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04JUN2022
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Morgen ist Pfingsten. Geburtstag der Kirche. Gottes Gegenwart in heiliger Geistkraft feiern wir da. Carola Moosbach wütende Gottespoetin betet zu Pfingsten:

Komm heile uns Du heiliger Geist
Auf dass wir verbunden werden
Komm stärke uns Du feurige Kraft
Dass keine mehr kriechen muss

Komm schüttele uns Du brausende Böe
Auf dass wir ganz neu von Dir sprechen
Komm locke uns Du tiefes Geheimnis
Hinein in das Leben mit dir

Und wenn wir dann ahnen wie du uns gemeint hast
Und wenn wir dann spüren wie viele Du bist
Dann wag doch mit uns Gott die neue Erde
Lass blühen die Gärten der Gerechtigkeit

Komm heilender Geist verbinde die Erde
Komm mächtiges Brausen und wirbel uns mit.


Carola Moosbach, Ins leuchtende Du. Aufstandsgebete und Gottespoesie

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35494
03JUN2022
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Navid Kermani, muslimischer Wanderer zwischen den Welten erzählt folgende Geschichte:

Als Scheich Abu Said einer der berühmtesten islamischen Mystiker des elften Jahrhunderts einmal nach Tus kam, einer Stadt im Nordosten des heutigen Irans, strömten in Erwartung seiner Predigt so viele Gläubige in die Moschee, dass kein Platz mehr blieb. ‚Gott möge mir vergeben‘ rief der Platzanweiser: ‚Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.‘
Da schloss der Scheich die Versammlung, bevor sie begonnen hatte. ‚Alles was ich sagen wollte und sämtliche Propheten gesagt haben hat der Platzanweiser bereits gesagt‘ gab er zur Erklärung bvor er sich umwandte und die Stadt verließ:
‚Jeder soll von da wo er ist, einen Schritt näher kommen.‘

Navid Kermani, Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35493
02JUN2022
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Haben sie heute Geburtstag? Oder einen Freund, eine Freundin die heute Geburtstag haben – all denen heute diese Worte von Hanns Dieter Hüsch:

Ich freue mich

Dass es dich gibt.
Herzlichen Glückwunsch,
dass du da bist!
Gute Worte sollen dein Jahr begleiten
Und vernünftige Gedanken dich beraten.
Viel Musik soll dich erfüllen,
neue Lieder dich beflügeln.
Der Himmel halte seine Hände über dir
Und der Wind möge deine Haut streicheln.
Denn Gott schaut vom Himmel herab
Und sieht dich, sein Menschenkind.
Er achtet auf deine Wege
Und lenkt dein Herz.
Er soll dich beschützen,
denn, der dich behütet schläft nicht.

Ich stehe unter Gottes Schutz. Psalmen für Alletage

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35495
01JUN2022
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Eine alte Frau sitzt mir gegenüber. Ihre Mutter ist gestorben. Uralt. Sie war lange krank. Und die beiden hatten keinen Kontakt. Aber jetzt leuchtet das Gesicht der Frau als sie mir erzählt:

Ich war so lange weg, verheiratet in Spanien und dann krank, wissen sie, an der Seele krank. Und meine Mutter war böse auf mich. Sie war im Heim, und hat mich nicht erkannt, als ich sie gesehen habe. Aber ich bin wieder zu ihr gegangen. Sie war ja schon so alt und dement. Und jetzt haben wir uns versöhnt und sie hat mich angesehen Und ihre Tochter gesehen.

Und als ich mich mit ihr versöhnt hatte, habe ich mich auch mit Gott versöhnt. Ich habe einfach immer gebetet. Nicht so wie früher, da habe ich immer gesagt: wenn es dich gibt schenk mir Frieden mit meiner Mutter. Sondern einfach: Schenk mir Frieden, weil es dich gibt. Und jetzt bin ich ganz versöhnt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35492
31MAI2022
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Alles eine Frage der Perspektive! Luigi Malerba, italienischer Fabuleur und Hühnergeschichtenerzähler erläutert das so:

Ein schielendes Huhn sah die Welt etwas schief und glaubte daher, sie sei tatsächlich schief. Auch seine Mithühner und den Hahn sah es schief. Es lief immer schräg und stieß oft gegen die Wände. An einem windigen Tag ging es mit seinen Mithühnern am Turm von Pisa vorbei.
„Schaut euch das an“ sagten die Hühner, „der Wind hat diesen Turm schiefgeblasen.“Auch das schielende Huhn betrachtete den Turm und fand ihn völlig gerade. Es sagte nichts, dachte aber bei sich, dass die anderen Hühner womöglich schielten.

Hoppla! Neue Geschichten für andere Zeiten. Hamburg Andere Zeiten e.V. 2021

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35491
30MAI2022
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Ich liebe es im Wald spazieren zu gehen: die großen alten Bäume, das Rauschen des Windes in den Blättern. Henri Nouwen erzählt dazu:

Ein Zimmermann und sein Lehrling gingen miteinander durch einen großen Wald. Als sie auf einen großen riesigen, knorrigen, alten wunderschönen Eichbaum stießen, fragte der Zimmermann seinen Lehrling:
‚Weißt du weshalb dieser Baum so groß, so riesig, so knorrig, so alt und so wunderschön ist?‘ Der Lehrling schaute seinen Meister an und sagte: ‚Nein… warum?‘
‚Deshalb‘, sagte der Zimmermann, ‚weil er nutzlos ist. Wäre er brauchbar gewesen, dann wäre er schon längst gefällt und zu Tischen und Stühlen verarbeitet worden. Aber weil er unbrauchbar ist, konnte er so wunderschön werden, dass man sich nun in seinen Schatten setzen und sich unter ihm erholen kann.‘

Henri J.M. Nouwen, In ihm das Leben finden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35490
29MAI2022
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Allen Jugendlichen, die heute konfirmiert werden, wünsche ich ein gesegnetes Fest und ein glückliches Leben. Glück ist oft anders als wir erwarten. Jesus sagt dazu (in Matthäus 5):

Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.
Glückselig sind die, die trauern.
Denn sie werden getröstet werden.
Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind.
Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.
Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.
Denn sie werden satt werden.
Glückselig sind die, die barmherzig sind.
Denn sie werden barmherzig behandelt werden.
Glückselig sind die, die ein reines Herz haben.
Denn sie werden Gott sehen.
Glückselig sind die, die Frieden stiften.
Denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glückselig sind die, die verfolgt werden,
weil sie für Gottes Gerechtigkeit eintreten.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.

Ihr seid das Licht der Welt:
So soll euer Licht vor den Menschen leuchten.

Basisbibel. Die Kompakte, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 2021

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35489
26FEB2022
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In den letzten zwei Jahren haben die Reichen der Welt ihr Vermögen verdoppelt:
Währenddessen hat die Armut in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. 13,4 Millionen Menschen leben hier in Armut. –In Mannheim 25% der Kinder, ein Drittel der Alten. Und Arbeit schützt auch schon lange nicht mehr vor Armut: ein Drittel derer, die arm sind, arbeiten! Das trifft vor allem Frauen und Migranten, die putzen, an der Kasse sitzen, pflegen. Weltweit leben 165 Millionen Menschen mehr in Armut als vor der Pandemie.

Es ist eben so, daran kann man nichts machen, stöhnen jetzt vielleicht viele. ‚Es ist eben so‘, das hört sich an als wären der Reichtum der einen und die Armut der Anderen direkt vom Himmel gefallen.
Aber Ungerechtigkeit ist nicht alternativlos. Sie ist durch politische Entscheidungen gemacht. Und genau deswegen kann man etwas daran ändern!

Manche lesen auch die Bibel immer noch so, als wolle Gott, dass die einen sich demütig unter ihre Armut beugen und als würden die anderen mit ihrem Reichtum von Gott belohnt für was auch immer. Aber diese Ungerechtigkeit ist nicht gottgegeben. Gott ist weder boshaft noch dumm noch gemein!  Gerechtigkeit soll fließen wie ein nie versiegender Bach! heißt es in der Bibel.

Die Bibel und das Christentum sind politisch – Gott ergreift Partei für die Armen.
Gottes Reich fängt überall da an, wo eine aufsieht und Gerechtigkeit fordert, nicht Almosen, und wo sich Regierende endlich trauen eine Politik zu machen, die der gewalttätigen Ungleichheit einen Riegel vorschiebt.
Ich lese sie immer neu die Worte von Martin Luther King. Gott wird Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Gott wird das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34898
25FEB2022
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Vesperkirche in Mannheim bedeutet: vier Wochen lang ist unsere Kirche offen. Jeden Tag bekommen 400 bis 600 Menschen Essen. Arbeitslose, Kranke, Wohnsitzlose, Rentnerinnen, Geflüchtete, Menschen ohne Papiere.

Dieses Jahr gab es am Eröffnungstag Rindfleisch mit Meerrettichsauce und Salzkartoffeln. Das stand in der Zeitung. Und schwupp bekomme ich eine Mail: Da erklärt mir jemand, dass das nicht geht: Rindfleisch! Und dass die Rindfleischproduktion weltweit 15% des CO2 Ausstoßes verursacht. Ich muss sagen, das hat mich sauer gemacht.

Die Gäste der Vesperkirche sind nämlich nicht diejenigen, die mit ihrem Lebensstil einen unmäßigen ökologischen Fußabdruck produzieren. Sie können es sich schlicht nicht leisten. Sie wohnen in kleinsten Wohnungen, Notunterkünften, im Zelt unter der Brücke. Viele leben ohne Heizung und ohne Strom. Die meisten sind noch nie in ihrem Leben geflogen. Sie haben keine Autos, schon gar keine SUVs, wenn dann brauchen sie alte Autos auf. Sie fahren mit der Bahn, laufen weite Strecken oder fahren, wenn möglich Rad.

Sie streamen keine Filme oder Musik, haben nicht jedes Jahr das neueste Handy, weder Skifahren noch Shoppingtouren gehören zu ihren Freizeitbeschäftigungen. Urlaub gibt es nicht, wenn dann auf dem Balkon oder den Neckarwiesen.
Sie tragen die Kleidung aus der Kleiderkammer auf, die andere nicht wollen oder brauchen. Viele von ihnen essen Fleisch überhaupt nur in der Zeit der Vesperkirche. Und schon gar nicht fliegen sie zum Spaß mit Raketen ins All!

Die Klimakatastrophe ist auch eine Ungerechtigkeitskatastrophe. Produziert von denen die zuviel haben und das auf Kosten derer die wenig haben!

Wer da mit dem Finger auf ärmere Menschen zeigt und sie verurteil für EINE Fleischmahlzeit, vergisst: Es müssen nicht die Verzicht lernen, die sowieso schon fast nichts haben, sondern die, denen alles selbstverständlich zur Verfügung steht – und das im Überfluss. Nicht nur bei uns, sondern weltweit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34897
22FEB2022
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Manchmal kann man echt den Glauben verlieren. Vielen Gästen unserer Vesperkirche geht das so. Ihr Leben eine Abfolge von Armut und Demütigungen, Krankheit und Gewalt und dem immer neuen Versuch irgendwie klar zu kommen.

Umso mehr beeindrucken mich diejenigen die sich in alledem einen geraden Blick bewahren, Witz, Mut und auch Wut. Wie der Mann, dem ich dieses Jahr wieder begegnet bin. Mit seinem freundlichen rosig runden Gesicht kommt er herein und nimmt Platz. Amüsiert erzählt er mir von seiner Unterhaltung mit einer Ehrenamtlichen. Sie kann ein paar Worte russisch. Er schimpft oft vor sich hin und sie hat das verstanden. Jetzt fängt er wieder an zu schimpfen.

Vor Jahren ist er nach Deutschland gekommen mit seiner Mutter aus Kasachstan. Er hat viel und schwer gearbeitet. Dann ist die Mutter krank geworden und er später auch. Er war in der Psychiatrie – und hat es gehasst. Wütend bricht es aus ihm hervor ‚die wollen dass du gefügig bist. Du sollst ruhig sein. Die quetschen erst deinen Verstand aus, dann deine Seele.

Da hab ich den Glauben verloren. Aber mich kriegen sie nicht klein.‘ Als er geht, dreht er sich um und ruft: ‚Gott segne sie!‘ ‚Sie glauben doch gar nicht an Gott‘, erwidere ich! ‚Hier schon!‘ sagt er, grinst und stromert mit seinem Rolli aus der Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34894