag genau vor 800 Jahren gestorben. Geboren als Sohn eines reichen Kaufmanns in Assisi gibt Franz mit 26 Jahren allen Wohlstand auf. Er lebt von da an radikal so, wie er die Botschaft Jesu verstanden hat. Als Armer unter den Armen. Eine irre Geschichte. Was ist das, was Menschen noch heute an ihm fasziniert?
Das eine Stichwort ist in der Tat Armut. Ich würde es heute übersetzen mit „einfaches Leben“. Also was brauche ich oder was brauche ich auch nicht? Das andere ist, wie Franziskus Schöpfung gesehen und entdeckt hat und wie er sich darin bewegt hat. Ich glaube, das ist heute etwas sehr Aktuelles. Und das Stichwort Evangelium. Nicht nur die Lebensbiografie eines Jesus von Nazareth, sondern einfach, was da an Impulsen drinsteckt. Was lässt sich herunterbrechen in meine Zeit und Welt. Es gibt ja diesen schönen Satz: Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast. Und ich glaube, darum geht es.
Nun ist Armut ja etwas, das vielem widerspricht, was Menschen heute wichtig ist. Wie schafft man es, freiwillig arm zu leben?
Mit einer Portion Ernsthaftigkeit und mit einer Portion Leichtigkeit. Also Armut sollte nichts Verkrampftes sein, sondern ich sehe es als eine Grundrichtung im Sinne eines einfachen Lebens. Das heißt auch für mich, ich brauche nicht alles, sondern ich finde hinein in ein miteinander teilen. Ich bin mir auch dessen bewusst: Ich werde nicht so arm leben, wie ein Armer lebt. Und da ist für mich ganz wichtig, die Armen zu sehen: wie nehme ich sie wahr, wie begegne ich ihnen?
Franz ist damals, wie Jesus, zu den Leprakranken gegangen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren? Warum war das im Rückblick so wichtig?
Die Begegnung mit dem Aussätzigen ist für Franziskus die zentrale Schlüsselstelle seines Lebens gewesen. Den Menschen nicht auszuweichen in ihren Lebenssituationen, sondern sich diesen Situationen auch zu stellen. Franziskus hat sich selber überwinden müssen und kann rückblickend sagen: das ist nicht aus meiner eigenen Kraft entstanden, sondern ich weiß mich geführt von etwas Größerem.
Ich begegne Franziskanerbruder P. Norbert Lammers. Einem echten Nordlicht. Aufgewachsen im Emsland hat es ihn durch seinen Orden vor vielen Jahren nach Hessen verschlagen.
Sein Ordensgründer Franz von Assisi hat im Jahr vor seinem Tod ein Stück Weltliteratur geschrieben. Ein großes Loblied auf Gottes Schöpfung. Auf alles, was ihn umgibt. Alles seine Brüder und Schwestern, sagt Franz.
Dieser Gesang ist ja geboren worden in einer für Franziskus sehr schwierigen Zeit, wo er über sich und seinen Weg nachgedacht hat. Und als wenn so ein Schalter umgelegt wird, dass er, wenn er über sich und sein Leben reflektiert, aufmerksam wird mehr und mehr auf den, der hinter allem steht. In der Schöpfung entdeckt Franziskus etwas von der bedingungslosen Liebe des Schöpfers, der Schöpferin.
Meine ganze Umwelt also ein einziger Ort, an dem auch ich Gott erfahren kann.
Jemand hat mal davon gesprochen, dass Gott transparent ist. Und das finde ich eigentlich ein schöner Ausdruck auch. Gott wird transparent in der Schöpfung. Wenn der Mensch darüber staunt, wie schön die Schöpfung ist.
Wenn ich die Welt so wie Franz von Assisi sehe, was wären die Konsequenzen?
Ich glaube, den Blickwinkel auf die Schöpfung zu verändern. Also nicht als Gegenüber, mit dem ich machen kann, was ich will. Die Schöpfung wirklich sehen zu lernen als Mitgeschöpf und ja, der Schöpfung zum Leben zu verhelfen.
Naturschutz könnte man dann auch als eine Art spirituelle Übung sehen.
Spiritualität hat etwas mit einer Einstellung oder mit einer Geisteshaltung zu tun. Das heißt, aus welchen Quellen lebe ich? Oder möchte ich leben? Also ich glaube schon, dass Schöpfung und der Umgang mit ihr etwas mit Spiritualität zu tun hat.
Am Ende frage ich Br. Norbert zu einem besonderen Aspekt der Schöpfung. Nach der Bibel erschafft Gott zum Schluss den Menschen. Gott sah alles an, heißt es da, und es war sehr gut. Daran knüpft die berührende ARD-Doku „Wie Gott uns schuf“ an. Auch Br. Norbert hat darin mitgewirkt. Sie stellt mehr als 100 Menschen vor, die für die Katholische Kirche arbeiten und queer sind. Für Manche in der Kirche ein Problem. Ist also doch nicht alles gut, was Gott geschaffen hat?
Also ich sage immer gerne: Gott ist der Liebhaber oder die Liebhaberin der Vielfalt. Die Vielfalt der Schöpfung. Die Buntheit. Und wenn er den Menschen geschaffen hat, und es war sehr gut, dann liebt Gott auch die Liebesfähigkeit und die Liebesbedürftigkeit des Menschen und will, dass der Mensch sich auch entfalten kann. Also ich glaube, wir queere Menschen sind von Gott gewollt und geliebt und das ist bei allen Menschen noch nicht angekommen. Leider.
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Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin. So hieß mal ein Buchbestseller. In dem Titel schwingt eine verbreitete, aber irgendwie auch naive Vorstellung vom Himmel mit. Auf jeden Fall eine sehr menschliche. Nämlich, dass unsere Maßstäbe von Sitte und Moral, von Gut und Schlecht auch für den Himmel gelten. Der ist aber keine Belohnung für angepasstes Verhalten. Er ist mehr. Himmel ist ein Wort für einen Sehnsuchtsort.
Vom Himmelreich hat Jesus den Leuten immer wieder erzählt. In Bildern aus ihrem eigenen Leben. So eine Geschichte ist auch heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören (Mt 20,1-16). Sie beginnt, wie viele dieser Geschichten beginnen: Mit dem Himmelreich ist es wie … Da wirbt ein Winzer auf dem Marktplatz Tagelöhner für seinen Weinberg an. Gleich früh am Morgen die ersten. Einen Denar verspricht er ihnen. Damals ein Tageslohn. So macht er es auch gegen neun, gegen zwölf und gegen 15 Uhr. Ja, sogar um 17 Uhr geht er nochmal auf den Markt und sucht Mitarbeiter. All denen sagt er, dass sie von ihm bekämen, was recht ist. Als dann nach Feierabend ausgezahlt wird, bekommen aber alle das gleiche. Jeder einen Denar. Der, der zwölf Stunden geschuftet hat genauso wie jener, der nur eine Stunde dabei war. Kein Wunder, dass die Stimmung kippt.
Tatsächlich hab ich mich oft über diese Geschichte geärgert. Kann doch nicht sein, dass es ausgerechnet im Himmelreich so unfair zugehen soll! Aber die Geschichte ist keine Reportage. Sie schildert eben nicht Tatsachen, sondern erzählt in Bildern von etwas anderem. Auch ich hab mich ertappt, dass ich dabei fast immer nur auf Leistung und Entlohnung geschaut habe. Eben auf die übliche Logik. Wichtig für uns. Aber offenbar nicht für Gott. Den Himmel kann man sich nicht verdienen. Auch wenn ich noch so fromm bin, penibel alle Gebote halte und alles vermeide, was irgendwie verboten erscheint. Der Himmel ist kein Leistungszentrum für Spitzenmoral. Und so erzählt die Geschichte vor allem von einem Gott, der grenzenlos gütig ist. Der jede und jeden einlädt, mitten im Leben und jeden Morgen neu. Unabhängig davon, was ich im Leben schon alles geleistet habe. Und der nichts anderes von mir erwartet, als das ich zu seiner Einladung Ja sage. Und darauf vertraue, dass dieser Gott es grenzenlos gut meint. Mit mir, mit denen, die mir wichtig sind und mit dieser Welt.
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Alkohol ist Gift! Sowas lese ich in Zeitungsartikeln immer wieder, wenn es um Gesundheitsfragen geht. Ist ja auch nicht falsch. Manchmal habe ich abends aber einfach Lust auf ein Glas guten Wein. Was also tun? Das Ganze lässt sich mühelos erweitern. Zucker und anderer Süßkram zum Beispiel. Ganz schlimm! Wurst oder Käse mit viel Fett. Schlecht fürs Herz! Also nur noch Gemüse? Auch nicht perfekt, denn da fehlen schnell wichtige Spurenelemente. Am besten wäre eigentlich, gar nichts mehr zu essen und nur noch Wasser zu trinken. Dann kann auch nichts schief gehen. Spätestens da wird klar, wie absurd so was werden kann.
Sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Ganz wichtig! Aber Ernährung wird heute manchmal auch zur Ersatzreligion. Da gibt’s Ge- und Verbote. Da wird beim Essen gesündigt, beim Arzt gebeichtet und anschließend dafür gebüßt. Und Food-Influencer im Internet halten Predigten, wie ich mich ernähren soll. Was da schnell auf der Strecke bleibt: was Essen und Trinken ja auch sein soll. Genuss und Lebensfreude. Das ist wie bei der echten Religion. Wer nur noch penibel darauf achtet, bloß kein Gebot zu missachten und nichts falsch zu machen, wird kaum Freude am Glauben haben. Dann wird Religion, wie die Ernährung, mehr Last als Lust.
Dagegen steht etwas, das in meinen Augen übrigens gut katholisch ist: Nämlich eine klare Vorstellung zu haben, was richtig und falsch ist, was guttut und was nicht. Und täglich zu versuchen, danach zu leben. Aber eben auch zu wissen, dass ich als Mensch manchmal schwach bin und versage. Und darauf hoffen darf, dass mir der liebe Gott das schon nicht übelnimmt. So wie auch mein Körper, wenn ich am Abend doch mal Lust hab auf ein Glas guten Wein.
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Erst vor kurzem hab ich mich selbst ertappt. Da will eine Frau auf die Autobahn auffahren, auf der ich auf der rechten Spur unterwegs bin. Ausweichen nach links geht nicht, da ist Verkehr. Also bremse ich leicht ab, damit sie vor mir einfädeln kann. Aber sie scheint unschlüssig, wird erst schneller, dann wieder langsamer. Traut sich offenbar nicht. Und ich? Ich fahre nicht mal 100, bin emotional aber schon auf 180. Gestikuliere und schimpfe laut vor mich hin. Kurz drauf hab ich mich gefragt: Was sollte das denn? Klar, sowas kann schnell kritisch werden. Aber muss ich deshalb sofort ausflippen? Wären wir uns nämlich direkt begegnet, von Mensch zu Mensch. Ich hätte niemals so reagiert.
Irgendwie passt das leider zur Statistik. Die sagt nämlich, dass Aggressionen auf der Straße stark zugenommen haben. Da wird längst nicht mehr nur geschimpft. Es wird beleidigt, bedroht, genötigt und manchmal sogar zugeschlagen. Die Zündschnur im Auto oder auf dem Fahrrad scheint besonders kurz. Ursachen dafür gibt’s einige. Immer mehr Zeitdruck und Stress. Mehr Autos, dichterer Verkehr und so weiter. Vor allem aber die Fixierung auf die anderen. Da sehe ich halt nur, was andere alles falsch machen. Alles Idioten, außer mir.
Da passt dann wohl die biblische Weisheit, dass man halt gern den Splitter im Auge des anderen sieht. Den dicken Balken im eigenen aber nicht wahrhaben will. Manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten. Mich mal ehrlich zu fragen, wie oft ich selbst eigentlich aggressiv oder nicht aufmerksam genug fahre. Mich also auch wie ein Idiot verhalte. Und das kann schnell gefährlich werden – für mich und für andere.
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Der Papst liebt Baseball, die vielleicht amerikanischste aller Ballsportarten. Geoutet hat sich Leo XIV. letztes Jahr als Fan des Teams der Chicago White Sox. Und hat damit auch bewiesen, dass er durchaus leidensfähig ist. Denn das Team stand lange im Tabellenkeller der US-Baseball-League. Das hat sich jetzt geändert. Die Chicago White Sox haben sich in dieser Saison weit nach oben vorgearbeitet. Und manche sind nun fest davon überzeugt, dass das auch am Papst liegt. Denn viele Fans haben innständig gehofft, dass er für den Erfolg seines Lieblingsteams beten wird. Ich stelle mir da allerdings zwei Fragen: Ist es nun irgendwie besser oder wirkungsvoller, wenn der Papst betet, als wenn es ein ganz „normaler“ Fan tun würde? Und: Bringt das überhaupt was, für Erfolge beim Sport zu beten?
Ich glaube ja, dass Gott ein demokratischer Gott ist, für den jede Stimme gleich viel zählt. Die des Papstes nicht mehr als jede andere. Und dann ist Gott auch nicht so eine Art Kaffeeautomat. Wo ich oben das Geld, also das Gebet reinwerfe und unten dann der Café Crema, sprich der Sieg auf dem Platz rauskommt. Trotzdem bin ich sicher: ein Gebet kann immer was bewirken. Ganz gleich, wer es spricht. Einfach dadurch, dass ein Mensch, der betet, Gott in seiner Nähe weiß. Etwa, wenn ich mich sorge um einen geliebten Menschen. Oder eben wenn ich vor eine Prüfung oder einem Wettkampf stehe. Dann zu wissen: Was auch immer geschieht und wie es am Ende ausgeht. Ich bin nicht allein. Da ist jemand bei mir.
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Kann man das eigentlich lernen? Wieder aufzustehen, wenn was Schlimmes passiert ist? Wenn ich einen lieben Menschen verloren habe. Im Job gescheitert bin. Mein Leben durch eine Krankheit aus der Bahn geraten ist. Fest steht, dass es manchen Menschen erstaunlich gut gelingt, sich von solchen Schlägen zu erholen. Sie sind besonders resilient, wie man sagt. Anderen dagegen fällt es schwer. Eine junge Journalistin hat vor kurzem geschrieben:
Ich frage mich oft, warum wir Kindern in der Schule nicht beibringen, wie man mit Krisen umgeht. Wie man nach einem Verlust wieder aufsteht.
Aber kann man das echt in der Schule lernen, hab ich mich gefragt. Resilient werden? Als ich vor einigen Jahren einen geliebten Menschen verloren hab, da war ich abrupt nicht mehr der, der ich bis dahin gewesen bin. War im wahrsten Sinne „außer mir“. Es hat gedauert, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Bloß, hätte ich vorher lernen können, wie das geht? Ich glaube nicht. Wie sich so ein Verlust anfühlt, lässt sich nicht vorwegnehmen. Die Schule ist am Ende das Leben selbst. Und manchmal kann sie verdammt hart sein.
Ein paar Dinge kann man vielleicht aber doch lernen. Von Menschen, die das gut gemeistert haben: Ich darf traurig sein, auch weinen. Solange, wie es guttut und nötig ist. Darf mir Zeit nehmen dem nachzufühlen, was in mir vorgeht. Und dann ist es gut, eine Idee zu bekommen, wie es weitergehen könnte. Denn eins ist sicher: Das Leben, wie es mal war, gibt‘s so nicht mehr. Was mir zumindest damals auch Halt gegeben hat: Mein Glaube. Weil er mich getragen hat, als es richtig hart wurde.
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Werden wie die Kinder! Jesus hat das mal seinen Zuhörern ans Herz gelegt. Wer nicht wie ein Kind wird, so hat er gemeint, der kommt auch nicht in den Himmel. Was er damit wahrscheinlich nicht sagen wollte: Dass die Leute sich kindisch benehmen sollen - auch wenn das manche tun. Gemeint war damit wohl eher: Wer so wach, so offen und neugierig ist wie ein Kind und auch so voller Lebensfreude, der hat schon ganz gute Chancen auf den Himmel. Denn vielen von uns Erwachsenen kommt im Laufe des Lebens offenbar manchen abhanden. Oft auch die Freude. Forscher haben etwa herausgefunden, dass Kinder rund 400-mal jeden Tag lachen. Wir Älteren dagegen, das hat die Studie auch ergeben, lachen im Durchschnitt nur noch rund 20-mal täglich. Vielleicht ja, weil man als erwachsener Mensch so viel mit sich rumschleppt, dass man nicht mehr viel zu lachen hat. Und dann wird Kindern das Lachen mitunter auch noch ausgetrieben. Ich erinnere mich etwa, dass wir als Kinder in der Kirche nicht lachen durften. Lachen in der Kirche, das ging gar nicht. Das machte man einfach nicht. Für unsere Eltern damals war Glauben eine viel zu ernste Sache und Lachen in der Kirche deshalb tabu. Lange her.
Ob Jesus selbst gelacht hat, davon erzählt die Bibel leider nichts. Ich stelle ihn mir aber als einen tiefgründigen und trotzdem heiteren Menschen vor. Schon, weil er sich so eng mit Gott verbunden wusste. Und vielleicht hat er ja an das Lachen gedacht, als er den Leuten sagte: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …!
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Wenn ich in den letzten Wochen in der Mittagspause durch die glühend heiße Mainzer Innenstadt gelaufen bin, dann meistens schnell von einem Baum zum nächsten. Zumindest, sofern es dort Bäume gibt. Denn unter jedem Baum war es spürbar kühler. Dass Grün uns guttut, wusste ich zwar, aber so deutlich ist mir das bisher selten aufgefallen. Bei einem Test mit einer Wärmebildkamera konnte man im heißen München neulich zeigen, dass die Temperatur unter Bäumen um 15-20 Grad niedriger war als über kahlem Pflaster.
Füllet die Erde und macht sie euch untertan[1], so heißt es auf den ersten Seiten der Bibel. Gott sagt das, als er uns Menschen seine Schöpfung überlässt. Wir haben das inzwischen ziemlich perfektioniert mit dem Untertan-Machen. Ein Sommer wie dieser mit tausenden Hitzetoten lässt aber noch mehr zweifeln, ob wir es damit nicht gewaltig übertrieben haben. Und ob der Satz nicht ganz anders gemeint war. Nämlich die Erde nicht so umzukrempeln, wie es für uns am bequemsten ist. Ohne Rücksicht auf Verluste. Sondern uns klug und umsichtig zu arrangieren mit der übrigen Schöpfung. Sie so zu gestalten, dass sie lebenswert bleibt für alles, was lebt. Sicher, viele Zusammenhänge verstehen wir erst heute richtig. Aber umso drängender wäre es ja, uns mit der Natur zu arrangieren. In unserm eigenen Interesse. Wer das nach diesem Sommer noch immer für Ideologie hält, dem ist wahrscheinlich kaum mehr zu helfen.
[1] Gen 1,28 (Lutherbibel 2017)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45054SWR3 Gedanken
Wie das Land, so die Mannschaft. So hatte ein User im Netz das WM-Aus der deutschen Fußballer kommentiert. Ehrlich gesagt: Inzwischen kann ich es kaum noch hören. Das tägliche Lied vom Niedergang. Dass unser Land angeblich am Abgrund steht. Dass uns alles unter den Füßen wegbröselt. Von der Bahn ganz zu schweigen. Und jetzt auch die Fußball-Nationalmannschaft. So oder ähnlich ist das fast täglich zu hören. Und meine Stimmung, die sinkt jedes Mal ein Stückchen tiefer. Und dann gibt’s da auch noch Parteien und Politiker, die die miese Laune befeuern, weil sie sich Vorteile davon versprechen.
Es stimmt ja: Da läuft vieles nicht, wie es laufen könnte. Aber wer sich dauernd im Untergang suhlt, hat auch nur noch miese Laune. Und das raubt die Hoffnung, die ich brauche. Wenn ich hoffe, rede ich mir die Welt ja nicht einfach schön. Ich sehe schon, was ist. Aber ich vertraue darauf, dass es am Ende gut ausgehen kann – trotz allem. Für Christen ist Hoffen deshalb auch ein anderes Wort für Glauben. Glauben daran, dass mit Gott immer noch was geht – für die Welt und auch für mich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45015SWR3 Gedanken

Neben der Kathedrale von Baguio, einer Großstadt auf den Philippinen, betreibt Schwester Corazon einen Bioladen. „Mountain Grown Natural Food“ heißt er. Es gibt dort Tomaten, Auberginen, Pfefferschoten und noch vieles mehr. So weit, so normal. Das Tolle daran ist aber, dass es Sr. Corazon mit ihrem Laden auch gelungen ist, über 100 Kleinbauern aus der Umgebung zu einem Umstieg zu motivieren. Weg von gefährlichen Pestiziden und synthetischen Düngemitteln. Hin zu einem biologischen Anbau, der Natur und Menschen guttut. In vielen Entwicklungsländern sind Böden und Menschen durch hohen Pestizideinsatz nämlich schlimm belastet, und die Bauern abhängig von Agrarkonzernen. Im Laden neben der Kathedrale können sie ihr gesundes Gemüse nun direkt verkaufen. Und das läuft richtig gut. Oft, so berichtet die Ordensfrau, sei mittags schon alles weg. Und das, obwohl Bio auch auf den Philippinen deutlich teurer ist.
Markus Wolter, der für das Hilfswerk Misereor gerade dort lebt und arbeitet, hat mir von Sr. Corazon berichtet. Klar, der Laden ist noch ein kleines Projekt. Aber er zeigt, dass es anders gehen kann. Lebensfreundlicher für alle. Und dass Sr. Corazon ihn betreibt, ist sicher auch kein Zufall. Die Schöpfung zu bewahren. Mit der Natur zu leben, nicht gegen sie. Das ist inzwischen eine Überlebensfrage. Und seit vielen Jahren schon Thema der Kirchen. Ihr Projekt jedenfalls ist schon jetzt ein echter Segen. Für die Menschen und die Natur, in der sie leben.
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