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SWR3 Gedanken

16DEZ2025
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Es ist tiefe Nacht auf der Insel Sumatra in Indonesien. Im Dunkel klettern zwei Männer einen hohen Baum hinauf. Einen besonderen Baum. Oben, in seiner Krone, leben wilde Bienen, die einen wunderbaren Honig produzieren. Jetzt, in der Nacht ruhen sie und die Männer können den Honig fast gefahrlos ernten. Aber eben nur fast. Damit die Bienen nicht aufgeschreckt werden und sie stechen, singen die beiden Männer ein berührendes Lied. Sie singen den Bienen ein Schlaflied.

Markus Wolter vom Hilfswerk Misereor hat die schöne Geschichte erzählt. Er lebt und arbeitet gerade in Indonesien und hat die Bienen-Männer begleitet. Für die beiden indonesischen Imker sind aber nicht nur die Bienen Mitgeschöpfe und Partner. Für sie ist der ganze Wald ein spiritueller Ort. Wo die Bäume nicht nur von Bienen, sondern auch von schützenden Geistern bewohnt werden. Geister, die auch Teil von ihnen sind, sagen sie. Mehr noch, ein Teil von uns allen.

Es ist leicht, das als primitiven Aberglauben zu belächeln. Aber vielleicht leben die Bienen-Männer in Indonesien etwas, das uns hier abhandengekommen ist. Ein ganz tiefes Verständnis für Gottes Schöpfung. Die ist für sie nicht irgendwas draußen vor der Tür. Sondern Teil von ihnen selbst. Sie wissen, dass sie nur mit ihr leben können, nicht gegen sie. Wie bei einer großen Familie, in der ich auch nicht jeden toll finden muss. Trotzdem gehören alle dazu. Und ich denke mir: Vielleicht haben die Männer, die den Bienen ein Schlaflied singen, ja viel mehr davon verstanden als ich.

 

https://blog.misereor.de/2025/11/10/ein-schlaflied-fuer-die-bienen/

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SWR3 Gedanken

15DEZ2025
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Eine ältere Frau sitzt an einer Bushaltestelle. Es ist tief in der Nacht, die Temperatur knapp über Null. Die Frau zittert vor Kälte. Ein junger Mann, der noch unterwegs ist, kommt zufällig vorbei. Er bemerkt, dass hier etwas nicht stimmt. Er verständigt die Polizei, geht weiter. Doch bevor die Beamten da sind, kommt der junge Mann nochmal zurück. Das Bild der frierenden Frau hat ihm keine Ruhe gelassen. Er spricht sie an, gibt ihr sogar etwas Geld. Als die Beamten schließlich eintreffen, bringen sie die stark unterkühlte Obdachlose sofort ins nächste Krankenhaus. Der junge Mann hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet.

Eine kurze Meldung nur im News-Portal. Aber sie hat mich sofort an eine andere Geschichte erinnert. Die vom barmherzigen Samariter. Eine der bekanntesten in der Bibel. Da kommt ein Mann auch zufällig an einem Wildfremden vorbei, der Hilfe braucht. Er kümmert sich, legt privates Geld für ihn aus, bittet auch andere darum zu helfen. Und rettet ihm so das Leben.

Die Geschichte in der Bibel hat viele Facetten. Eine aber ist entscheidend: Der Nächste ist immer der Mensch, der gerade Hilfe braucht. Egal wie er aussieht, wie er spricht oder welche Nationalität er hat. Klingt selbstverständlich, ist es oft aber nicht.

Ob der junge Mann die Samaritergeschichte gekannt hat? Keine Ahnung. Es wäre auch nicht wichtig. Er hat gehandelt. Als Mitmensch. Und darauf kommt es an.

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SWR1 3vor8

14DEZ2025
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Woran merke ich, dass etwas ganz und gar Neues beginnt? Ein neuer Lebensabschnitt. Eine neue Zeit. Selten geschieht sowas abrupt und schlagartig. Viel öfter wird uns die Veränderung erst im Rückblick klar. Oft als ein diffuses Gefühl, das sich dann aber immer mehr auch in äußeren Zeichen manifestiert. Dass sich körperlich etwas verändert, merke ich vielleicht daran, dass ich Treppen nur noch mühsam hochkomme, die ich vor ein paar Jahren noch locker genommen habe. Dass sich Lebensgewohnheiten ändern, Menschen anders konsumieren. Daran, dass vertraute Läden oder Lieblingslokale, die mich jahrelang begleitet haben, aus dem Stadtbild verschwinden.

„Woran merke ich, dass etwas Neues beginnt?“ Die Frage stellt auch ein Text, der heute in den katholischen Kirchen gelesen wird. Der Täufer Johannes, der Jesus einst getauft hatte, sitzt nun im Gefängnis und schickt seine Anhänger zu Jesus. Sie fragen ihn: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Jesus antwortet ihnen aber nicht mit Ja oder Nein. Er fordert sie stattdessen auf, Augen und Ohren aufzumachen. Wahrzunehmen, was sie sehen und hören. Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören. Macht euch selbst euren Reim darauf, will er ihnen sagen. Dann werdet ihr merken, dass etwas Neues angebrochen ist. Gottes neue Welt.

Die meisten von uns bemerken Veränderungen tatsächlich erst im Nachhinein. Und manche wollen sie vielleicht auch gar nicht wahrhaben. Tun alles dafür, dass es so bleibt, wie es ist. Aber immer wieder in der Geschichte hat es hellsichtige Leute gegeben, die Veränderungen früh gespürt haben. Die ihren Mitmenschen gesagt haben: Macht eure Augen und Ohren auf. Schaut hin. Ihr müsst etwas tun, weil die Zeiten sich ändern. Die Bibel hat solche hellsichtigen Menschen Propheten genannt. Leute wie Jesaja und Jeremia, Ezechiel und Amos. Und auch der Täufer Johannes. Er hat geahnt, was mit Jesus und seiner Botschaft Neues beginnen könnte. Hat seine Landsleute aufgefordert, sich darauf einzulassen.

Propheten gibt es noch immer. Menschen, die Dinge klarer gesehen und gewarnt haben. Vor dem Angriffskrieg etwa, mit dem Russland die Ukraine überzieht. Oder vor den dramatischen Folgen, die ein massiver Klimawandel für die Menschheit hat. Den meisten von ihnen ist es letztlich ergangen wie den Propheten, von denen die Bibel berichtet. Man nimmt sie vielleicht wahr, aber nicht sonderlich ernst. Und doch: Es lohnt sich, auf sie zu hören.

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SWR3 Gedanken

14DEZ2025
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„Was nix kostet, taugt auch nix.“ Soll so viel heißen wie: Was billig ist, hat meistens irgendeinen Haken. Allerdings kann ich den Satz auch anders lesen: Arbeit, die nicht ordentlich bezahlt wird, ist scheinbar auch nicht viel wert. Ganz gleich, ob jemand Straßen kehrt, Kinder unterrichtet oder einen Betrieb leitet. Einen Menschen ordentlich zu bezahlen, heißt eben immer auch: Du und deine Arbeit sind uns das wert. Doch Geld ist nicht alles. Es braucht mehr. Anerkennung, Respekt, Lob. Das Gefühl, gesehen zu werden, etwas zu gelten.

Gut möglich, dass es genau daran öfter mal mangelt. Nicht nur in Firmen und Behörden. Auch in Vereinen und Kirchen. Da also, wo viele Menschen sich freiwillig engagieren. In ihrer Freizeit, ehrenamtlich. Ohne einen Cent dafür zu bekommen. Und das Motto „nicht gemeckert ist genug gelobt“ scheint es leider auch immer noch zu geben. Aber es frustriert und demotiviert Menschen. Im Job ebenso wie in der Freizeit.

Aufs Wort kommt es an. Auf das gute, freundliche Wort, das den Einzelnen sieht und wertschätzt. Kritik schließt das ja gar nicht aus. Im Gegenteil. Und ein echtes Interesse, das den anderen wertschätzt, kostet nicht mal was. Im Gegenteil: Es ist unbezahlbar.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

12NOV2025
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Wer bin ich? Wo komme ich her? Was sind meine Wurzeln?  Die grundlegenden Fragen. Meine Tochter hat vor einiger Zeit damit begonnen, den Stammbaum unserer Familie aufzuschreiben. Als wir darüber sprachen, haben wir beide aber auch gemerkt: Das ist gar nicht so einfach. Von meinen Großeltern, ihren Urgroßeltern also, kann ich ihr noch erzählen. Auch meinen eigenen Urgroßvater habe ich als Kind noch kennengelernt. Doch da hört es dann auch auf. Und noch Ältere, die sie fragen könnte, leben leider nicht mehr. Vielleicht wird sie irgendwann noch mal in alten Archiven stöbern. Wird dann mit etwas Glück noch ein, zwei weitere Generationen finden. Doch oft endet es da. Und die eigenen Wurzeln verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Von den allermeisten Menschen, die mal unsere Vorfahren waren, wissen wir leider nichts mehr.

„Unvergessen“ steht dagegen auf manchen Grabsteinen. Geschrieben von Menschen, die sich noch an die Toten erinnern. Auch in Todesanzeigen in der Zeitung lese ich das hin und wieder. Es ist ein Wunsch, den viele Menschen haben. Nicht endgültig vergessen zu sein. Hoffen zu dürfen, dass sich irgendjemand doch noch an sie erinnert. Doch in unserer Menschenwelt ist leider alles endlich. Auch das Erinnern. Und mit dem menschlichen Vergessen geht es oft viel schneller als gedacht. Schließlich wird kaum jemand zu Lebzeiten ein Leonardo da Vinci, ein Johann Sebastian Bach oder Johann Wolfgang von Goethe gewesen sein. Jemand also, an den man sich auch Jahrhunderte später noch erinnert.

Als Christ vertraue ich darauf, dass der Tod nicht das endgültige Aus eines Menschen ist, dass noch etwas kommen wird nach dem Tod. Es ist auch ein Auflehnen gegen das Vergessen. Die Hoffnung, dass zumindest Gott keinen vergisst. Mich nicht und auch nicht all die, die mir im Leben lieb und kostbar waren.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

11NOV2025
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In Mainz, wo ich arbeite, ist für manche heute ein besonderer Tag. Heute Vormittag wird am Schillerplatz in Mainz die Fassnacht eingeläutet. Die „fünfte Jahreszeit“ wie manche sagen.

Ich selbst habe es nicht so damit, aber ein besonderer Tag ist für mich heute auch. Mein Namenstag. Ich werde stattdessen den Mainzer Dom besuchen, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Auch der hat nämlich Namenstag. Vor fast 1000 Jahren hat man ihn dem Heiligen Martin geweiht. Martin muss damals fast so was wie ein religiöser Star gewesen sein. Und ein bisschen ist er das ja immer noch. Schließlich erinnern die Laternenumzüge überall im Land noch heute an ihn.

Der historische Martin hat vor mehr als 1600 Jahren gelebt. Als junger Mann hatte er sich zum römischen Militärdienst verpflichtet und offenbar Karriere gemacht. Die Legende kennt ihn als römischen Hauptmann. Als er eines Tages einen frierenden Bettler am Wegrand sitzen sieht, soll ihn das so angerührt haben, dass er dem Mann die Hälfte seines Uniformmantels aus festem Stoff geschenkt hat. Martin ist dann Christ geworden, hat sich taufen lassen und später den Militärdienst wegen seines Glaubens quittiert. Es heißt, er habe eine echte Gabe gehabt, andere Menschen für den Glauben zu begeistern. Am Ende wurde Martin sogar Bischof der französischen Stadt Tours. Dort ist er auch begraben.

Ich selbst konnte mir meinen Namen damals natürlich nicht aussuchen. Aber mit der Wahl meiner Eltern bin ich sehr einverstanden. Denn unter den unzähligen Heiligen, die es in der Kirche gibt, ist mir Martin tatsächlich einer der liebsten. Als Mensch, der mitten im Leben gestanden und seinen Glauben wohl so überzeugend und begeisternd gelebt hat, dass er andere dadurch anstecken und die Welt ein bisschen besser machen konnte.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

10NOV2025
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„Die Zeit der Faulenzer ist vorbei“. Genau so steht das in der Bibel. Beim alten Propheten Amos. Der Satz hat mich an Wortmeldungen aus der aktuellen Politik erinnert. Von wegen „Leistung muss sich wieder lohnen“ und „es wird wieder in die Hände gespuckt“. Sagt ja schließlich schon die Bibel, dass für Faulenzer kein Platz sein soll. Bloß, so einfach ist es eben nicht.

Denn der heilige Zorn des alten Propheten richtet sich in Wahrheit gegen die damalige Oberschicht, die Reichen und Mächtigen seiner Zeit. Die sogenannten „Leistungsträger“ würden manche heute vielleicht sagen. Dabei hat Amos gar nichts dagegen, dass die Leute reich sind. Er regt sich auf über ihre Gleichgültigkeit. Darüber, dass sie ihr sattes Wohlleben zelebrieren, während ihnen die vielen Armen im Land ziemlich egal sind. Jene, die sich als Kleinbauern und Tagelöhner abrackern und doch auf keinen grünen Zweig kommen. „Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern“, haut er ihnen um die Ohren. Er regt sich auf über eine tief gespaltene Gesellschaft, die es damals, zu seiner Zeit, gibt. Eine Gesellschaft, die so ungleich ist, dass es zum Himmel schreit. Diese Gesellschaft, sagt er, wird untergehen.

Nun sind die Zeiten damals und heute kaum vergleichbar. Doch in der Wut dieses alten Propheten schwingt auch etwas mit, das für mich bis heute nachhallt. Ein Appell gegen das Wegsehen. Gegen den Rückzug in die eigenen Blasen. Gegen Kälte und Gleichgültigkeit den Ärmeren, Schwächeren und Gescheiterten gegenüber. Und mit diesem Appell ist der alte Prophet Amos dann doch noch ziemlich aktuell.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

09NOV2025
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Heute ist so ein Tag, an dem man sich an Vieles erinnern kann, das wichtig ist. Bis heute. An den Beginn der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie. An die sogenannte Reichspogromnacht, in der die Nazis überall im Land die Synagogen niederbrannten. An die Nacht, in der sich die innerdeutsche Mauer öffnete. Alles geschehen an einem 9. November. Sich erinnern zu können ist lebenswichtig. Denn ein Mensch, der seine Erinnerung verliert, verliert seine Wurzeln. Weiß nicht mehr, wer er ist und wo er herkommt. Nicht umsonst versuchen Diktatoren und Autokraten alles, um die Erinnerung auszulöschen. Sie zerstören Denkmäler. Säubern Museen von allem, was nicht ins eigene, enge Weltbild passt. Versuchen, die Erinnerungen der Menschen durch Propaganda zu überschreiben.

In meinem Studium vor langer Zeit hat einer meiner Professoren deshalb oft davon gesprochen, dass Erinnerung gefährlich sein kann. So eine gefährliche Erinnerung war für ihn all das, was Menschen bis heute mit Gott verbinden. Am Passahfest etwa erinnern sich gläubige Juden jedes Jahr daran, wie Gott das Volk Israel vor langer Zeit aus der Unterdrückung durch die Ägypter befreit hat. Und gläubige Christen erinnern sich an jedem Osterfest aufs Neue, dass Jesus auferstanden und nicht im Tod geblieben ist. Sie feiern die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort haben muss.

Gefährlich sind solche Erinnerungen deshalb, weil sie Widerstand hervorrufen. Widerstand gegen eine schulterzuckende Gleichgültigkeit. Gegen die Haltung, dass sowieso alles sinnlos, weil ja eh nicht zu ändern ist. Denn Menschen, die sich erinnern, die wissen, dass es auch anders sein kann. Dass es sich immer lohnt zu hoffen. Und dass Hoffnung stark machen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43235
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SWR1 3vor8

02NOV2025
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Als mein Vater vor sechs Jahren starb, wie sehr hätte ich mir da für einen Moment gewünscht, seinen Tod rückgängig machen zu können. Womöglich geht es vielen so, die einen geliebten Menschen verlieren. Aber den Tod rückgängig machen, das geht nicht. Wenn etwas in diesem Leben unwiderruflich und endgültig ist, dann ist es der Tod.

Doch der Bibeltext, der heute, am Fest Allerseelen, dem Gedenktag für alle Verstorbenen, in den katholischen Kirchen verlesen wird, erzählt etwas anderes. Da wird Jesus zu einem schwerkranken Freund gerufen, Lazarus. Als er endlich dort ankommt, ist dieser Lazarus schon seit vier Tagen tot. Marta, die Schwester des Toten, ist sich sicher: Ihr Bruder wäre gar nicht erst gestorben, hätte Jesus früher da sein können. Aber der sagt zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Was er Marta damit wohl sagen will: Wer wie Lazarus auf Gott vertraut hat, der wird leben. Auch nach dem Tod. Sicher völlig anders als im Hier und Jetzt. Aber er wird leben. Wenig später wird dann sogar erzählt, wie Jesus zum Grab hinausgeht und den seit Tagen toten Freund zurück in dieses Leben holt. Eine Vorstellung, mit der nicht nur ich mich schwertue.

An dieser Stelle könnte ich natürlich aussteigen, das Ganze als abstruses Märchen abtun. Denn diese Art von Happy End gibt es nicht. Nichts und niemand hätte meinen Vater damals wieder lebendig machen können. Das ist die bittere Wahrheit, mit der sich jede und jeder abfinden muss, der einen Menschen verliert. Doch wenn ich das, was die Bibel erzählt, nur darauf verkürze, dass es ja biologisch absurd ist, übersehe ich vielleicht das Entscheidende: Dass es letztlich nicht darauf ankommt, ob ein Toter wieder lebendig herumspaziert. Es kommt darauf an, dass es etwas gibt nach dem Tod. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt. Die Wundergeschichte von Lazarus erzählt eben keine Naturwissenschaft. Sie erzählt vom Glauben. Von der Hoffnung, die gläubige Menschen seit alters her mit Gott verbinden. Von der Hoffnung, dass es noch mehr geben kann als dieses Leben - über den Tod hinaus.

Mir hat dieser Glaube damals sehr geholfen. Meinen Vater musste ich loslassen. Unwiderruflich. Aber die Hoffnung, dass er nun in einem anderen, besseren Dasein ist und dass wir uns dort vielleicht einmal wiedersehen, irgendwann, die hat mich getröstet. 

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SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken

Heilig. Das ist so ein Wort, mit dem sich für Menschen von heute Verschiedenes verbindet. Das freie Wochenende ist mir heilig, sagt die eine. Mein Fußballverein, der ist mir heilig, sagt ein anderer. Und dann gibt es da auch noch das „heilig Blechle“, wenn Menschen ganz innig an ihrem Auto hängen. Heilig. Das heißt eigentlich immer, dass irgendwas besonders wichtig ist. Dass es herausragt aus der Menge all dessen, das es sonst noch gibt

Nun hat die Kirche aber auch immer wieder einzelne Menschen hervorgehoben und sie heilig genannt. Damit will sie sagen, dass auch dieser Mensch herausragend war. Außergewöhnlich. Anders als andere. Durch das, was er gesagt oder getan hat. Durch seine Ausstrahlung, die er auf andere hatte. Ja, dass dieser Mensch dadurch, wie er seinen Glauben gelebt hat, eine Art Vorbild sein kann für andere, die an Gott glauben. Die sich damit abmühen, ihren Glauben irgendwie im Alltag unterzubringen und doch oft daran scheitern. Denen, die man heute Heilige nennt, scheint das jedenfalls besser gelungen zu sein. Wer sich ihr Leben anschaut, kann sehen, was das heißen kann. Dabei bin ich mir sicher, dass kaum einer dieser sogenannten Heiligen geplant hatte, mal als Heiliger verehrt zu werden. Die Allermeisten haben einfach so gelebt. Aus innerer Überzeugung und mit besonderer Nähe zu Gott. Da war etwa ein Franziskus aus Assisi. Für ihn war die ganze Schöpfung um ihn herum seine Familie. Pflanzen, Tiere, Sonne und Mond, die Mutter Erde. Alles seine Schwestern und Brüder, die er geliebt und mit denen er sich verbunden gefühlt hat. Oder da war ein Jean-Marie Vianney. Als einfacher Dorfpfarrer in Ars wurde er zum Anziehungspunkt für unzählige Menschen. Weil er zuhören konnte wie kaum ein anderer. Weil die Leute sich von ihm gesehen und verstanden fühlten. Und weil er ihnen das Gefühl gegeben hat, dass auch Gott sie sieht und annimmt. Da war aber auch eine Hildegard von Bingen. Als visionäre Mystikerin hatte sie ein intensives Verhältnis zu Gott. Und als kluge Wissenschaftlerin und mächtige Frau in der Kirche fasziniert sie Menschen noch immer.

Der Tag Allerheiligen heute erinnert an sie alle. Er erinnert aber auch an die, die als Menschen außergewöhnlich waren und von denen kaum noch jemand weiß. Die stillen, die weitgehend unbekannten Heiligen. Die Vorbilder waren für die Menschen um sie herum. Als Eltern, Großeltern, Freunde, Gesprächspartner. Anziehend und inspirierend in der Art, wie sie geglaubt, gelebt und geliebt haben. Und die durch ihr Leben ein Beispiel gegeben haben, wie sie sein kann: Eine Welt in Gottes Sinne.

 

Eine andere Welt als die, in der wir heute leben. Gut möglich, dass sich das mancher gerade sehnlichst wünscht. Neu wäre es jedenfalls nicht. Denn immer schon haben Menschen von einer anderen, besseren Welt geträumt. Und manche haben ihre Hoffnung dabei auf Gott gesetzt. Gottes neue Welt, oder das „Reich Gottes“, wie es in der Bibel heißt, war die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth. Für ihn kein ferner Zukunftstraum. Im Kleinen vielmehr längst da. Unscheinbar, manchmal kaum zu sehen. Überall da, wo Menschen im Geist Gottes gelebt und gehandelt haben. Jesus hatte gehofft, dass die neue Welt Gottes langsam wachsen würde. Größer und größer sollte sie werden, je mehr Menschen sich auf Gott besinnen und so leben. Gelungen ist das nicht überall. Aber hier und da schon. Und die Sehnsucht nach dieser anderen Welt, die ist geblieben.

Und so gibt es immer wieder Menschen, die Gottes neuer Welt schon sehr nahekommen. Jesus zählt sie auf. Nennt sie „selig“. Und meint damit wohl, dass diese Menschen sich glücklich schätzen dürfen, weil sie Gott näher sind als andere. Selig sind für ihn Menschen, die ihre Hoffnung und Zuversicht ganz auf Gott setzen. Die „arm sind vor Gott“, wie Jesus es sagt. Selig nennt er alle, die traurig sind und sich sehnen, getröstet zu werden. Weil sie noch fähig sind, sich berühren zu lassen vom Leid. Dem eigenen und dem der andern. Selig sind, die sanftmütig und friedvoll durchs Leben gehen. Die weder mit Worten noch Fäusten um sich schlagen. Selig auch alle, die barmherzig sind mit anderen. Weil sie wissen, dass jeder scheitern kann. Und dass man kein schlechter Mensch ist, wenn man versagt oder Fehler gemacht hat. Schließlich sind da die Friedensstifter, die es trotz Hass und Feindschaft fertigbringen, Brücken zu bauen zwischen Menschen.

Wenn ich mir nun anschaue, wen Jesus da seligpreist, dann bekomme ich zumindest eine Ahnung davon, wie sie sein könnte, Gottes neue Welt. Schon jetzt. Eine Welt, in der es zwar noch Konflikte gibt, Unrecht und Leid. Aber auch immer mehr Menschen, die sich damit nicht mehr abfinden wollen. Die aufstehen gegen Hass und Gewalt. Die trösten und helfen, wo andere verwundet sind an ihrer Seele. Die barmherzig sind zu denen, die gestrauchelt und gescheitert sind. Eigentlich gibt es sie längst, diese andere Welt. Und sie kann weiter wachsen durch Menschen wie die, die Jesus selig nennt. Die stillen, unbekannten Heiligen.

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